Speyer Jeder Tag ein Muttertag
DUDENHOFEN. Erika Lang erledigt ihren Haushalt noch selbst. Gemeinsam mit ihrem Ehemann lebt die 78-Jährige im betreuten Wohnen der Seniorenresidenz. Zwei Söhne und eine Tochter haben gestern ihre Mutter gefeiert – der älteste ist 52, der „Kleine“ 48 Jahre alt. „Ich war ganz und gar für meine Kinder da“, betont Erika Lang. „Wenn sie da sind, gehört die Mutter ins Haus.“ Diesen Standpunkt vertritt die Seniorin bis heute. In einer Kölner Siedlung hat sie ihre Kinder großgezogen, sich ihre Sorgen und Nöte angehört, die sie von der Schule mit nach Hause gebracht haben, mit ihnen Plätzchen gebacken, Berge bestiegen und sie durchs Studium geboxt. „Daran habe ich richtig mitgearbeitet“, sagt Erika Lang. Bis zur Hochzeit war die Kölnerin kaufmännische Angestellte mit hauswirtschaftlicher Ausbildung. „Koch- und Näh-Fertigkeiten waren damals für Mädchen wichtiger als Bildung“, beschreibt Erika Lang gesellschaftliche Gegebenheiten der 1960-er Jahre. „Wir sollten auf Haushaltsführung in der Ehe vorbereitet werden.“ Frauen der heutigen Wegwerfgesellschaft könnten oft weder Strümpfe stopfen noch einkochen. „Wie wollen sie in schlechten Zeiten überleben?“, fragt sich Erika Lang. Auch ihre Söhne könnten kochen, bügeln und backen. „Das habe ich ihnen beigebracht.“ Dass sie sie nur an hohen Feiertagen sieht, bedauert die Seniorin. „Sie sind in Korea.“ Telefonate ersetzten den persönlichen Kontakt nicht, sagt sie. Ihre Tochter habe sie in die Pfalz geholt. Wehmütig denkt Erika Lang manchmal an das Leben in der Kölner Siedlung zurück. „Aber das Wichtigste ist geblieben: die Verbindung mit meinen Kindern.“ 87 Lebensjahre sind Maria Buresch nicht anzusehen. Ihren Ehrentag feiert die Seniorin gemeinsam mit Tochter Dagmar Breitkreutz (58). „Ich habe immer ein gutes Leben gehabt“, erklärt Maria Buresch zufrieden. Nach dem Tod ihres Mannes 2009 sei ihr im brandenburgischen Finsterwalde ziemlich einsam ums Herz geworden, erzählt Maria Buresch. Das Weggehen aus der Heimat sei ihr nicht leichtgefallen. Heute ist sie überzeugt: „Es war gut, dass Dagmar und mein Enkel mich vor drei Jahren nach Dudenhofen geholt haben.“ Die Tochter arbeitet als Demenzbetreuerin in der Seniorenresidenz. Ein paar Monate vor der Wende sei sie mit Mann und Kind aus der DDR ausgereist, berichtet Dagmar Breitkreutz vom Neuanfang im Westen. Ihr Sohn – damals acht – habe sich schnell eingefunden und sie zum neuen Beruf gefunden. In der DDR habe sie wie ihre Mutter als Finanzbuchhalterin gearbeitet. „Das System war aber völlig anders als hier.“ Gemeinsam erinnern sich Mutter und Tochter an die Zeit in der DDR. „Ich beklage mich nicht“, betont Maria Buresch. Als Ingenieur habe ihr Mann immer sein Auskommen gehabt. „Er war weder in der Partei noch bei der Staatssicherheit“, betont sie. „Wir waren sogar stolze Besitzer eines Wartburg. Das war das Vorzeigeauto in der DDR.“ Mit dem hätten sie die Ostsee und sämtliche Länder besucht, die für DDR-Bürger offen waren. „Aber mit dem Trabi sind wir 1968 nach Ungarn gefahren“, sagt die Tochter. Beide erinnern sich an die Aufstände, die während ihres Aufenthalts ausgebrochen seien und sie zunächst an der Rückreise gehindert hätten, an viel Leid und Armut und an die freundlichen Ungarn. Zu Hause in Finsterwalde hätten sie 35 Mark Monatsmiete für 65 Quadratmeter in einer Wohnungsgenossenschaft bezahlt. „Kindergarten, Schule und Hort waren kostenlos.“ Davon haben beide Mütter profitiert. „Tochter und Enkel waren da immer gut aufgehoben“, sagt Maria Buresch. „Der Kreis hat sich geschlossen“, fasst sie Entwicklungen und Veränderungen in ihrem Leben zusammen. Muttertag feiert sie im Garten ihrer Tochter. „Mein Leben ist wirklich schön.