Speyer
Gankino Circus begeistert beim „Kulturbeutel“-Festival
Gankino heißt ein bulgarischer Volkstanz, Circus ist englisch für Zirkus. Der Bandname ist Programm. Gespielt wird alles und jedes konsequent im Elf-Achtel-Takt. Damit bringt das Quartett einen anderen Rhythmus auf die Bühne, einen, der seinesgleichen sucht. Irgendwo zwischen bulgarisch, griechisch und Klezmer platzieren Gankino Circus ihre Musik, Geschichten spielen überwiegend im Wirtshaus „Zur heiligen Gans“.
Darin haben Maximilian Eder (Akkordeon), Simon Schorndanner (Klarinette, Saxophon), Ralf Wieland (Gitarre) und Johannes Sens (Schlagzeug, Percussions, Trompete) mehr oder weniger ihre Jugend verbracht, viel getrunken und noch mehr erlebt. Sogar den Tod des Wirts. Den haben die vier auch nach Jahren nicht verwunden. Weizen-Charly habe den Hefe-Weizen-Buddhismus gelebt, erzählt Wieland fast ehrerbietig von unzähligen bierseligen gemeinsamen Abenden im Wirtshaus.
„Schöne Ecke“
Bis zur Ankunft in Speyer hätten sie nie von dem Ort in der Pfalz gehört und schon gar nicht gewusst, dass er überhaupt besiedelt ist, räumt Frontman Wieland absolute Unkenntnis über die Domstadt ein. Um es sich nicht ganz mit den Einheimischen zu verderben, sagt er: „Schöne Ecke.“ Weg will das Quartett indes am liebsten gleich wieder. Heim ins Frankenland nach Konzert und drei Zugaben.
So geht Musik in Dietenhofen. Da wird getrommelt und gepfiffen, was das Zeug hält, da ist keiner zu halten, keiner sich für irgendetwas zu schade. Sens bedient sein Schlagzeug mit Ganzkörpereinsatz sensationell, erzeugt erstaunliche Geräusche mit Plastiktüten. Überhaupt ist jeder der letzten ihrer Art ein ausgezeichneter Solo-Instrumentalist. Eder spielt mit der linken Hand den Bass am Akkordeon und singt das deutsche Volkslied „Es kommt eine dunkel Wolk herein“ zum Weinen schön.
Ortswechsel zum Griechen
Zurück nach Dietenhofen mitten in die Jugend: Nach dem Ableben von Weizen-Charly sei der Ortswechsel zum Griechen im Dorf unaufschiebbar gewesen, erzählt Wieland. Musikalisch war das der Startschuss für noch mehr im Elf-Achtel-Takt. Alles um die Bouzouki herum hätten die Griechen allein für die Deutschen aufgenommen, berichtet der Gitarrist von Erkenntnissen, die die letzten ihrer Art beim Griechen erfahren haben. Wieland erzeugt entsprechende Töne mit einer handelsüblichen Bohrmaschine, die er mit viel Fingerspitzengefühl über die Saiten seines Instruments gleiten lässt. Der Grieche hat den Dietenhöfer Jungs erklärt, wie einfach es ist, in Deutschland ein griechisches Lokal zu eröffnen: „Die Hauptsache, der Deutsche hat genug Fleisch auf dem Teller.“ Wie gut, dass die Band den Speyerern auch diese Tatsache nicht vorenthält und auch die nicht, dass Florian Silbereisens „Stock im Arsch“ in der Dietenhofener Privatklinik medizinisch nachgewiesen wurde.
Zillertaler Hochzeitsmarsch, „Sierra Madre“ und „Die vier Jahreszeiten“ sind vom Publikum zu erratende Titel. Siegerin Judith erhält als Preis einen Bierseidel aus dem Wirtshaus „Zur heiligen Gans“. Damit endet das Mitmachprogramm indes noch lange nicht. Publikum und Künstler klatschen, singen und tanzen bis zur Erschöpfung zusammen.
„Es ist nicht überall so schön wie heute in Speyer“, sagt Wieland, bevor sich die letzten ihrer Art mit ihrer Version von „Kein schöner Land in dieser Zeit“ im Elf-Achtel-Takt endgültig verabschieden und auf den Weg zurück nach Franken machen.