Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Gastarbeiter-Kinder berichtet über Weg nach Speyer

Haben sich in Speyer ein eigenes Leben aufgebaut: (von links) Hüseyin Göktas, Servet Özel, Hasim Karsligil und Selahattin Yildir
Haben sich in Speyer ein eigenes Leben aufgebaut: (von links) Hüseyin Göktas, Servet Özel, Hasim Karsligil und Selahattin Yildirim, die Kinder türkischer Gastarbeiter sind.

Vor mehr als 60 Jahren haben Deutschland und die Türkei einen Vertrag über die Anwerbung von Arbeitskräften unterzeichnet. Auch nach Speyer sind viele von ihnen gekommen. Vier Kinder von Gastarbeitern der ersten Generation berichten von Trennung, Sehnsucht nach der Heimat und einem Neubeginn in Deutschland.

Niemand der ersten Gastarbeiter-Generation habe bleiben wollen, berichten Hasim Korsligil, Hüseyin Göktas, Sellahatin Yilderim und Servet Özel. „Die Reise unserer Väter begann mit einer dreitägigen Zugreise mit Holzkoffern in den Händen in die Fremde und endete mit einer dreistündigen Flugreise im Holzsarg in die Heimat“, sagt Özel.

Sein Vater hat sich mit 28 Jahren gemeinsam mit dem Bruder, zwei Verwandten und einer Wassermelone aus Denizli aufgemacht, der zweitgrößten türkischen Stadt an der Ägais. Die Melone habe er einem deutschen Nachbarn geschenkt, erzählt er. „Der wusste nicht, was das ist und hat sie in einem großen Topf gekocht. In der Türkei war Özels Vater Schafhirte. „Um nach Deutschland zu kommen, hat er zwei Pferde verkauft“, berichtet der Sohn. Sein Vater habe sich Wohlstand erhofft in Deutschland und dafür viel auf sich genommen.

Nur Platz für ein Bett

Zunächst habe der Vater in Landau gearbeitet und dann bis zur Rente bei BASF. Özel (49) ist mit Mutter und Bruder 1972 nachgekommen. „Maximal fünf Jahre wollten meine Eltern in Deutschland bleiben. Daraus sind fast 30 Jahre geworden.“ An die erste Unterkunft in der Speyerer Bahnhofstraße kann sich Özel nicht erinnern. Die Eltern hätten vom fehlenden Dach erzählt. „Die nächste Wohnung – da, wo heute das Awo-Seniorenhaus Burgfeld steht – war trocken, aber so klein, dass nur ein Bett hineingepasst hat.“ Gute Wohnverhältnisse hätten sie dann in einer Gewo-Wohnung im Ginsterweg gefunden.

An seine Schulzeit in der Roßmarkt- und dann in der Klosterschule erinnert sich Özel gerne. „Damals gab es keine Ausländerfeindlichkeit.“ Er hat sich sein Leben in Deutschland mit Ehefrau und drei Kindern eingerichtet. „Ich werde meine zweite Heimat nicht mehr komplett verlassen“, sagt er.

Fremde im eigenen Land

Das hat auch Yilderim nicht vor. Sein Vater ist 1968 „für ein bis zwei Jahre zum Geldverdienen“ gekommen, wollte keinesfalls sesshaft werden. „Aber die Familie war weit weg, Telefongespräche selten und teuer.“ Die Mutter und vier Kinder reisten also 1972 nach. Yilderim war damals sieben Jahre alt. „Ohne Deutschkenntnisse, ohne Freunde, das ist auch für ein Kind nicht einfach.“ Die türkische Kultur sei ihm ins Herz gepflanzt worden, die Sehnsucht der Eltern nach der Heimat sei geblieben. „Unsere Kultur haben sie an uns weitergegeben.“

In der Römerberger Schule sei er der einzige Türke gewesen, sagt der heute 56-Jährige. „Alle haben mich mit offenen Armen aufgenommen.“ Vater und Mutter seien geblieben, um sich nicht von den Kindern und Enkeln trennen zu müssen. Zudem seien in der EU lebende Türken in der Türkei „Alemanen“, also Fremde im eigenen Land.

Besuch einmal im Jahr

Göktas hat seinen Vater nie richtig kennengelernt. Mit 31 Jahren ist er 1967 von Anatolien nach Deutschland gegangen, um Frau und vier Kinder zu ernähren. Ein Jahr später kam Göktas zur Welt. „Seine Arbeit als Schafhirte hatte mein Vater verloren.“ Der Vater habe in Speyer, Schifferstadt, Ludwigshafen und Mutterstadt auf dem Bau gearbeitet und in Unterkünften gewohnt. Mit der Familie habe er nie wieder gelebt. „Er hat erzählt, dass die Einheimischen immer sehr nett zu ihm waren“, sagt Göktas.

Einmal im Jahr habe der Vater die Familie in der Türkei besucht. „Ich habe Onkel zu ihm gesagt. Wenn er angerufen hat, hat er im Minutentakt gesagt: Wieder fünf Mark weg.“ Um diese Kontaktmöglichkeit aufrecht zu erhalten, habe die Mutter ein damals in der Türkei sehr teures Telefon angeschafft. Aus Einsamkeit habe der Vater Bier getrunken. „Zu viel Bier“, sagt Göktas. „Die Augen meiner Mutter waren jeden Morgen rot vom Weinen.“

Für den 53-Jährigen ist Deutschland zur Heimat geworden. Hier hat er studiert, eine Deutsche geheiratet und eine fast erwachsene Tochter. „Wenn ich in die Türkei fahre, dann so lange wie möglich“, sagt er. „Die Rückkehr wird ein Traum bleiben.“

Weggang ein Fehler?

Korsligil war 13 Jahre alt, als er 1969 mit den Eltern nach Speyer kam. „In Ankara war mein Vater ein hoher Beamter, hat Jura studiert.“ Als 34-Jähriger habe er sich entschlossen, eine Zeit lang „so viel Geld in Deutschland zu verdienen, dass er für die Familie ein Haus in der Türkei bauen kann“. Geblieben seien die Eltern bis zum Tod. Wegen der Kinder und Enkel wollten sie nicht mehr weg. „Sie hatten die Heimat immer im Herzen, haben sich aber hier auch wohlgefühlt“, betont Korsigil.

Dennoch habe der Vater oft gemeint, mit dem Weggang aus der Türkei einen Fehler gemacht zu haben. Die Arbeit in den Speyerer Glaswerken in der Landwehrstraße sei hart gewesen. „Zu Hause hat er nur mit dem Kopf gearbeitet.“ Der Lebenstraum eines großen Hauses in der Türkei habe wegen einer Krankheit nicht funktioniert. „Wir haben die Eltern bis zum letzten Atemzug unterstützt und sie in der Heimat begraben“, sagt der heute 64-Jährige. Auch er hat eine Deutsche geheiratet, mit ihr vier Kinder, acht Enkel. Was ihn stört: In der Türkei sei er Deutscher, hier Ausländer. „Das tut weh.“ Dennoch sei er glücklich in Deutschland „Meine Kultur kann ich auch hier leben.“

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