Speyer
Hürden auf dem Weg zur Massenimpfung
Alle mehr als 1500 Personen, die auf dem Parkplatz von Bö Fashion einen Pieks des freigegebenen Corona-Impfstoffs von Astrazeneca erhalten hatten, waren glücklich. Andere äußerten sich kritischer: die vielen, die in der Schlange standen und wegfahren mussten, auch viele Speyerer Bürger, die zwar die Abgase, aber angesichts der Autos aus einem weiten Umkreis keine Impfchance hatten. Er hätte die Berichterstattung dazu nicht gebraucht, sagt Initiator Professor Dr. Gerald Haupt, Urologe aus Speyer. Die in der Zeitung und im Fernsehen sichtbaren Staus hätten jedoch definitiv auch etwas Gutes gehabt: „Den Leuten wird klar, dass Astrazeneca doch ein wertvoller Impfstoff zu sein scheint.“
Corona bekämpfen – das ist die Mission des Mediziners im Zusammenhang mit der Impfung. Insofern kann er auch Vorwürfe, er komme an Impfstoff, andere nicht, gut kontern: Über die Kassenärztliche Bundesvereinigung werde ein eigenes Kontingent an niedergelassene Mediziner verteilt. Bei Biontech würden dabei stets aktuelle Obergrenzen der Bestellung pro Arzt genannt, bei den ohne Priorisierung freigegebenen Präparaten von Astrazeneca und Johnson & Johnson sei vermerkt gewesen: „Keine Beschränkung.“ Also habe er bestellt und nach seiner Auffassung „auf der Halde liegenden Impfstoff unter die Leute gebracht“. Andere hätten sich diese Mühe eben nicht gemacht.
Impfstoff noch nicht gesichert
Für eine Neuauflage (Peter Bödeker: „Die Organisation und die Ehrenamtler stünden bereit“) sei nun aber tatsächlich der Impfstoff noch nicht gesichert. Er müsse auf eine ausreichende Menge kommen, um mindestens so viele Leute wie im ersten Anlauf impfen zu können, sagt Haupt. „Einen weiteren Termin im Mai wird es sicher nicht geben.“
Ein für diese Woche im Speyerer Rathaus geplantes Koordinierungsgespräch wurde zunächst mal vertagt. Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) teilt auf Anfrage mit, sie unterstütze eine weitere Aktion dieser Art, „weil der vergangene Sonntag gezeigt hat, dass die Impfbereitschaft in der Bevölkerung sehr groß ist“. Jede und jeder Geimpfte zählten. In der Pandemie-Bekämpfung brauche es „pragmatische Ansätze und Lösungen und keine aufgeblähte Bürokratie“. Sie plädiere dafür, dass das Land beim Impfen künftig enger mit Ärzten und Apothekern zusammenarbeitet. Ärzte und Impfzentren dürften „auf keinen Fall gegeneinander ausgespielt werden“.
Vorschläge aus dem Rathaus
Wenn es eine weitere Großaktion gäbe, wäre aufgrund der Erfahrungen der Aktion vom Sonntag ein optimiertes Verkehrskonzept nötig, betont die OB. „Idealerweise wird auch die Zahl der Impflinge eingegrenzt und deren Anreise zeitlich entzerrt, beispielsweise durch eine Vorab-Vergabe von Terminslots.“
Mediziner Haupt freut sich nach wie vor über den Erfolg der Aktion, sagt aber auch: „Wir haben was losgetreten.“ Und: „Dass es Gegenwind geben wird, war mir klar.“ Er habe zuletzt etliche Telefonate dazu geführt. Ernsthaft nach den Möglichkeiten erkundigt hat sich bei ihm etwa Neustadts Oberbürgermeister Marc Weigel (FWG). Dieser will nun bei Ärzten vor Ort nachfragen, ob sie eine Chance für eine konzertierte Aktion wie in Speyer mit so viel Astrazeneca wie möglich sehen, das dann aber als Sonderaktion im Impfzentrum verimpft würde.
Das Landesgesundheitsministerium wollte die Speyerer Veranstaltung auf Anfrage der RHEINPFALZ nicht bewerten. Es teilt mit: „Jede erfolgte Impfung hilft, die Pandemie zu bekämpfen. Die Landesregierung impft dabei grundsätzlich nach der Priorisierungsvorgabe der Impfverordnung.“ Der dem Land zur Verfügung stehende Impfstoff komme aber nur in den Impfzentren und für mobile Impfteams zum Einsatz.
Selbstverständlich halte auch er sich an die Priorisierung, so Haupt. Für Astrazeneca sei sie aber aufgehoben. Und: Anders als Impfzentren könne er dieses Vakzin an Interessierte unter 60 abgeben.
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler
Weniger Bürokratie
Es kommen mehr Impfstoffe, die Priorisierungen fallen, es muss schnell gehen – hört man. Und dann: großes Warten. Wenn mal jemand Mut zeigt, wie beim Speyerer Massenimpfen, ist es vielen auch nicht recht. Der Ruf nach weniger Bürokratie ist richtig.