Speyer
Interview: Clemens Bengert über Rolle von Hausärzten beim Impfen
Herr Dr. Bengert, sind die Pravo-Ärzte zur Impfung bereit?
Prinzipiell können alle Ärzte jederzeit impfen. Das Know-how liegt aber bei den Hausärzten. Sie können sicher sein: Das fachliche und organisatorische Talent müssen sie nicht mehr unter Beweis stellen.
Was ist da, was fehlt?
Die Infrastruktur ist vorhanden. Wir zum Beispiel haben für Impfungen eine eigene Containerpraxis errichtet. Unsere Praxisteams sind bestens qualifiziert. Was uns fehlt, ist Impfstoff und das Vertrauen der Politik in die niedergelassenen Ärzte, die den medizinischen Karren mit rund 80 Prozent aller Leistungen ziehen.
Wann kann es bei den Hausärzten losgehen?
Bisher hieß es: Frühestens Mitte April. Am Freitagabend sind wir dem Impfbeginn ein paar Minuten nähergekommen. Den Worten folgen Taten. Direkt nach Ostern geht es los, endlich! Eine Million Dosen auf 50.000 Ärzte heißt vorläufig je 20 Dosen pro Arzt und Woche. Ein Silberstreif am Horizont! Wir wollen ja nicht gleich nach den Sternen greifen. Es muss aber sichergestellt werden, dass wir sobald wie möglich relevante Impfstoffmengen zur Verfügung haben.
Hätten die Pravo-Ärzte lieber schon früher mit der Impfung begonnen?
Wir hätten sehr viel früher mit der Impfung beginnen können. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre. Aber jetzt dürfen wir. Ab Montag werden unsere Telefone mit Impftermin-Anfragen heißlaufen.
Sollte die Priorisierung beibehalten werden?
Da bin ich mir nicht mehr so sicher. Ältere, betagte und chronisch kranke Menschen sind im häuslichen Milieu weniger gefährdet als jene, die die Räder am Laufen halten. Die 35- bis 65-Jährigen sollte man stärker ins Visier nehmen. Allerdings wäre zu befürchten, dass es dann zu Verteilungskämpfen um den Impfstoff kommt.
War die Entscheidung von EMA (Europäische Arzneimittelbehörde), RKI und Bundesgesundheitsamt, den Impfstoff Astrazeneca wieder freizugeben, richtig?
Die Halbwertszeiten der öffentlichen Verlautbarungen sind extrem kurz, auch die der EMA. Die Impfungen wurden ausgesetzt, um potenzielle Nebenwirkungen zu überprüfen. 17 bestätigte Ereignisse, drei davon mit tödlichem Ausgang, sind dazu Grund genug. Neben der medizinischen hat diese Entscheidung auch eine enorme moralische Dimension. Die aktuelle Eskalation der Pandemie zwingt aber auch zu schnellem Handeln. Impfen, was das Zeug hält, heißt die Devise.
Können Sie die Vorsicht der Politik im Umgang mit Impfstoffen nachvollziehen?
Ja, denn bedenken Sie bitte: Mitte November vergangenen Jahres war noch kein Impfstoff zugelassen. Das dauert normalerweise am Wissenschaftsstandort Deutschland mindestens zehn Jahre, eher länger. Dank großartiger Forschungsarbeit sind wir medizinisch sehr weit.
Was hätte besser laufen können?
Unsere föderale Staatsorganisation zeigt Schwächen, das gesamte Management der Pandemie trägt chaotische Züge. Hektik, Aktionismus, Hauen und Stechen, eine nicht mehr überschaubare Informationsflut, Kompetenzgerangel, Meinungen und Dementis, keine Koordination der unterschiedlichen Strömungen. Kurz: kein roter Faden. Ein ganz aktuelles Beispiel: Das RKI empfiehlt, über Ostern nicht zu verreisen. Mecklenburg-Vorpommern hingegen will den Bürgern erlauben, an die Ostsee zu fahren.
Ihr Sohn Peter hat das Speyerer Abstrichzentrum maßgeblich mit aufgebaut. Kommt es da bei steigenden Testanfragen zu Kapazitätsgrenzen?
Nein, Abstriche lassen sich recht zügig vornehmen, auch in großer Zahl. Eng werden könnte es beim Personal. Derzeit ist die Zahl der „Fordernden“ hierzulande ja unermesslich, die Zahl der „Helfenden“ kann damit nicht Schritt halten.
Derzeit steigen die Zahlen wieder an. Wann ist die Pandemie in der Pfalz besiegt?
Ganz besiegen lassen wird sich Sars-CoV-2 nicht. Wenn 80 Prozent der Deutschen geimpft sind, wird sich eine neue, eine andere Normalität einstellen. Die Pandemie hat zerstörerische Kraft. Nichts wird mehr so sein wie vorher. Ich halte es auch in dieser Hinsicht mit Bertolt Brecht: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen: Den Vorhang zu und alle Fragen offen...“
Einwurf von Ellen Korelus-Bruder: Vertrauenssache
Große Erleichterung bei Hausärzten und Patienten: Die Impfung beim Arzt des Vertrauens beginnt früher als gedacht, Impfstoff indes ist noch begrenzt. 20 Dosen pro Praxis und Woche können nicht gleich aufholen, was an Zeit verloren ging. Gut, dass die Hausärzte erstmal die mit dem größten Risiko impfen. Die Mediziner tun, was sie können. Kritik an ihnen ist nicht gerechtfertigt, auch wenn jeder Impfwillige seinen Oberarm am liebsten heute für den erlösenden Pieks freimachen will.