Speyer
Historisches Rathaus: Handwerkliche Meisterleistungen für dichtes Dach
Warum das Gerüst so deutlich über das fast 20 Meter hohe Gebäude wächst, wissen die RHEINPFALZ-Leser seit einigen Tagen: Die Seiten vor und hinter dem Gebäude stützen sich gegenseitig, und vom „Überbau“ werden die Arbeitsbereiche abgehängt. Die Stadt rechnet für das „neue“ Dach mit einer Projektdauer bis April 2025 und Kosten von einer Million Euro: Es ist weder statisch noch handwerklich eine einfache Aufgabe, die Schiefereindeckung auf dem Mansardwalmdach eines Barockbaus aus dem frühen 18. Jahrhundert zu erneuern.
Für die Planung sind Bautechniker Michael Müller und Abteilungsleiterin Ilona Bast von städtischen Gebäudemanagement zuständig. „Muss ein Dach erneuert werden, ist eigentlich immer der falsche Zeitpunkt“, sagt Bast mit Bezug auf die anstehende Winterzeit. Sie und ihr Kollege sind aber optimistisch, dass das seit Jahren schlimmer werdende Problem – Wasser dringt durchs Dach – nicht in der Bauphase im Super-GAU mündet.
Schritt für Schritt
Das hat auch damit zu tun, dass Schritt für Schritt vorgegangen wird. Der im Oktober gestartete Gerüstbau läuft noch einige Tage. Am nächsten Donnerstag wird laut Bast ein Kran vor der Tourist-Info aufgestellt, um vor allem Baumaterial auf Seite des Rathaus-Innenhofs zu befördern. Der Aufbau des Weihnachtsmarkts auf derselben Höhe ab kommender Woche müsse dafür nicht verändert werden. „Reicht gerade so“, sagt Müller über die verbleibende Durchfahrtsbreite auf der Maximilianstraße.
In das von der Grundkonstruktion her fertige Gerüst werden nun Arbeitsbühnen eingebaut. Dann kommen Netze davor. Ein Sicherheits- und Gesundheitskoordinator begleitet die einzelnen Schritte, zu denen als Nächstes der Abbruch von Teilen des alten Dachs gehört. Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) habe darum gebeten, Stücke des historischen Schiefers aufzubewahren. Wie alt dieser genau ist, wissen die Stadt-Vertreter nicht. Ihnen sei aber keine Erneuerung des Rathaus-Dachs nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt.
Wenn das Dach offen ist, wird die Bitumen-Abdichtung erneuert, bevor neuer Schiefer draufkommt. Mit dem Denkmalschutz sei abgestimmt, dass die Optik nicht verändert wird, betont Bast. Die Firma Fischer (Thaleischweiler-Fröschen) hat den Auftrag. „Fast jedes Schieferstück sieht anders aus, das ist noch richtig tolles Handwerk“, so Bast. Auch Anschlüsse, Fangrohre, Dachrinnen, Schneefanggitter und der Sichtschutz würden erneuert. Das Finale im Frühling stelle ein neuer Anstrich des Gebäudes dar, der im einst umstrittenen, aber längst akzeptierten Rot erfolge. Auch das sei dem Denkmalschutz zugesagt.
Besondere Umstände
„Wir sind jetzt in der fünften Woche hier“, berichtet Ferki Shala, Vorarbeiter des Gerüstbauunternehmens aus Rheinstetten. Zwischen drei und sieben Leute seien jeweils vor Ort. Mit Kraneinsatz an hohen Gebäuden tätig zu sein, sei für den Betrieb nichts Ungewöhnliches, die konkreten Umstände in Speyer seien es schon: Dazu gehöre der Einbau der Arbeitsbühnen, die Herausforderung, Material in den Innenhof zu bringen, aber auch der Einsatz von Spezialkleber, um die Verankerung des Gerüsts zu unterstützen.
Wenn alles fertig ist, ist das Historische Rathaus gerüstet für ein großes Jubiläum: 2026 wird es 300 Jahre alt, wie Bast betont. Der Spätbarockbau mit dem repräsentativen Portal wurde zwischen 1712 und 1726 errichtet, beheimatet neben Funktionsräumen wie dem Historischen Ratssaal auch etliche Verwaltungsbüros – in die es künftig nicht mehr tropfen soll ...