Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Kinder- und Jugendpsychiatrie: Patientenzahl der Tagesklinik steigt deutlich

Vor der Speyerer Tagesklinik in der Otto-Mayer-Straße: Oberärztin Nadja Henninger.
Vor der Speyerer Tagesklinik in der Otto-Mayer-Straße: Oberärztin Nadja Henninger.

Seit 2017 gibt es die Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Speyer. Die Anzahl der Patienten von fünf bis 18 Jahren hat sich fast verdoppelt. Was steckt dahinter?

„Wir hatten eine Pandemie und andere Krisen, die junge Menschen beeinträchtigt haben“, sagt Günther Stratmann. Der Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Pfalzklinikums Klingenmünster könnte stundenlang über die vielschichtigen Probleme seiner jungen Patienten dozieren, kann sie aber auch auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Zunehmenden Bedarf gebe es in allen vier Tageskliniken des Pfalzklinikums, nicht nur in Speyer. Hier sei die Anzahl aber besonders stark in die Höhe gegangen: von 326 Patienten im ersten kompletten Betriebsjahr 2018 auf 628 im vergangenen Jahr.

30 Mitarbeiter zählt die Einrichtung in der Otto-Mayer-Straße. Chefarzt Stratmann übernimmt selbst Visiten, vor Ort ist aber Oberärztin Nadja Henninger verantwortlich. Bei der Ursachensuche sind sich beide einig: Junge Leute mit Problemen, die zuvor vielleicht mit Mühen ihren täglichen Verpflichtungen nachkommen konnten, hätten das nach der Corona-Zeit oft nicht mehr geschafft. Auch die Klimakrise habe viele ängstlicher gemacht, berichtet Stratmann. Die Kriege in der Welt, terroristische Anschläge oder auch wirtschaftliche Probleme in den Inflationsjahren verstärkten solche Tendenzen.

Warteliste von Anfang an

Wartelisten gebe es in Speyer von Anfang an. Das betreffe vor allem die 20 festen Therapieplätze. „Neue Patienten können wir aber relativ schnell sehen und überbrückende Behandlungen organisieren“, betont Stratmann. Die Kapazitäten seien auch leicht erhöht worden, seit 2020 die sogenannte Zu-Hause-Behandlung als neue Möglichkeit hingekommen sei. Sie sei mit fünf Patienten gestartet und heute bei 45 angelangt. Die Betroffenen erhielten mehrmals wöchentlich Hausbesuche aus dem multiprofessionellen Team der Tagesklinik, was letztlich deutlich intensiver sei als eine ambulante Therapie.

„Wenn wir direkt ins Lebensumfeld der Patienten gehen, haben wir mehr Möglichkeiten“, erklärt Henninger. „Oft sehen wir dann auch genauer, wo die Schwierigkeiten liegen.“ Daraus könnten zum Beispiel sogenannte Expositionsübungen abgeleitet werden: Wenn sich soziale Ängste zum Beispiel darin äußerten, dass ein Kind oder Jugendlicher sich nicht traue, selbst ein Eis zu kaufen oder mit dem Bus zu fahren, dann werde genau das zusammen mit dem Therapeuten gemacht. Ob zu Hause, stationär, teilstationär oder ambulant: Die Speyerer Experten bemerken in allen Therapiebereichen ähnliche Entwicklungen:

1. Bei Mädchen vor allem zwischen 13 und 17 Jahren haben Ess- und Angststörungen sowie Depressionen zugenommen, berichtet Stratmann. „Bei Jungen ist das nicht im gleichen Maß zu beobachten.“ Im Kindesalter seien beide Geschlechter in etwa gleich oft betroffen; im Jugendalter gebe es sogar leichte Rückgänge beim männlichen Geschlecht. Im Detail erklärbar sei das nicht, so der Chefarzt. Eine Ursache könnte sein, dass betroffene Jungen nicht so schnell um Hilfe nachsuchten.

2. Auffällig ist laut Stratmann vor allem die Zunahme von Essstörungen bei Mädchen, darunter mehr und mehr Fälle, die schwierig zu behandeln sind. Dabei hätten sich die Möglichkeiten des Pfalzklinikums erweitert: „Früher wurden diese Patienten unterhalb eines bestimmten Body-Mass-Index immer stationär aufgenommen, heute ist auch die Tagesklinik oder die Zu-Hause-Behandlung denkbar.“

3. Nach der Pandemie ist „die Schere auseinandergegangen“, wie es Stratmann ausdrückt: Manche Kinder und Jugendlichen hätten es in der Zeit des Distanzunterrichts geschafft, sich besonders gut zu organisieren und damit fürs Leben zu lernen, andere seien hingegen „abgehängt worden“. Oberärztin Henninger erklärt das am Beispiel von Patienten mit sozialen Ängsten: Als nach den Lockdowns „alles wieder auf sie eingeprasselt“ sei, hätten sie es oft nicht geschafft, das zu kompensieren.

4. Schulabsentismus zeige zunehmend problematische Erscheinungsformen, so Stratmann: Die Phasen würden länger und die Patienten jünger („schon im Grundschulalter“). „Es ist immer wichtig, die Gründe dafür zu verstehen“, sagt der Chefarzt. Teilweise spiele dabei auch Suchtverhalten eine Rolle.

5. Auch die Teillegalisierung von Cannabis bereitet den Medizinern Sorgen. Es gebe zwar noch keinen erheblichen Anstieg von durch Drogen ausgelösten Psychosen, so Stratmann. „Die Schwellenwerte sollten aber nicht noch weiter absinken, denn es geht nicht immer gut.“ Dass die Fallzahlen nicht stiegen, erklärt er auch damit, „dass es schon vor der Legalisierung für Unter-18-Jährige relativ leicht war, an Drogen zu kommen“.

6. Viele Kinder und Jugendliche nutzten elektronische Geräte in einer Art und Weise, die ihnen nicht gut tue. Stratmann: „Für manche ist das so herausfordernd, dass sie nicht mehr in der Lage sind, an täglichen Aktivitäten teilzunehmen.“ Dieses Problem werde aktuell gesellschaftlich unterschätzt, ist der Chefarzt überzeugt.

Ziel: Vorurteile abbauen

Die Verantwortlichen sind zufrieden mit der Entwicklung ihrer Speyerer Tagesklinik. Das bauliche Problem, dass nach den acht Jahren schon eine Erneuerung der Fassade erforderlich sei, habe damit ja nichts zu tun, so Stratmann. Der Bedarf an der aus weiten Teilen der Vorder- und Südpfalz besuchten Einrichtung sei eindeutig, ihre Bekanntheit steige. Das ist ganz im Sinn von Oberärztin Henninger, der daran gelegen ist, Vorurteile gegenüber der Psychiatrie abzubauen. Dass dies in Speyer gelinge, erkläre zum Teil auch die steigenden Patientenzahlen. „Lieber früher kommen, dann ist der Patient oft schneller wieder stabil“, so ihr Rat.

Termin

Oberärztin Nadia Henninger spricht über die Tagesklinik am Samstag, 17. Mai, 10.45 Uhr, beim Gesundheitsmarkt für seelische Gesundheit in der Stadthalle Speyer (10 bis 16 Uhr).

Günther Stratmann
Günther Stratmann
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