Speyer Glocke im Glück mit bewegter Geschichte

Nach der Sanierung 2006: die Magnifikat-Glocke.
Nach der Sanierung 2006: die Magnifikat-Glocke.

Sie gehört, nach den Glocken des Altpörtels und den vier großen Glocken des Domgeläuts, zu den ältesten Gottesdienst-Rufern und Stunden-Schlagern von Speyer: die Glocke der Konviktskirche St. Ludwig. Ihr Platz ist in dem kleinen Dachreiter auf dem Gotteshaus. Allerdings erklingt sie nicht mehr: Die Kirche ist profaniert und wird nicht mehr genutzt, ihre Zukunft noch offen.

Die Kirche hat seit dem Bau eine wildbewegte Geschichte bis zum heutigen Tage, die für Jahrhunderte eng verknüpft ist mit dem Schicksal der Stadt Speyer. Die Glocke teilt nicht nur seit ihrem Guss 1834 diese Geschichte, sondern fügt ihr noch einige ganz eigene Abenteuer hinzu. Als der Orden der Dominikaner nach Speyer kam, baute er ab 1264 eine riesige Hallenkirche, die 1308 geweiht wurde. Sie überlebte den großen Stadtbrand von 1689 nicht, aber aus ihrem Chor entstand die immer noch stattliche spätere Konviktskirche. Welche Glocken sie damals hatte, ist unbekannt, sie fielen der Französischen Revolution zum Opfer, ebenso wie der Kirchenbau, der 1802 versteigert wurde. Die Kirche diente sehr profanen Zwecken, bis das Bistum Speyer Klostergebäude und Kirche 1825 und 1829 kaufte, um ein Priesterseminar oder Konvikt einzurichten. Im Jahr 1834 stiftete Anna Maria Schmitt aus Berghausen die heutige Glocke, die noch im gleichen Jahr bei der Glockengießerei Sprinkhorn & Schrader in Frankenthal angefertigt wurde. Sie bekam die Inschrift „Magnificat anima mea Dominum“ nach dem Lobpreis, den Maria sang, als sie ihre biblische Base Elisabeth besuchte. Beide Frauen waren schwanger, Maria trug Jesus und Elisabeth Johannes den Täufer. Am 7. Oktober 1834 , morgens um 8 Uhr, wurde die Glocke geweiht und danach auf den Turm gezogen. Es war der Klang dieser Glocke, den der selige Paul Josef Nardini hörte, der erst 1840 bis 1841 Schüler, dann von Dezember 1846 bis April 1850 Präfekt des Konvikts war. Es kamen ruhige Jahre. Die Glocke überstand den Ersten Weltkrieg unbeschadet. Anders im Zweiten Weltkrieg: Am 20. Dezember 1942 wurde sie heruntergeholt, ihr wurde mit Ölfarbe die Nummer „B/16/3/6“ aufgepinselt, und sie fuhr per Schiff zum Hamburger Hafen auf den „Glockenfriedhof“, wo ungefähr 80.000 Glocken aus dem deutschen Reichsgebiet lagerten, darunter aus der Pfalz 545 „katholische“ und 616 „evangelische“. Ein Schmelzofen auf dem Gelände sollte ihr Schicksal sein. Die Magnifikat-Glocke hatte sozusagen Glück im Unglück: Der Ofen wurde 1943 von den Bomben der Alliierten getroffen und außer Funktion gestellt. 1947 wurde ein „Ausschuss für die Rückführung der Glocken“ gegründet und die über ihre Nummer identifizierte Speyerer Glocke kam im Jahr 1948, wiederum nach einem Schiffstransport, zurück an ihren angestammten Platz in St. Ludwig, wo inzwischen ein Ersatz aus Stahlguss hängte. Sie läutete nun wieder um 12 Uhr und um 18 Uhr zum Angelus-Gebet. Im Jahr 2006 bekam sie einen neuen Klöppel, ein Eichenjoch ersetzte das bisherige Stahljoch und eine neue Läutmaschine ersetzte die alte aus dem Zweiten Weltkrieg. Damit war sie wieder topfit und ihr Klang harmonisch und fein wie ehedem. Dann kam das Jahr 2010. Das Bistumshaus St. Ludwig und mit ihr die Kirche gaben ihren Betrieb auf, zunächst, weil umgebaut werden sollte. Dann entschied sich das Bistum zum Verkauf, der erste Investor verkaufte das Anwesen samt Kirche Anfang dieses Jahres weiter, und so ist jetzt die Project Bisping GmbH (Neuburg) der Glocken-Eigentümer. Die Tochtergesellschaft des Bauträgers Kuttler ist noch dabei, sich ein Bild zu machen: „Derzeit sind wir dabei, das neue Nutzungskonzept mit der Stadtverwaltung zu diskutieren. Es werden keine Einzelstücke aus der Liegenschaft disponiert. Grundsätzlich beabsichtigen wir, die Kirche als Ganzes zu erhalten und einer angemessenen Nutzung zuzuführen“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Chef Wilhelm Kuttler stellte kürzlich im städtischen Bauausschuss Pläne vor, nach denen es wiederum Investoreninteresse an der Kirche für eine kulturelle Nutzung gebe, wozu es aber noch keine Ergebnisse gebe. Gastronomie werde in die Kirche nicht einziehen, das sei klar. Zitiert „Da rufen Leute an, die wollen die Glocke haben, das geht natürlich nicht.“ —Wilhelm Kuttler, Eigentümer, über die Zukunft der Kirche St. Ludwig. Die Serie Die RHEINPFALZ stellt Speyerer Geläute vor, die regelmäßig zum Gebet rufen.

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