Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Igel-Quälerei: Ein Einzelfall und doch keiner

Ein Igel sucht nach Futter: Artgenosse bei schlimmem Vorfall in Speyer mutmaßlich schwer verletzt.
Ein Igel sucht nach Futter: Artgenosse bei schlimmem Vorfall in Speyer mutmaßlich schwer verletzt.

Die Brutalität in Speyer-West in der Nacht auf Freitag sorgt immer noch für Fassungslosigkeit: Ein Mann hat laut Polizei einen Igel mehrfach auf den Boden geschlagen. Es soll nicht der erste Verstoß des 34-Jährigen gegen das Tierschutzgesetz sein. Selbst Menschen in der Region, die sich um verletzte Igel kümmern, haben so etwas noch nicht erlebt.

Die Ermittlungen bei einem Fachkommissariat der Kripo Ludwigshafen laufen. Geld- oder Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren drohen einem Täter, der „ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet“ oder ihm aus Rohheit erheblichen Schaden zufügt, wie Sprecherin Ghislaine Wymar erklärt. Schon am Wochenende hatte die Polizei berichtet, wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz sowie Hausfriedensbruchs tätig geworden zu sein. Am Montag hat auch die Tierrechtsorganisation Peta mitgeteilt, eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Frankenthal gestellt zu haben. Die nächtliche Straftat in einem Garten soll gefilmt worden sein.

Der Verdächtige ist laut Polizei 34 Jahre alt und schon zweimal wegen mutmaßlicher Verstöße gegen das Tierschutzgesetz angezeigt worden. Er soll einmal einen Hund getreten und in einem weiteren Fall einen Igel auf dem Gepäckträger eines Fahrrads transportiert haben. Was genau mit dem jetzt betroffenen Igel passiert ist, kann nicht gesagt werden: Die Polizisten hätten ihn nicht gefunden.

Hier gibt’s Hilfe

Beim Speyerer Tierschutzverein herrscht nach dem Vorfall Kopfschütteln: „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagt Vorsitzender Uwe Grimm. Solche Fälle von mutmaßlich aktiver Tierquälerei kenne er jedoch bisher aus Speyer nicht – auch der mutmaßliche Täter ist ihm nicht bekannt. Etwa zehnmal im Jahr werde eines der stacheligen Tierchen ins Tierheim am Mäuseweg gebracht – und komme von dort dann an eine geeignetere Stelle. „Wir telefonieren dann ab. Das Tierheim in Haßloch hat eine eigene Igelauffangstation“, erzählt er. Wer ein verletztes Tier finde, für den sollte der erste Weg zum Tierarzt gehen, rät der Vorsitzende. Gerade jetzt um diese Jahreszeit gingen die Tiere langsam ins Winterlager und würden träge. „Sie sind oft zu klein und müssen aufgepäppelt werden.“ Das gelinge gut mit Katzenfutter: „Igel sind Fleischfresser.“ Im vorliegenden Fall sei weder im Tierheim direkt, noch über Tierärzte eine Meldung eingegangen. „Das hätten wir mitbekommen.“

Auch Brigitte Manges ist erschüttert darüber, was einem Igel in Speyer angetan worden sein soll. „Was ist das für ein Mensch?“, fragt die Waldseerin, die seit drei Jahren privat und auf eigene Rechnung Not leidende und verletzte Igel pflegt und aufpäppelt. Derzeit biete sie acht der Stachelträger Obdach. Eines der Tiere wurde wohl ebenfalls schwer misshandelt, sagt die Rentnerin, die sich schon lange im Tierschutz engagiert. „Der Igel hat einen doppelten Schädelbruch und eine abgerissene Kniescheibe“, erzählt Manges. „Er könnte getreten worden sein“, vermutet sie. Eventuell müsse das verletzte Hinterbein amputiert werden, „aber damit kommen Igel zurecht“, meint die 69-Jährige.

