Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Kabarettistin Anny Hartmann kommt auf Einladung des Weltladens

Anny Hartmann
Anny Hartmann

Zur Feier seines 35-jährigen Bestehens hat der Speyerer Weltladen die Kölner Kabarettistin Anny Hartmann engagiert. Im Paradiesgarten der Dreifaltigkeitskirche will sie das Weltbild ihrer Zuhörer gerade rücken. Ellen Korelus-Bruder hat sie gefragt, wie das geht.

Frau Hartmann, Sie haben ein Diplom in Volkswirtschaft, waren in einem Kreditinstitut beschäftigt, dann auf der Comedy-Bühne und erobern jetzt das politische Kabarett. Ist der Weg konsequent?
Klar, erst das Handwerkszeug lernen, dann ans Eingemachte gehen.

Kennen Sie Politiker, die sich im Alltag ihrer Wähler auskennen?
Meine Erfahrung in Zeiten von Corona und mit den „Staatshilfen“, die bei kaum einem Soloselbständigen ankommen, muss ich die Frage mit Nein beantworten.

Was meinen Sie: Können Kapitalismus und Demokratie zusammen?
Das glaube ich schon. Dafür bräuchte es allerdings einen starken Staat, der einen ordnungspolitischen Rahmen setzt und nicht alles dem Markt überlässt. Meiner Meinung nach gibt es auch Hoheitsaufgaben, die nicht privatisiert werden dürfen: Bildung, Infrastruktur, Gesundheit und Pflege, Energieversorgung, Wasser – in all diesen Bereichen haben die Gewinnbestrebungen einzelner Akteure nichts zu suchen.

Sind wir wirklich alle käuflich oder ist das nur ein dummer Spruch?
Ich glaube und hoffe nicht, dass wir alle käuflich sind. Was ich weiß ist, dass Gesundheit, Freundschaft, Glück nicht käuflich, aber enorm wichtig für ein zufriedenes Leben sind.

Regiert Geld die Welt?
Leider ja.

Haben Lobbyisten die Politik inzwischen fest im Griff?
In Deutschland leider stärker als in anderen Ländern. Auf einen Bundestagsabgeordneten kommen mittlerweile acht Lobbyisten – man müsste wohl eher von 'Achtgeordneten' sprechen ;-)

Wie reagieren Sie auf bestehende Ungerechtigkeiten?
Ich versuche durch Aufklärung den Blick darauf zu schärfen – und langfristig die Menschen vielleicht zu einem veränderten Wahlverhalten anzuregen.

Die schwarze Null ist kein Thema, Soforthilfen werden über Teilen der Wirtschaft und Bevölkerung ausgeschüttet, die Mehrwertsteuer ist bis zum Jahresende gesenkt.Hat die Pandemie etwas verändert?
Vielleicht sieht es oberflächlich so aus. Aber leider haben auch in dieser Krisenzeit die Lobbyisten viele Entscheidungen beeinflusst. Nur ein Beispiel: Lufthansa hat 9 Milliarden Euro an Staatshilfe erhalten, für die gesamte Kulturszene in ganz Deutschland gab es nur eine Milliarde. Und Kultur ist bestimmt weniger umweltschädlich als Flugzeuge in der Luft.

Könnte das bedingungslose Grundeinkommen Politik und Gesellschaft positiv beeinflussen?
Die Zeit dafür ist meiner Meinung spätestens seit 1946 reif....

Waren Sie von der Einladung des Speyerer Weltladens zu seinem 35-jährigen Bestehen überrascht?
Ich habe mich eher gefreut. In meinen Jahresrückblicken mache ich immer kleine Zitaträtsel, für eine richtige Antwort bekommen die Zuschauer Schokolade. Seit Jahren kaufe ich dafür die fair-gehandelte Bio-Schokolade aus dem Weltladen in Köln. Insofern fühle ich mich den Weltläden sehr verbunden.

Welche Rolle schreiben Sie den Weltläden zu?
Es ist wichtig, dass es sie gibt. Ich finde es toll, wie viele vor allem Frauen sich da ehrenamtlich engagieren. Es müssten viel mehr Menschen in diesen Läden einkaufen. Am besten wäre es natürlich, wenn es keine Weltläden mehr bräuchte, weil alle Produkte in allen Geschäften fair gehandelt würden.

Wie lautet die Botschaft, die Sie nach Speyer bringen?
Trotz aller Missstände die Lebensfreude nicht verlieren. Ich gebe bei meinem Auftritt auch einen sehr schönen praktischen Tipp, wie das geht. Das kann jeder sofort umsetzen.

Kann der ökonomische Ist-Zustand auch lustig sein?
Wenn ich meinen Job gut mache, ja!

Denken Sie eigentlich noch schneller als Sie reden?
Tatsächlich. Beim Reden habe ich mir schon antrainiert, etwas langsamer zu sprechen. Ja genau, früher habe ich noch schneller geredet. Außerdem spreche ich sehr deutlich, das wiegt das Tempo wieder auf.

Zur Person:

Anny Hartmann hat als Diplom-Volkswirtin ein paar Jahre bei einer Bank gearbeitet, bevor sie sich im Jahr 2003 entschloss, ihren Beruf aufzugeben und ihr Geld als Bühnenkünstlerin zu verdienen. Sie tourt mit ihren Kabarett-Programmen durch ganz Deutschland und ist am 29. September wieder in der ZDF Sendung „Die Anstalt“ zu sehen. Anny Hartmann lebt mit ihrem Mann am Rande von Köln.

Termin

Donnerstag, 17. September, 19.30 Uhr, Paradiesgarten der Dreifaltigkeitskirche, Große Himmelsgasse 4, Speyer. Karten gibt es für 22 Euro im Speyerer Weltladen, Korngasse 31 oder online unter der Proticket-Hotline Telefon 0231 – 917 22 9. Mit 25-Euro-Soli-Tickets unterstützen Käufer die Arbeit der Initiativgruppe „Eine Welt“ Speyer e.V. und die Künstlerin.

Ellen Bruder

Redakteurin

Telefon 062321328884

Mobil 01778234100

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