Speyer
Kabarett mit Anny Hartmann
Begeisterte Besucher haben im fast ausverkauften Paradiesgarten das Programm „No Lobby Is Perfect“ unter freiem Himmel genossen.
„Ich möchte nur noch in Speyer spielen“, schwärmt Hartmann, blickt sie doch auf voll besetzte Bierbänke vor der Bühne und in eine laue Herbstnacht. Die monatelange Corona-Zwangspause hat an der politischen Kabarettistin gezehrt. Ihr Mitgefühl gilt vor allem den Kulturschaffenden und Soloselbständigen, die die Pandemie ins wirtschaftliche Aus katapultiert hat. „Hartz 4 heißt jetzt Grundsicherung und ist trotzdem Hartz 4“, bringt sie es auf den Punkt.
Für das Grundeinkommen
Hartmann steht bedingungslos für Grundeinkommen. „Damit wäre Adolf Hitler Maler geblieben“, ist sie überzeugt. „Bleiben Sie lokal und zahlen Sie bar“, rät sie den Zuhörern und fügt hinzu: „Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft machen glücklicher als Verachtung.“
Hartmann teilt aus, verschont dabei weder Politiker noch Lobbyisten, noch nicht einmal ihre Heimatstadt Köln. Authentisch rheinisch kritisiert sie die Selbstverliebtheit der Kölner, erzählt von ihrer Zeit als Angestellte der städtischen Sparkasse. „In Köln trägt die ganze Stadt eine Pappnase, nur meine Kollegen nicht“. Denen und eigentlich sämtlichen Bänkern spricht sie jeden Humor ab.
Kohl als „Linker“
Die Kabarettistin geht hart mit der „vergeigten“ Verkehrswende ins Gericht, berichtet von akutell 7000 bis zu einem Jahr Haft verurteilten Straftätern wegen „Beförderungserschleichung“, zu gut deutsch „Schwarzfahrens“. Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung hingegen würden als Ordnungswidrigkeiten verharmlost. Für den Schwarzen Kontinent sieht Hartmann auch im übertragenen Sinn schwarz.
Im fiktiven Telefonat zwischen einem Lobbyisten und einer Journalistin bedauert die studierte Volkswirtin die Vertreterin der schreibenden Zunft. Ihr Gehalt setze extremen Idealismus voraus, ist Hartmann als Lobby-Vertreter sicher.
Überhaupt ist in ihren Augen Deutschland ein einziges Lobby-Paradies. Nicht nur „das Nestlé-Häkchen“ Julia Klöckner sei für diese Branche ein gefundenes Fressen. CDU-FDP-Koalitionen bezeichnet Hartmann mit „Schwarz/Geld“. Die Linkspartei lobt sie dafür, dass sie keine Unternehmensspende annimmt. „Deshalb geht sie bei Wahlen auch immer unter.“ Nach Hartmanns Logik war Altkanzler Helmut Kohl auch ein Linker. „Unter seiner Regierung gab es Vermögenssteuer und 50 Prozent Spitzensteuersatz.“
In Sachen Gleichberechtigung, Augenhöhe und Respekt im Bereich Frauen und Männer bleibt in den Augen der Kabarettistin noch viel zu tun.
„Coroni statt Soli“
Hartmann verteufelt die so genannte neue soziale Marktwirtschaft und wünscht sich „Coroni statt Soli“.
Eigentlich will die Kabarettistin nicht darüber reden, dass jeder auf Kosten des anderen lebt: „Wenn ich darüber sprechen würde, was man alles nicht soll, wäre die Stimmung im Arsch.“ Geld regiert die Welt, dabei ist laut Hartmann die Urform menschlichen Handelns das Schenken und das Fundament Vertrauen.
Zum Abschluss erzählt die Kölnerin ihren liebsten Häschenwitz. Häschen überlebt darin den Bärentod.
Das Publikum hat sich am Donnerstag im Paradiesgarten gut amüsiert, manches Mal ist das Lachen im Hals steckengeblieben. Mit CD, einem Buch zum Weiterdenken und der Erkenntnis „No Lobby Is Perfect“ haben die Besucher den Heimweg angetreten. Und Hartmann ist mit einer Tüte Weltladen-Proviant verkehrswende- und klimaschutzmäßig vorbildlich in den Zug nach Köln gestiegen.