Handball
HSG Dudenhofen/Schifferstadt legt Konzept gegen sexualisierte Gewalt vor
Sexualisierte Gewalt – ein Thema, das immer noch eher totgeschwiegen als angegangen wird. Die Handballspielgemeinschaft (HSG) Dudenhofen/Schifferstadt will ihm in Form von Prävention sowie Begleitung von körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt Raum geben.
Als Ansprechpartner fungieren Daniela Schmitt, Marlene Oetzel und Carsten Schatz. Ein Kind kommt regelmäßig zu spät, sieht ungepflegt aus, berichtet seltsame Dinge, ist unsicher oder in sich gekehrt, findet keinen Anschluss, zeigt extreme Nähe oder lässt keine Nähe zu – all das können Anzeichen sein, dass etwas nicht in Ordnung ist, meint Marlene Oetzel, die eine Fortbildung zum Thema sexualisierte Gewalt absolvierte.
Alarmstufe rot
„Natürlich gibt es auch schüchterne Kinder. Aber da gibt es Unterschiede“, sagt sie: „Die Anzeichen sind unterschiedlich. Es gibt nicht immer klare Muster.“ Wie erkennt sie Gewalt? Wie geht sie damit um? Wie thematisiert sie das mit Kindern und Eltern? Wann herrscht Alarmstufe rot? Wann schaltet sie das Jugendamt ein?
All diese Fragen behandelte die Fortbildung und sensibilisiert im Verein für die Umsetzung dieses Themas. Denn auch in der Öffentlichkeit ist das Thema der körperlichen, seelischen und sexualisierten Gewalt zu wenig vertreten, finden Oetzel und Daniela Schmitt, die das Präventionskonzept erarbeitete: „Das wird schon stark unterdrückt. Die Dunkelziffer ist höher als man sich vorstellen kann.“
Daniela Schmitt schockiert
In den sozialen Medien verstärke es sich aber, beobachtet Oetzel. In der Schule gebe es zwar Vertrauenslehrer. Aber Schule sei doch etwas distanziert. Im Verein herrscht eine vertrautere Atmosphäre, um Gewalt eher anzusprechen. Die Zahlen der Erhebung des Deutschen Sportbundes dazu seien erschreckend, findet Schmitt.
20,9 Prozent der Kaderathleten klagen über sexuelle Grenzverletzung und unangemessene Berührungen, 30,3 über verbale sexuelle Belästigungen, Bild- oder Textnachrichten. Mädchen und junge Frauen trifft es dabei signifikant häufiger als Jungen, Männer. Auch Sportler mit nicht-heterosexueller Veranlagung, Migrationshintergrund, Handicap und aus Kriegsgebieten geflüchtete Kinder sowie Jugendliche gehören zu den besonders gefährdeten Gruppen.
Täter testen
Dabei testen Täter an: „Wer etwas vorhat, tastet sich vorwärts. Wie weit kann ich gehen?“, sagt Schmitt. „Das passiert in Familien, in Arbeitsverhältnissen. Warum sollten Vereine davor geschützt sein? Wir haben versucht, uns des Ganzen anzunehmen.“ Vieles werde nämlich mangels Ansprechpartner nicht thematisiert.
Und Kinder und Jugendliche verfügten nicht über das Wissen und das Selbstvertrauen von Erwachsenen: „Da läuft vieles unter dem Radar.“ Also gehört das Thema Gewalt ans Tageslicht. Dazu zählt neben der Beratung und Begleitung auch die ansprechende Gestaltung eines Flyers, der Eltern und Kinder über sexualisierte sowie sonstige Gewalt informiert, so Oetzel.
Trainer sensibilisieren
„Wir haben mit der Umsetzung angefangen“: Eine Konzeption auf Papier, benannte Ansprechpartner, Vorstellung in sozialen Netzwerken, ergänzt Schmitt. Der nächste Schritt sei die Sensibilisierung der Trainer, danach die Ausweitung auf die Übungseinheiten. Der Verein strebt an, im Zweifel eher hin- anstatt wegzuschauen.
„Wenn von uns jemand auf einen Vorfall aufmerksam oder uns einer zugetragen wird, versuchen wir immer, auf vertraulicher Ebene herauszufinden. Was war denn?“ Dann werden Hilfestellungen angeboten: „Welche Optionen gibt es?“ Viele Wege führen zum Ziel: Weißer Ring, Notruf, Beratungsstellen für Frauen, von der Anzeige bis zur psychologischen Betreuung.
Vorgaben der HSG
„Wichtig ist ein geschützter Rahmen“, betont Schmitt. Da sie keine Polizisten oder Psychologen sind, seien sie vor allem Wegweiser für Hilfen. Im Verein selbst kann das zur Kündigung führen, um einen Täter aus dem Verkehr zu ziehen. Sensibel reagiert die HSG auch auf Fremde in der Halle oder den Umkleiden.
Außerdem darf kein Trainer allein in Umkleide- oder Duschräumen sein. Körperkontakt bei Hilfestellungen kündigt er vorher an. „Wo sind die Risikobereiche? Die werden vorher definiert“ – und Vorfälle dokumentiert. Damit gehört die HSG zu den elf Prozent der Vereine, die Ansprechpersonen benennen.
„Wir haben bewusst sowohl eine Frau als auch einen Mann, damit sich Mädchen einer Frau anvertrauen können und Jungen einem Mann.“