Speyer
Im Paradiesgarten durch Sternennebel geflogen
„Exactly Like You“: Den Jazzstandard von 1930 stellte das Quintett an den Anfang ihres Konzerts. Dafür hätten sie die lange Anfahrt von München oder Tübingen nach Speyer gerne in Kauf genommen, betont Bernhard Ullrich (Klarinette, Saxophon). Die romantische Kulisse im Garten der Dreifaltigkeitskirche beeindruckt die weit Gereisten, die bereits zahlreiche Bühnen bespielt haben.
Swing aus 1930-er und 1940-er Jahren verschrieben
Es swingt von Anfang an gewaltig. Zu Beginn instrumental. Dass jeder der Mitwirkenden ein ausgezeichneter Musiker ist, erkennen die Zuhörer unmittelbar. Ullrich lässt die Klarinette zu Benny Goodmans „Memories Of You“ weinen, tanzen singen, laufen. Sie erzählt die Geschichte des Films über den „King of Swing“ eindrucksvoll. Die Musik zum Musical „Lady Be Good“ schrieb George Gershwin 1924, von seiner Frau Ira stammt der Text. Auf den verzichtet das Bernhard-Ullrich-Quintett. Die Musik sagt alles. Dizzy Krisch – Meister am Vibraphon – lässt mit seiner bravourösen Interpretation die legendäre Ella Fitzgerald aufleben, deren Scat-Solo seit 1947 unvergessen ist.
Das Bernhard-Ullrich-Quintett hat sich mit ganzer Leidenschaft dem Swing der 1930-er und 1940-er Jahre verschrieben. Jener Zeit also, in der das Genre und seine Interpreten international groß geworden sind. Mit „Body And Soul“, der Ballade über eine unerfüllte Liebe von John W. Green, betritt Bürkle die Bühne. Zunächst wünscht sie sich einen Halter für ihren pinkfarbenen Mund-Nasenschutz am Mikrofon. Den kann Veranstalter „Speyer.Kultur.Support“ auf die Schnelle nicht bieten. Die Sängerin findet eine für sie akzeptable Aufbewahrungs-Lösung und steigt in ihr Programm ein. Ihre Stimme hat Volumen, große Reichweite, Inbrunst und viel Timbre. Bürkle gelingen ausgeprägte Improvisationen in allen Höhen und Tiefen. Hinreißend begleitet Thilo Wagner die Sängerin am Klavier, Kontrabassist Karsten Gnettners zupft seine Saiten zärtlich, Michael Keuls Besen streicheln die Becken seines Schlagzeugs.
Jazz macht damals wie heute Menschen glücklich
Auf den gefühlvollen Moment folgt mit „Come On Get Happy“ ein fröhliches Lied, Ende der 1920-er Jahre entstanden. Zehn Jahre später wurde der Titel zum Jazz-Standard – bis heute vielfach auch in anderen Genres gecovert. Noch häufiger gibt es den 1927 entstandenen damaligen Popsong „Stardust“ von Hoagy Carmichael in allen erdenklichen Variationen. Bürkle und das Bernhard-Ullrich-Quintett indes kupfern nicht ab. Instrumentalisten und Sängerin geben ihren eigenen Stil in die Aufforderung: Los, sei glücklich. Oder sie fliegen mit Krischs Vibraphon voller Emotionen durch den Sternennebel.
Als Ullrich zu Benny Goodmans „Avalon“ aufspielt, setzt Gnettner den Strohhut auf und bis zum Schluss nicht mehr ab. Auch nicht, als der Bandleader seine Bearbeitung des zweiten Satzes des Klarinettenkonzerts von Wolfgang Amadeus Mozart ansagt, den „Clarinet-Waltz“. Gefühlvoll spielt das Quintett das klassisch schöne Stück im Jazz-Format.
„When You're Smiling“, geschrieben von Joe Goodwin und Larry Shae, macht Menschen schon seit 1928 glücklich. Auch in Speyer gelingt es. Ullrich lässt sein Saxophon jauchzen, Krisch das Vibraphon in den höchsten Tönen jubeln. Die Tasten des Mannes am Klavier lächeln nach Noten, Gnettner streichelt Saite für Saite, das Schlagzeug achtet auf den Rhythmus. Wenn es um Swing geht, ist das Quintett symbiotisch, immer präzise, großer Botschafter einer Musikrichtung. „Cheek To Cheek“, Wange an Wange verabschieden sich Instrumentalisten und Sängerin aus dem „Paradies“. Sie lassen Zuschauer zurück, die sich, erfüllt von zwei Stunden Musik zum Träumen in den Armen liegen.