Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Kein Gespräch mehr mit der todkranken Mutter

Notfallmedizin: Im Ernstfall kann es um Minuten gehen.
Notfallmedizin: Im Ernstfall kann es um Minuten gehen.

Corona-bedingte Besuchsverbote von Patienten in Krankenhäusern können grausam sein. Besonders dann, wenn nahe Verwandte Todkranken nicht mehr in die Augen sehen und Trost spenden dürfen. Dirk Schulze (47) aus Dudenhofen kann ein trauriges Lied davon singen.

Frührentner Dirk Schulze betreute schon seit Jahren seine krebskranke Mutter in Speyer, nachdem sein Vater gestorben war. Am Mittwoch, 13. Mai, fuhr er sie am Vormittag zur Dialyse und wartete darauf, dass sie ihn wie üblich nach Beendigung der Behandlung anrief. Es hatten sich aber Atmungsprobleme bei der 66-Jährigen ergeben, die aus diesem Grund ins Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus gebracht wurde.

Um sich für den dortigen Aufenthalt ein paar Sachen zu packen, fuhr die Frau mit dem Taxi heim und rief von dort ihren Sohn an. Der war zunächst überrascht über die unvorhergesehene Klinik-Einweisung seiner Mutter und fuhr diese samt Gepäck ins Krankenhaus. Am Schaltercontainer – derzeit erfolgt Corona-bedingt der Zugang nicht über den normalen Empfang – wollte er seine Personalien und Kontaktdaten angeben. Aber: „Das hat keinen interessiert.“ Von zu Hause aus unternahm er später einen weiteren Versuch. Immerhin wurde er zur Zentralen Notaufnahme verbunden. Dort erfuhr er, dass er seine Mutter nicht besuchen dürfe. Als Vorsichtsmaßnahme wegen der Pandemie.

Dringender Vermerk

Dirk Schulze, jetzt ernsthaft beunruhigt, machte sich mit der Patientenverfügung seiner Mutter auf nach Speyer. Dem Dokument hatte er einen dringenden Vermerk beigefügt, man möge ihn verständigen, wenn irgendeine weitere Behandlung geplant sei. Er bitte in einem solchen Fall um ein vorhergehendes Gespräch. Es meldete sich niemand.

In den Folgetagen erhielt Schulze jeweils abends einen kurzen Anruf seiner Mutter, aber auch die Auskunft, dass auf der Station die Patientenverfügung mit Dringlichkeitsvermerk nicht vorgelegen habe. Der Dudenhofener fuhr abermals zum Krankenhaus und gab dort eine Kopie der Papiere ab mit der Bitte, sie unverzüglich weiterzuleiten. Von seiner Mutter erfuhr er abends, dass die Post auf der Station angekommen sei. Sie informierte ihn auch darüber, dass am 19. Mai bei ihr eine Lungen-Biopsie, also eine Gewebeentnahme, gemacht werden sollte.

„Nichts mehr zu machen“

Am Abend dieses Tages wunderte sich Schulze dann über den ausbleibenden Anruf seiner Mutter. Um 21.30 Uhr rief er tiefbesorgt auf der Station an. Dort habe man ihn an die Zentrale Notaufnahme verwiesen. Und jetzt erhielt der Sohn am Telefon die Auskunft, dass seine Mutter auf der Intensivstation liege und dass es sehr schlecht um sie stehe. Eine Viertelstunde später bekam Schulze zunächst einen Arzt und dann einen Chirurgen ans Telefon mit der niederschmetternden Auskunft: „Nichts mehr zu machen.“

Jetzt erhielten Dirk Schulze und seine Frau die Zutrittserlaubnis. Gegen 23 Uhr machten sie sich auf den Weg. Aber die Seniorin war nicht mehr ansprechbar. Kurz nach Mitternacht war sie tot.

Das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus begründet die Beschränkungen für Besucher mit der Corona-Pandemie. Seit 20. März ist es für Besucher geschlossen – mit Ausnahmen. Ausgenommen sind Väter oder eine andere Begleitperson von werdenden Müttern, Eltern von Kindern in stationärer Behandlung sowie Angehörige von Schwerstkranken. Diakonissen-Sprecherin Barbara Fresenius: „Die Akzeptanz dieser Regelung war hoch.“ Der Schutz der Patienten und des Pflegepersonals habe Priorität. Jetzt werde hausintern die Lockerung der Regelungen vorbereitet: „Geplant ist, dass Patienten einmal täglich Besuch von einer nahestehenden Person erhalten können. Die vom jeweiligen Patienten bestimmte Person erhält mittels Identifikationsband Zutritt zur Klinik.“

„Akute Notfallsituation“

Im Fall von Dirk Schulzes Mutter habe sich der Zustand der Patientin zunächst stabilisiert, sodass sie auf die Normalstation verlegt worden sei und damit keine Ausnahme vom Besuchsverbot gegriffen habe. Am 19. Mai sei es dann in der Nacht zu einer „akuten Notfallsituation“ gekommen, so Fresenius. Die Ärzte hätten sich zunächst über das medizinische Vorgehen beraten, dann direkt den Sohn der Frau verständigt.

Dirk Schulze
Dirk Schulze
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