Speyer „Ich mag das, die komplette Leere“
(kurze Pause) Also, das hat man mich noch nie gefragt. Nein, ich mag Menschen, ich bin sogar ein geselliger Typ. Es müssen jetzt keine Massen sein wie im Stadion, weil ich persönlich das Naturerlebnis schätze. Zu zweit, zu dritt, in überschaubarem Rahmen. Und wo erlebt man Natur unmittelbarer als in der Wüste? Man hat Sie also nicht in selbige geschickt? Nein, ich bin da immer freiwillig hingegangen. (lacht) Ich mag das, diese komplette Leere. Ich bin aber auch immer wieder gerne zurückgekommen. Man kann sich ja auch kaum etwas vorstellen, was lebensfeindlicher ist als die Wüste. Das stimmt, zumindest was uns Menschen angeht. Wir sind physiologisch nicht für die Wüste gemacht, egal ob das jetzt heiß ist wie in der Sahara, kalt wie auf dem nordpolaren Treibeis oder karg wie auf den höchsten Gipfeln des Himalaya. Wir haben es durch unsere Intelligenz geschafft, uns den Bedingungen dort anzupassen, aber dafür gemacht sind wir nicht. Nimmt man uns unsere Hilfsmittel weg, sind wir bald erledigt. Und doch zieht es Sie immer wieder aus Ihrem Reihenhaus in diese Landschaften der Extreme. Suchen Sie die Gefahr fernab vom Eigenheim? Lieber Wüstentod als Wüstenrot? Ich denke, in jedem Mann steckt ein Abenteurer, der das Gefühl braucht, etwas gewagt und geschafft zu haben. Das war bei mir mit 17 schon so. Außerdem: So gefährlich sind die Wüsten ja gar nicht, wenn man sich auskennt und sich vorbereitet. In den Trockengebieten Afrikas und Asiens existiert eher ein Sicherheitsproblem wegen Islamisten und dergleichen. Wirklich lebensgefährlich sind nach meiner Erfahrung eher die Polargebiete. Verlierst du da im Schneesturm deinen Handschuh, ist die Hand nach einer halben Stunde erfroren. In der Arktis wiederum gibt es ganz gute Rettungssysteme. In der Sahara kommt niemand. Oder nicht unbedingt der, den man gerne hätte. Ihr schlechtes Image haben Wüsten ja nicht von ungefähr. Aber warum eigentlich? Sicher, das mit der Ausbreitung der Wüsten ist schlimm, aber dafür kann die Wüste nichts, das ist eine Folge der Übernutzung durch den Menschen. Ich sehe mich als Lobbyist, als jemand, der für die Belange der Wüsten eintritt. Sie machen immerhin knapp die Hälfte der Landfläche unseres Planeten aus, der uns allen immer so blau erscheint. Der Regenwald, die Meere, die Berge, alle haben sie eine Lobby. Und die Wüste? Nicht, dass ich wüsste. Eben. Die wird nicht beachtet, sondern eher noch ausgebeutet. Dabei geht dort derzeit so viel verloren, beispielsweise an Kulturtechniken der Menschen, die dort leben, aber auch an unberührter Natur. Gerade der Kulturwandel ist extrem, ganze Lebensweisen wie der Nomadismus oder das Jagen und Sammeln verschwinden und damit so viel Wissen, so viele Geschichten, so viele Lieder. Und was fasziniert Sie genau an Einöden aus Sand, Geröll oder Eis? Als Fotograf sage ich: diese Reduziertheit, diese Leere, diese Klarheit und Transparenz. Einfach diese Anwesenheit von Nichts. So sieht auch mein Wohnzimmer aus: nur das Nötigste, klar, schmucklos. Würde ich ein Haus bauen, es wäre im Bauhaus-Stil. Und wenn Sie Ihre eigene Wüste gestalten könnten? Dann würde ich als Geograf die Sandwüste bevorzugen, so eine wie die Rub al-Khali in Saudi-Arabien. Unheimlich eindrucksvoll. Oder die Übergänge von ewigem Eis in Tundra und Meer – diese riesigen kalbenden Gletscherkanten wie in Grönland, das ist der Hammer. Oder Spitzbergen. Dagegen ist Alaska fast langweilig. Also mit den Augen eines Geografen gesehen. Ich bin ebenfalls Geograf, und wäre froh, mal Alaska gesehen zu haben. (grummelnd) Wie kam es dann dazu, dass Sie Ihre neue Tournee ausgerechnet in Otterstadt starten, in der grünen und lebensfrohen Pfalz? Irgendwo muss man ja anfangen. Abgesehen davon habe ich ein sehr gutes Verhältnis zum dortigen Verein für Heimatpflege und Naturschutz und zu dessen Vorsitzenden Otto Berthold. Als er mich darauf ansprach, habe ich zugesagt. Ich bin auch schon etwas aufgeregt. Wenn man so einen ganz neuen Vortrag zum ersten Mal hält, da muss man sich zunächst ein paar Veranstaltungen lang eingrooven. Die Otterstadter sind Ihre Testkaninchen? (Anflug von Empörung) (besänftigend) Nein, natürlich übe ich schon vorher. Aber wie es dann im Ernstfall ist, ist immer auch ein wenig eine Überraschung. Unterhaltsam wird’s bestimmt. Ein Blick in die Zukunft: Was wird Ihr nächstes Projekt? Das dürfen Sie mich heute noch nicht fragen. Ich habe sechs Jahre und 40 Expeditionen gebraucht, die Bilder einzufangen und zeige das jetzt fünf Jahre. Wir können uns darüber 2020 unterhalten, wie es weitergeht. Dürfte ich dennoch einen Vorschlag machen? Bitte. Betonwüste. (lacht) Warum nicht? Oder Servicewüste. Da müssten Sie nicht mal aus Deutschland weg. Dann vielleicht doch eher nicht.