Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Generalvikar Sturm: „Kann in der Kirche nicht einfach so weitergehen“

Findet, dass Frauen in der katholischen Kirche von Weiheämtern nicht ausgeschlossen werden sollten: Generalvikar Andreas Sturm.
Findet, dass Frauen in der katholischen Kirche von Weiheämtern nicht ausgeschlossen werden sollten: Generalvikar Andreas Sturm.

Meinung am Montag: Kardinal Marx hat die katholische Kirche in Deutschland mit seinem Rücktrittsgesuch zuletzt in Aufruhr versetzt. Auch im Speyerer Bistum hat man seine Worte gehört. Generalvikar Andreas Sturm schildert im Interview mit Anne Lenhardt seine Sicht auf die Frage, wie es nun weitergehen kann – und bringt zum Beispiel Weiheämter für Frauen ins Spiel.

Generalvikar Sturm, Kardinal Marx hat dem Papst kürzlich seinen Rücktritt angeboten, der hat abgelehnt. Ist jetzt wieder alles beim Alten?
Ich erinnere mich noch gut, wie 2018 bei einer Pressekonferenz der Deutschen Bischofskonferenz die Ergebnisse der sogenannten MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche vorgestellt wurden. Ganz am Ende der Pressekonferenz hat eine Journalistin gefragt, ob einer der Bischöfe persönliche Konsequenzen ziehen und zurücktreten wird. Damals hat Kardinal Marx, der zu dieser Zeit noch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz war, mit einem knappen „Nein“ geantwortet. Viele waren damals irritiert und haben gespürt: Das kann nicht die Antwort sein. Ich glaube, wir brauchen die Übernahme von Verantwortung, auch einer persönlichen Mitverantwortung. Daher fand ich das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx ein starkes Zeichen. Noch besser hätte ich es gefunden, wenn man sich innerhalb der Bischofskonferenz vorher über einen solchen Akt der Verantwortungsübernahme verständigt hätte. Das Rücktrittsgesuch hat noch mal für alle deutlich gemacht: Es kann in der Kirche nicht einfach so weitergehen. Diese Botschaft bleibt, auch nachdem Papst Franziskus Kardinal Marx zum Weitermachen aufgefordert hat.

Was sagen Sie zur Reaktion des Papstes?
Der Papst hat sehr schnell reagiert. Mit seiner Antwort hat er unterstrichen, dass die katholische Kirche in Deutschland zum jetzigen Zeitpunkt nicht auf Kardinal Marx verzichten kann. Das sehe ich auch so, denn Kardinal Marx gehört zu den Architekten und Motoren des Synodalen Weges, den wir so dringend brauchen. In der Antwort des Papst hat mir gefehlt, die Betroffenen mehr in den Blick zu nehmen. Ungeklärt bleibt auch, ob Kardinal Marx als Bischof in Trier und heute in München im Umgang mit konkreten Missbrauchsfällen verantwortlich gehandelt hat. Das haben die Aufarbeitungskommission in beiden Bistümern jetzt zu untersuchen und zu bewerten.

Der Kardinal hat auf das Schreiben geantwortet und angekündigt, neue Wege für sein Erzbistum finden zu wollen. Wie sehen die in Speyer aus?
Das Bistum Speyer ist auf einem konsequenten Weg der Aufklärung und der Aufarbeitung. Wir lassen uns dabei weder ausbremsen noch treiben. Eine unabhängige Aufarbeitungskommission wird das Missbrauchsgeschehen im Bistum genau untersuchen. Aus dieser Untersuchung werden wir dann auch Konsequenzen ziehen. Dazu sind wir fest entschlossen, der Briefwechsel zwischen Kardinal Marx und Papst Franziskus hat dafür erstmal keine Bedeutung.

Anderswo schon?
Indem Kardinal Marx vom „toten Punkt“ gesprochen hat, an dem die Kirche angekommen sei, hat er noch mal die Notwendigkeit zu grundlegenden Veränderungen angemahnt. Das sehen wir im Bistum Speyer auch so und haben daher bereits vor rund zwei Jahren einen Visionsprozess gestartet. Damit wollen wir Antworten auf die Frage finden, wo die katholische Kirche heute vor allem gebraucht wird und wie wir uns dazu verändern müssen. Der Visionsprozess ist für mich eine klare und notwendige Konsequenz aus der Katastrophe des Missbrauchs.

Wie haben die Katholiken im Bistum darauf bisher reagiert?
Die Pfarreien sind derzeit stark von anderen Aufgaben in Anspruch genommen, aber aus anderen Bereichen, zum Beispiel den Verbänden oder den Kindertagesstätten gab es eine starke Resonanz. Gerade läuft in unserem Visionsprozess die sogenannte Resonanzphase: Wir bekommen dadurch ein Echo auf den ersten Entwurf der Vision, der bei der Diözesanversammlung im letzten Herbst vorgestellt wurde. Wer sich noch beteiligen will, der sollte das jetzt tun. Im Herbst dieses Jahres wollen wir auf der Diözesanversammlung den Visionsprozess zum Abschluss bringen und die neue Vision für das Bistum beschließen.

Was passiert, wenn die Vision verabschiedet ist?
Eine Vision ist nichts Statisches. Sie muss permanent weiterentwickelt und fortgeschrieben werden. Wir werden die Vision also sicher nicht in Stein meißeln und m Domgarten als Stele aufstellen. Viel entscheidender ist, dass sich durch die Vision unser Denken, unser Handeln und auch die gesamte Kultur in der Kirche verändern.

Wie steht es um die Rolle der Frau in der Kirche? Vor kurzem haben Sie sich dafür ausgesprochen, dass sie Diakoninnen werden können.
Die Frauenfrage ist eines der großen Themen unserer Zeit. Ich finde: Kirche ohne Frauen geht gar nicht. Die Pfarreien leben vom Engagement vieler Frauen, sei es im Seniorenkreis, als Kommunionhelferinnen oder in Chören. Eine Kirche, die Frauen von der Weihe von vornherein ausschließt, ist für viele junge, gut ausgebildete Frauen unattraktiv. Man kann nicht sagen, Gleichberechtigung ist uns wichtig, aber die Frauen von der Weihe ausschließen. Das passt nicht zusammen.

Warum nicht gleich Frauen als Priesterinnen oder Bischöfinnen?
Ich persönlich sehe keine Gründe, Frauen von den Weiheämtern auszuschließen. Doch man muss realistisch sehen: Wir sind eine Weltkirche. Vermutlich wird es nicht anders gehen, als erst mal nur über die Diakoninnenweihe zu sprechen. Global betrachtet, gibt es in der Weltkirche eine große Ungleichzeitigkeit. In Afrika und Asien ist die Kirche an einem anderen Punkt als zum Beispiel in Nordamerika und Europa. Die Frage für mich ist: Müssen wir darauf warten, bis alle am selben Punkt angekommen sind? Muss überall auf der Welt alles gleich sein? Ich finde nicht und kann mir hier sehr gut eine Einheit in größere Vielfalt vorstellen.

Interview: Anne Lenhardt

Zur Person

Andreas Sturm wurde am 8. September 1974 in Frankenthal geboren und ist in Gerolsheim aufgewachsen. Nach der Priesterweihe 2002 war er als Kaplan und Jugendseelsorger in Landau tätig. Es folgten Stationen in Speyer, Burrweiler und St. Ingbert, das ebenfalls zum Bistum Speyer gehört. Seit Juni 2018 ist der 46-Jähriger Generalvikar und damit Stellvertreter von Bischof Karl-Heinz Wiesemann und Leiter des Bischöflichen Ordinariats in Speyer.

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