“ Auch Ingrid Siemer ist in die Nähe ihrer Tochter gezogen. Die meiste Zeit ihres Lebens hat die 86-Jährige in Hamburg verbracht. Ihre Erinnerung setzt am Vorabend eines Muttertags ein, als sie ihrer Mutter im elterlichen Schrebergarten Blumen gepflückt und sie samt Wasserglas im Gebüsch versteckt hat. „Manches Mal haben meine Mutter, meine Schwester und ich Tage und Nächte im Luftschutzkeller verbracht und Karten gespielt“, erzählt sie. „Der Vater war im Krieg, und wir wurden ausgebombt.“ Alles sei nach Kriegsende wieder gut geworden, auch der Vater sei zurückgekehrt. Nach ihrer Heirat sei sie mit ihrem Mann in eine Stadtwohnung gezogen, in der sie ihn, das Haus, Kind und Hund versorgt habe“, beschreibt Ingrid Siemer ihr Leben als Hamburger Hausfrau. Die Ferien habe die Familie auf dem Dauer-Campingplatz an der Ostsee verbracht. Dass sie ihren Beruf als technische Zeichnerin nach der Geburt ihrer Tochter nicht mehr ausgeübt habe, sei für damalige Zeiten ganz normal gewesen, sagt sie und ist froh über die Entscheidung für die Familie. Ihre zwei Kinder hat Elfriede Lydorf in Schifferstadt großgezogen. „Heute sind sie 66 und 59 Jahre alt.“ Voller Stolz blickt die 88-Jährige auf die Früchte ihres Lebens zurück. Vor der Geburt ihrer Tochter hätten sie und ihr Mann in der elterlichen Gärtnerei gearbeitet. „Aber als das Kind da war, war damit Schluss.“ Die ersten Schritte hätten ihre Kinder im eigenen Garten versucht. Im Kindergarten waren sie nicht. „Das war damals nicht üblich“, erklärt die Seniorin. Sie habe ihnen Märchen erzählt und sie gefördert. So viel mütterliche Zeit und Nähe wünscht Elfriede Lydorf auch den Kindern von heute. „Sie haben ja kaum noch Freizeit“, sagt sie. „Schon als Säuglinge müssen sie in die Krippe. Das kann ich nicht verstehen.“ Sie habe ihre Kinder überallhin mitgenommen und ihre Erziehung nicht fremden Leuten überlassen. Ihre 30-jährige aktive Mitgliedschaft im Deutschen Roten Kreuz habe begonnen, „als die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren“. Ihr Mann habe sie darin immer unterstützt, betont Elfriede Lydorf. An Muttertage ihrer Kindheit kann sie sich noch gut erinnern. „Mein Vater hat an dem Tag immer Frühstück gemacht und meiner Mutter einen großen Fliederstrauß geschenkt.“ Sie und ihr jüngerer Bruder hätten Bilder für die Mutter gemalt. „Jeder Tag soll ein Muttertag sein“, habe der Vater ihr mit auf den Weg gegeben. Auch das hat Elfriede Lydorf nicht vergessen. Von nicht nur rosigen Zeiten erzählt Liselotte Gössling. Sechs Kinder hat die 82-Jährige innerhalb von acht Jahren zur Welt gebracht. Das älteste ist heute 56. „Drei Windelkinder hatte ich immer“, erinnert sie sich an die harte Zeit ohne Pampers und Waschmaschine, ohne Kindergeld, dafür mit Geldsorgen. Im Einkochtopf habe sie die Windeln gewaschen. Jedes ihrer Kinder habe ein Instrument gelernt. „Das war uns wichtig“, sagt sie. Ihren Mann beschreibt sie so: „Er war ein Macho mit großem Kinderwunsch.“ Trotzdem sei sie froh, die großen Herausforderungen gemeistert und ihre Kinder und die acht Enkel um sich zu haben, betont sie. Liselotte Gössling hat vor ihrer Heirat in Bonn Jura und Sprachen studiert. Als „Mikätzchen“, benannt nach dem damaligen nordrhein-westfälischen Bildungsminister Paul Mikat, sei sie in Zeiten akuten Lehrermangels zur Hilfslehrerin ausgebildet worden. „Als meine Jüngste 15 war, habe ich am Gymnasium unterrichtet.“ Bis dahin hat sich Liselotte Gössling Familienzeit genommen. Sie sagt: „Ich war und bin der Meinung, dass Frauen dazu da sind, ihre Kinder zu erziehen.“