Speyer
„Immer wieder Überraschungen“: Warum es am Schipka-Pass längert dauert
Die Schäden am Brückenteil sind unübersehbar. Der Rost hat sich an mehreren Stellen tief ins Metall gefressen und lässt den Schipka-Pass bröckeln. Florian Benner fährt mit einem Finger über den Stahl. „Es ist ziemlich viel Arbeit“, sagt der Leiter der städtischen Tiefbauabteilung.
Das Viadukt, das viele Jahrzehnte einen Weg von Bahnhof- in Burgstraße ermöglichte, ist in keinem guten Zustand. An einigen Stellen sorgt der Rost für Materialverlust, anderswo ließ einsickernder Regen das Metall der denkmalgeschützten Brücke von innen wölben. „Da hat es nicht mehr die Eigenschaften, die es vorher hatte“, sagt Benner. „Was soll da denn noch halten langfristig?“ Es sei nicht sinnvoll, kleine Stücke aus der Brücke herauszuschneiden. Kaputte Teile müssten im Ganzen ersetzt werden.
2021 abgebaut
Deswegen wurde der Schipka-Pass 2021 abgebaut, seine sieben großen Einzelteile liegen seit einigen Monaten in Meißenheim. Beschauliches Örtchen in Südbaden, Heimat von rund 4000 Menschen und des Stahlbauunternehmens BGM. Zusammen mit der Baufirma BWS Rhein-Neckar sind sie die Experten, die sich der Brücke annehmen. Ein großes Brückenteil liegt derzeit in der Werkhalle. Hier steht fest: Alle Querträger müssen ausgebaut und durch neue ersetzt werden, die schon in der Nähe lagern und noch zusammengebaut werden müssen. „Die Arbeit ist sehr schwierig“, erklärt Projektleiter Matthias Veth von BWS. Jede der insgesamt rund 6000 Nieten, die die Träger zusammenhalten, müsse einzeln aufgebohrt werden. „Ein thermisches Entfernen ist nicht möglich.“
In Meißenheim wird ein Großauftrag ausgeführt. Statiker und Prüfstatiker sind beteiligt. Die Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt Mannheim nahm Proben, ob der genutzte Stahl schweißgeeignet ist. Tiefbauamtsleiter Benner macht sich vor Ort selbst ein Bild. „Das ist ein schwieriges Projekt und nicht wie bei einem Hausbau“, sagt er. Es sei nicht erst ein Plan entworfen worden, den dann eine Baufirma umsetzt. „Wir mussten alles gleichzeitig machen“, erläutert Benner. Schließlich ging es um 2 Millionen Euro Fördergelder vom Land, die eingeholt wurden. „Das war wichtig.“ Bei den anfangs geschätzten 4,4 Millionen Euro Gesamtkosten der Sanierung wird es wohl nicht bleiben. Es wird teurer, der genaue Betrag steht jedoch laut Stadt noch nicht fest.
Lange Vergangenheit
Während ein Brückenteil in der Werkhalle bearbeitet wird, lagern die sechs weiteren nebenan. Teilweise auf dem Hof, teilweise in einer eigens dafür aufgebauten Halle. Dort werden die Teile mit Granulat abgestrahlt und von alter Farbe befreit. Die Schäden, die am Metall über viele Jahrzehnten entstanden sind, werden so noch sichtbarer. Die Brücke hat eine lange Vergangenheit. Aufgebaut wurde sie 1890 und „insbesondere durch das starke Wachstum der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg immer wichtiger“, schreibt die Stadt auf einer eigens für die Sanierung eingerichteten Internetseite. Inzwischen gibt es mit Schneckennudelbrücke oder dem Übergang in der Oberen Langgasse längst weitere Querungen, doch das Viadukt sei „heute kaum wegzudenken“. In all den Jahren sind unzählige Menschen zwischen Burgfeld und Innenstadt hin und her gelaufen. Manch einer hat sich verewigt: „Du & Ich“ steht auf einem der Schlösser, die an der Brücke festgemacht wurden und ebenfalls mit nach Meißenheim gefahren sind.
„Es kommen immer wieder Überraschungen“, sagt Benner. Da wäre zum Beispiel das Projektil, vermutlich ein Querschläger aus dem Zweiten Weltkrieg, genau lässt sich das nicht sagen. Die Kugel steckt in der Brücke, bleibt dort auch und wird abgeschliffen, erklärt Projektleiter Veth. An anderen Stellen, an denen Metallteile eigentlich gerade ausgerichtet sein sollten, sind sie gewölbt. Oder kleine Stücke wurden herausgeschnitten und fehlen.
So viel wie möglich erhalten
Benner deutet auf eine enge Stelle in einer Brückenecke: „Da ist gar kein vernünftiger Nietenkopf.“ Das könne darauf hindeuten, dass Arbeiter schon früher nicht richtig dorthin gekommen seien. Jetzt, wo die Brücke abgebaut ist, könne man solche Dinge nicht so lassen. Es soll vernünftig saniert werden. Dabei müssen die Experten genau überlegen, welches Brückenteil zu welchem Zeitpunkt entfernt werden kann. Die Brücke soll schließlich nicht einknicken. „Wir versuchen, so viele Teile wie möglich zu erhalten.“ Bei manchen Stücken funktioniere das allerdings einfach nicht mehr. Aus den alten Querträgern zum Beispiel wird am Ende wohl Altmetall werden müssen.
Bei alldem, was noch zu tun ist, wird sich auch der geplante Wiederaufbau 2025 der Brücke etwas verschieben. „April werden wir nicht schaffen“, sagt Benner. „Es wird vermutlich Sommer.“ Das liege auch an nötigen Absprachen mit der Bahn, die die Strecke unter der Fußgängerbrücke während des Aufbaus sperren und dafür einen Zeitraum blocken muss. Inzwischen seien Abstimmungen unter anderem mit der Oberen Denkmalschutzbehörde abgeschlossen, es sollen passende Handläufe an der Brücke eingebaut werden. „Es dauert länger als erhofft, aber wir arbeiten daran und die Brücke kommt zurück.“
