Speyer
Harthausen: Krippenfestspiele im Wintergarten
Das bayerische Nationalmuseum in München besitzt nach Ansicht von Experten die bedeutendste Krippensammlung der Welt. Sie ist jedoch unvollständig. Denn eine ganz besondere Krippe steht in Harthausen im Wintergarten der Familie Kunz. Erstmals zeigt sie in diesem Jahr vollelektronisch mit Lichteffekten die Geschichte der Geburt Jesu.
Hausherr Gilbert Kunz und seine Frau Marianne haben nicht mehr und nicht weniger als ein Gesamtkunstwerk geschaffen – auf acht Quadratmeter Grundfläche mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Sie haben eine Aufführung konzipiert und umgesetzt, die staunen lässt und ehrfürchtig zugleich macht – vor dem handwerklichen Geschick ebenso wie vor der Kraft der Inszenierung und der Geschichte der Menschwerdung Jesu, die sie erzählt.
Geschnitzte Krippenfiguren vom Oberammergauer Herrgottschnitzer Max Keller, den das Ehepaar regelmäßig aufsucht, darunter natürlich die Heilige Familie, die Weisen aus dem Morgenland – die sogar zweimal. „Es steht nichts über die Anzahl in der Bibel“, sagt Kunz. Dazu Schafe, Hütehunde, Elefanten und andere Tiere, Hirten am Feuer, Engel, Vögel, Eulen. Dazwischen selbst gemachte Bauten, Holz, Naturstein, Moos. Und zum Schluss eine Kulisse aus selbstgemalten Sternenbildern, die die Geburtsdaten der Kunz’schen Familienmitglieder zeigen. Das sind die Grundelemente des „Schauspiels“.
Hinzu kommen Lichteffekte, Ton – Musik und Stimme, die die Weihnachtsgeschichte ebenso lebendig machen wie ganz viel Musik. Lateinische Choräle, Klassik und Volksmusik sind zu hören. Sogar ein Vorspiel zur Einstimmung und zum Ruhigwerden erklingt und erhöht die Spannung.
6:13 Minuten spannende Aktion
Alles ertönt im richtigen Moment, in der genau passenden Sekunde. Da glimmt und raucht das Lagerfeuer, wenn davon die Rede ist, da strahlt der Engel des Herren bei der Verkündigung, da sprudelt ein Wasserfall, da tönen die Posaunen.
6:13 Minuten dauert das Schauspiel. 6:13 Minuten, in denen der Betrachter seinen Blick nicht abwenden kann und will, weil sich vor ihm auf der acht Quadratmeter großen „Bühne“ ständig etwas tut. Herzstück ist der Hirtenstall mit der Krippe, dem Ort der Geburt Jesu. Das hohe, imposante Gebäude aus Holz und Pappe ist 90 Jahre alt. Gebaut hat es Franz Kunz, der Vater von Gilbert. Der Vater war Schreiner – ein sehr guter, sagen Harthausener, die ihn und seine Arbeit noch kennen.
„Ich bin der Jüngste von sieben Geschwistern“, sagt Gilbert Kunz. „Kein anderer wollte den Stall haben, also habe ich ihn genommen.“ Kunz zeigt auf ein Foto an der Wand. Darauf zu sehen sind seine Eltern und die Geschwister. Sie sitzen an Weihnachten zuhause um den Stall. Um den Stall, der heute noch im Mittelpunkt steht. Zu Weihnachten hat er in der Familie schon immer dazu gehört. Und das tut er jetzt immer noch.
Seit zwölf Jahren arbeiten Gilbert und Marianne Kunz am Ausbau ihrer Krippe. „Es gibt orientalische und volkstümliche Krippen“, sagt er. „Unsere ist eine Mischung aus beiden Stilen.“
Der pensionierte Gymnasiallehrer für Latein und Griechisch und seine Frau, Schlosser-Gesellin, haben ihre handwerklichen Talente, ihre Liebe zum Christentum und ihre Begeisterung für das Basteln und die bildnerische Darstellung zusammengeworfen. „Einiges habe ich in der Werkstatt mitbekommen“, sagt Kunz.
Großer Auftritt Basketball
Vier Türblätter sind die Basis des Kunz’schen Kunstwerks. Jedes Jahr wird verändert, verfeinert, nachjustiert. Jedes Jahr kommt (mindestens) eine Figur hinzu. Jedes Jahr dauert der Aufbau rund eine Woche.
„Mein Mann kann einfach alles gebrauchen für die Krippe“, sagt Marianne Kunz im Gespräch mit der RHEINFALZ. Das Ergebnis erkennt der Betrachter erst auf den zweiten Blick und dank eines Hinweises des Baumeisters: So bildet ein Teil eines alten Basketballs die Kuppel auf einem orientalischen Bau. Hals und Bauch einer alten, auf dem Flohmarkt entstandenen Violine sind zu Gebirgen und Passagen in der Landschaft geworden. Ehefrau Marianne hat kleine Geländer aus Metall gebogen und an den Gebäuden angebracht. Ein Schaf reckt sich zu einem Baum empor, an dem gerade noch ein grünes Blatt hängt. Das Feuer qualmt und glüht rot. Hinter bleiverglasten Fenstern eines Tempels flackert Licht. Die Szene lebt permanent. Es sind nicht zuletzt die Kleinigkeiten auf der „Bühne“, die die Raffinesse des Ganzen beweisen.
Die passende Musik zu finden, war für den Musiker Kunz kein Problem. Die Textstellen kannte er auch alle. Nur das Ganze zu automatisieren, ist ihm erst mit Hilfe der Firma Elektro-Janz gelungen. „Es gibt jetzt einen Schaltschrank, der Ablauf ist einprogrammiert. Ich muss es nur noch einschalten“, sagt Kunz zufrieden.
Seit dem ersten Adventssonntag steht die Krippe – wie immer. Ende Februar wird sie wieder abgebaut. Bis dahin laufen die Krippenfestspiele im Wintergarten Kunz – mehrfach täglich. Prädikat: besonders stimmungsvoll, vor allem, wenn es draußen schon dunkel wird.