Speyer Je später der Abend, umso schräger die Finnen

Finnisch – aber nicht am Ende (von links): Saxofonist Pope Puolitaival, „Baikonur Girl“ Hanna Moisala, Sänger Ville Tuomi und An
Finnisch – aber nicht am Ende (von links): Saxofonist Pope Puolitaival, »Baikonur Girl« Hanna Moisala, Sänger Ville Tuomi und Anna Sainila von den Leningrad Cowboys bei einem Konzert vor vier Jahren in Magdeburg.

Es war die mutmaßlich späteste Show in der Speyerer Rockgeschichte: Zwischen 1 und 3 Uhr am frühen Morgen des 11. Oktober 2009 ging vor rund 500 Zuschauern in der Halle 101 ein besonderes Spektakel über die Bühne. Die Leningrad Cowboys aus Finnland beendeten das zweitägige Festival „I Sold My Soul For Rock’n’Roll“.

Ob Aki Kaurismäki von Anfang an klar war, was er da in Gang setzt? In jedem Fall ist es der finnische Filmemacher, dem die Menschheit die nach eigenen Angaben „schlechteste Rock’n’Roll-Band der Welt“ verdankt. Kaurismäki hatte für sein Roadmovie „Leningrad Cowboys Go America“ 1989 eine skurrile Formation zusammengestellt und dabei im Wesentlichen auf die finnischen Punkrocker Sleepy Sleepers zurückgegriffen. Was nur für den Film über die Konzertreise einer erfundenen Rockgruppe geplant war, hatte danach ein Eigenleben entwickelt: Die Leningrad Cowboys hatten sich zu einem eigenständigen Gesamtkunstwerk gemausert – mit „Einhorn“-Frisuren als Parodien auf Elvis-Presley-Haartollen und extrem spitz zulaufenden Schuhen. Ihre komödiantischen Bühnenshows und ihr wilder Musikmix mit Elementen aus Polka, Country, Mariachi, Foxtrott sowie Rock’n’Roll, angereichert mit teils echter, teils nachgeahmter russischer Folklore, hatten ihnen Fans in ganz Europa gesichert. 20 Jahre dauerte es, bis die Cowboys nach Speyer kamen – mit elf Musikern (darunter drei Bläser und bis zu vier Gitarristen) sowie zwei Tänzerinnen, den nach dem russischen Weltraumbahnhof benannten „Baikonur Girls“. Was sie dann in der Halle 101 ablieferten, war zwar vollständig frei von neuem oder eigenem Material, bewies aber, dass die Selbsteinschätzung der Band genauso wenig ernst gemeint ist wie alles andere auch. Mit der größten Selbstverständlichkeit stand „Back In The U.S.S.R.“ von den Beatles am Anfang des Programms. „Fight For Your Right (To Party)“ der Beastie Boys gab die weitere Richtung vor. Die gut gelaunten Finnen, so schien es, drehten so ziemlich alles durch den musikalischen Fleischwolf, was bei drei nicht auf den Bäumen war. So erwischte es unter anderem „Enter Sandman“ von Metallica ebenso wie „Gimme All Your Lovin’“ von ZZ Top, das die Leningrad Cowboys – passend zum Titel des Festivals, dessen Abschluss sie bildeten – als puren Rockabilly zelebrierten. Genüsslich zogen die Skandinavier den 2002 als Sommerhit und Modetanz allgegenwärtigen „Ketchup Song“ durch den Kakao. Liebevoll nahmen sie sich Thin Lizzy („Whiskey In The Jar“) und AC/DC („Let There Be Rock“) an. Selbst des Rock’n’Rolls eher unverdächtige Songs wie „Delilah“ von Tom Jones und „Kids In America“ von Kim Wilde waren nicht vor den Leningrad Cowboys sicher. Gerade diese Nummern zeigten dabei, was die Komiker aus dem hohen Norden in Wahrheit alles auf dem Kasten haben. Da stimmte so gut wie jeder Ton – instrumental wie auch bei Sänger Ville Tuomi. Mit „Those Were The Days“ beendeten sie ihre wilde Fahrt durch die Musikgeschichte – kein Zufall. Schließlich war dieses Lied einst nach der Vorlage „Dorogoi dlinnoyu“ des St. Petersburger Komponisten Boris Fomin entstanden. Kontakt —Jetzt sind Sie gefragt, liebe Leser: Waren Sie bei diesem Konzert dabei? Verbinden Sie eine Erinnerung mit den Leningrad Cowboys? Und wer sollte Ihrer Meinung nach unbedingt einmal (oder vielleicht auch noch einmal) in Speyer auftreten? —Schreiben Sie uns doch mal unter der E-Mail-Adresse redspe@rheinpfalz.de unter dem Betreff „Rock’n’Roll“ oder auf Facebook. Die spannendsten Beiträge greifen wir im Laufe unserer Serie auf.

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