Solch heftige Verletzungen sehe sie bei Igeln zwar erstmals, doch komme es häufiger vor, dass Igel als Fußbälle missbraucht würden. Schreckliche Wunden würden den Tieren zudem von Mährobotern zugefügt oder von Rasentrimmern, mit denen Gartenbesitzer auch den Bereich unter Hecken freischnitten. Mit derart malträtierten Igeln führe ihr erster Weg zum Tierarzt, um die Wunden versorgen zu lassen. Manges: „Leider sterben viele Tiere an ihren Verletzungen.“

Diejenigen, bei denen Aussicht auf Heilung besteht, werden von ihr aufgepäppelt, bis sie kräftig genug sind, wieder selbst auf Nahrungssuche zu gehen. „Jeden Abend kommen fünf Igel zu Besuch, die ich im vergangenen Jahr gepflegt habe“, so Manges. Insgesamt habe sie 2023 zwischen 35 und 40 Igel versorgt. Dieses Jahr seien es bisher zwischen 15 und 20 Tiere. Die Arbeit sei erfüllend, doch der zeitliche Aufwand so groß, dass sie nur begrenzt Igel aufnehmen könne. Leider gebe es kaum Auffangstationen, die sich der Wildtiere annehmen.

Kati Ahuis, Sprecherin der Tierschutz-Organisation Terra Mater, kann das bestätigen. Deren Auffangstation in Lustadt sei zwar für die Versorgung von Haustieren ausgelegt, „aber wir weisen natürlich keine verletzten Wildtiere ab“. Gleichwohl sei dies sowohl ein Platzproblem als auch ein finanzielles: Weil Wildtiere niemandem gehören, kommt auch niemand für deren Pflege auf. Ahuis ist außerdem überzeugt davon, dass ein Großteil der Igel, die zu Auffangstationen gebracht werden, gar nicht hilfsbedürftig sind: „Oft finden Menschen Igelkinder und nehmen sie dann aus Hilfsbereitschaft mit, anstatt sie an Ort und Stelle zu lassen, wo das Muttertier sie finden kann.“

Das steht in der Polizeibilanz

Bei Tierquälerei ist es wie bei vielen anderen Delikten: Was zur Anzeige gebracht wird, ist wohl nur die Spitze des Eisbergs. Dennoch gibt es alljährlich zahlreiche Fälle. Die Bilanz des für die Vorder- und Südpfalz zuständigen Polizeipräsidiums Rheinpfalz:

- Im Präsidialbereich wurden im vorigen Jahr 97 Ermittlungsverfahren wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz erfasst. In 55 davon (57 Prozent) wurden die Täter ermittelt. Fünf dieser Fälle ereigneten sich im Zuständigkeitsgebiet der Polizeiinspektion Speyer, vier davon sind aufgeklärt, so Wymar.

- In den Jahren zuvor war die Anzahl der Fälle höher: im Präsidialbereich von 2019 bis 2022 nacheinander 104, 107, 114 und 116, in Speyer, Otterstadt und der Verbandsgemeinde Römerberg-Dudenhofen lag sie bei zwölf, zwölf, sieben und sechs. Die Aufklärungsquote lag im Präsidialbereich jeweils um 50 Prozent, im Inspektionsgebiet Speyer zwischen 33 und 86 Prozent, wobei das bei kleinen Fallzahlen wenig aussagekräftig ist.

- Welche Tierarten betroffen waren, führt die Polizei in ihrer Statistik nicht auf. Eine händische Auswertung für 2023 hat laut Wymar ergeben, dass in den meisten Fälle Hunde und Katzen betroffen sind. Es stünden aber auch Tauben, Rehe, Schafe und Hasen in der Liste. In den meisten Fällen werde die Misshandlung von Haustieren angezeigt, wenn etwa ein Hund beim Gassigehen getreten wird, im heißen Auto zurückgelassen wird oder Vergiftungsanzeichen aufweist.

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