Speyer
Lage auf der Intensivstation: Menschen im unmenschlichen System
„Wir sind abgemeldet“, sagt Martin Meuser-Lange, der seit zehn Jahren Intensiv-Oberarzt am „Vincenz“ ist. Er meint damit die Verfügbarkeit für die Leitstelle. „Ob und wann wir weitere Covid-Patienten aufnehmen können, entscheiden wir von Tag zu Tag.“ Das Krankenhaus hält 14 Intensivplätze und weitere Notfallplätze in einem ehemaligen Aufwachraum und aktuell stillgelegten Operationssälen bereit. „Jeder Notfall, ob mit oder ohne Corona, wird versorgt“, betont Meuser-Lange.
Die Verteilung von Covid-Fällen auf freie Intensivplätze hat das Land in fünf rheinland-pfälzischen Oberzentren organisiert. Für Speyer ist laut Meuser-Lange das Klinikum Ludwigshafen Ansprechpartner. „Wir haben Covid-Patienten mit akutem Behandlungs- und Beatmungsbedarf per Hubschrauber bis Koblenz, Trier und Mainz gebracht“, berichtet der Oberarzt. Alle acht Intensiv-Covid-Patienten müssten beatmet werden. Der Zustand der Patienten auf der Isolierstation könne sich jederzeit ändern.
Chefarzt Dr. Oliver Niederer berichtet von längeren Klinikaufenthalten und jüngeren Patienten im Vergleich zur ersten Corona-Welle im vergangenen Jahr. „Vor ein paar Tagen ist ein Mann mit knapp 50 Jahren an dem Virus gestorben.“ Dass inzwischen deutlich jüngere Covid-Patienten in der Klinik um ihr Leben kämpften, sei gerade für die Pflegekräfte besonders belastend, betont Meuser-Lange. „Sie sind Teil eines Systems, das zwangsläufig teilweise unmenschlich ist.“
Eigene Ethik-Kommission
Der Oberarzt ist froh, dass die Mediziner im Krankenhaus bisher noch nicht darüber entscheiden mussten, einem Patienten eine Behandlung zu versagen, weil Ressourcen fehlten. Um eine solche „Triage“ – der Begriff aus der Militärmedizin beschreibt die Priorisierung medizinischer Hilfeleistungen – zu vermeiden, seien entsprechende Szenarien vorgeschaltet, etwa die Rücksprache mit der hauseigenen Ethik-Kommission. Sie besteht laut Meuser-Lange aus Ärzten, Pflegekräften und Seelsorgern und ist auch für das Ludwigshafener Krankenhaus „Zum Guten Hirten“ zuständig.
„Unsere personellen Kapazitäten sind erschöpft“, erklärt Chefarzt Niederer. Nicht alle vorhandenen Intensivplätze im „Vinzenz“ könnten genutzt werden. Fachkräfte und Pflegehelfer müssten die Patienten in Schutzkleidung versorgen, Hände halten, Sterbende begleiten, Sprach- und kulturelle Barrieren überwinden und den Unmut mancher Angehörigen aushalten. Bis zu sechs Pflegekräfte seien nötig, um einen Covid-Patienten fachgerecht zu wenden. Die körperlichen Herausforderungen seien hoch.
Belastung sorgt für Ausfälle
Personalmangel und mehr als ein Jahr Dauerbelastung habe zu vielen Krankheitsfällen im Pflegebereich des „Vincenz“ geführt, berichtet Chefarzt Niederer. Im vergangenen Jahr seien zahlreiche Mitarbeiter an Sars-CoV-2 erkrankt und hätten sich in Quarantäne begeben müssen. Die Impfung habe die Situation entspannt. Inzwischen führten eingeschränkte Erholungsphasen, intensivere Schichten und kontinuierliche psychische und physische Belastung zu krankheitsbedingten Personalausfällen. Deshalb könne das Krankenhaus derzeit keine weiteren Covid-Patienten aufnehmen.
Auch an Meuser-Lange gingen die Schicksale der Patienten nicht spurlos vorbei. „Professionelle Distanz, Erfahrung und Demut helfen“, sagt er. Dennoch vergieße er manche Träne beim Gedanken „an die, die es nicht geschafft haben“.
Das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus meldet am Donnerstag 16 Intensiv-Patienten, davon drei Covid-Erkrankte, die beatmet werden müssen. Insgesamt lägen aktuell 13 Covid-Patienten im „Diak“.
RHEINPFALZ-Kommentar von Ellen Korelus-Bruder
Solidarisch sein
Sonntagsreden und Applaus für medizinisches Personal wirken nicht gegen deren hohe Belastung in der Pandemie. Wir müssen solidarisch sein.
Freundlichkeit und gelebte Wertschätzung würden denen besser gerecht, die Tag und Nacht an Intensivbetten stehen – immer wieder, bis sie nicht mehr können oder selbst krank werden. Und dennoch ist die Pflege auch in der Corona-Pandemie der Traumberuf vieler Fachkräfte geblieben. Um den dringend benötigten beruflichen Nachwuchs für den Berufszweig zu begeistern, müssen Politiker bessere Bedingungen schaffen. Und wir müssen uns mit den Pflegekräften in jeder Hinsicht solidarisch erweisen. Schon morgen könnte jeder von uns auf gute Pflege im Krankenhaus angewiesen sein.