Speyer
Künstlerinnen-Projekt in der Winkeldruckerey: Dialog der Formen und Farben
Als sie in Speyer ankommen, gibt es noch keinen Plan für die Arbeit im Kulturhof Flachsgasse. Sie haben weder Druckform noch Text-Idee mitgebracht, denn Schneider und Stoltz lieben das Improvisieren und wollen sich auf die örtlichen Gegebenheiten einlassen. Die in der Winkeldruckerey vorhandenen Schriften, Farben, Mittel und Möglichkeiten sollen ausschöpft werden, sagen sie.
Was wir aus der Jazzmusik gut kennen, dass Musiker auf der Bühne eine Klangfolge oder ein musikalisches Motiv aufgreifen und dann frei improvisieren, beschreiben die beiden für sich und ihr experimentierfreudiges Druckverfahren folgendermaßen: Ausgangspunkt ist eine individuelle künstlerische Idee. Die vorhandenen Schriften und Farben sind die Instrumente, auf deren Klaviatur dann diese Idee bespielt wird.
Variationen und Ergänzungen
Beide Künstlerinnen, die an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach Visuelle Kommunikation studiert haben, schwingen sich auf ein „wir wissen noch nicht, wo es hingeht“ ein und reagieren auf das, was eine von beiden in einem Druckdurchgang aufs Blatt bringt. In den nachfolgenden Durchgängen kommt es zu einem künstlerischen Dialog, in dem Formen, Farben und Buchstaben aufeinander reagieren.
So entstehen zahlreiche Variationen und Ergänzungen eines Motivs, bei dem am Ende keine durchnummerierte Serie, sondern viele Unikate stehen. Jedes Blatt ist eine einzigartige Kombination aus Formen, Farben, Buchstaben und Worten. Beide Künstlerinnen beschreiben das als ein eigenes Prinzip der Bildfindung. Es gibt keine fertig geschnittene Druckform. Die Schichtung des künstlerischen Blattes in zahlreichen Druckdurchgängen hilft beim Improvisieren. Dabei entstehen atmosphärische Bild- und Textkompositionen mit vielfachen Überlagerungen.
Beeindruckt von der Stadt
Auch Speyer hat sie dabei erkennbar inspiriert. Bei Besuchen im Kaiserdom und im Judenhof entdecken sie ein ganz besonderes Motiv: In der Katharinen-Kapelle des Domes wird ein Stück des Brautkleides der Heiligen Elisabeth von Thüringen als Reliquie aufbewahrt. Die markante Form der Bleiverglasung dieses Stofffetzens wird fotografiert, das Motiv in Linoleum geschnitten und in die gedruckten Variationen ihrer künstlerischen Blätter aufgenommen.
Beeindruckt zeigen sich beide von der großen Historie der Stadt, die in ihren Baudenkmälern noch greifbar nahe ist. Beide kennen Speyer von früheren Besuchen. Bereits 2016 haben sie - verbunden mit einer Tanzperformance – im Landesbibliothekszentrum unter dem Titel „mit den augen hören“ Bücher und Bilder aus ihrem Schaffen gezeigt.
Große Vertrautheit im Arbeitsprozess
Gefragt nach dem Reiz ihrer langjährigen Zusammenarbeit, antwortet Schneider, dass dieser Dialog ganz andere Wege und Ergebnisse ermöglicht als das individuelle Arbeiten an einem Projekt. Es ist eine Art Wechselspiel, in dem geantwortet, fortgesetzt oder auch widersprochen wird. Zu Beginn ihrer gemeinsamen künstlerischen Arbeit hätte es noch ausführliche gegenseitige Erläuterungen gegeben, warum eine bestimmte Antwort gewählt wurde. Aber mittlerweile gibt es eine große Vertrautheit im Arbeitsprozess, sagt Schneider. Bei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten gebe es auch immer wieder gegenseitige Überraschungen. Und das sei einfach schön. Beide suchen das Experimentelle und neue Formen der Zusammenarbeit, auch im digitalen Bereich.
Uta Schneider ist selbstständig als Dozentin, bildende Künstlerin und Gestalterin. Sie lebt und arbeitet in Offenbach. Von 2001 bis 2011 war sie als Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst tätig, verantwortlich für die Wettbewerbe „Die schönsten deutschen Bücher“ und „Schönste Bücher aus aller Welt“. Ulrike Stoltz ist Künstlerin und lehrte als Professorin für Typographie und Buchgestaltung an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Sie lebt heute in Berlin. Viele ihrer Projekte vermitteln und reflektieren das Genre „Künstlerbuch“.
Mit Containerschiff in die USA
Für ihre künstlerischen Projekte waren beide oft gemeinsam unterwegs. 2001 erhielten sie ein Stipendium von Nexus Press, einer Künstlerbuchpresse in Atlanta in den USA. Unter dem Thema „Boote und Bücher als Transportmittel für Inhalte“ befasste sich das Künstlerduo intensiv mit dem genannten Thema. Mit einem Containerschiff sind sie über den Atlantik gereist und haben daraus auch ein Buch gemacht. Das Thema der „Boote und Bücher“ beschäftigt sie noch heute intensiv. „Aber heute, angesichts der Flüchtlingskrise, kann man nicht mehr mit der gleichen Unschuld am Meer stehen wie damals“, sagt Stoltz. Wie man mit dieser neuen Situation, diesem ganzen Komplex von Problemen rund um das Thema „Meer“ umgeht, das wird auch weiter ein wichtiges Thema für sie sein.