Speyer
Friseursalon nach fünf Jahrzehnten aus Vergessenheit geholt
Seit 16 Jahren ist der Speyerer Michael Bauer selbstständig. Er übernimmt vor allem Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen. Als „Superbauer“ ist er nicht nur in der Branche bekannt. Er trägt das Superman-S auf seinem T-Shirt. So etwas wie in der St.-Georgen-Gasse, die hinunter zum Fischmarkt führt, habe er in all den Jahren noch nicht gefunden. „Eine richtige Rarität“, sagt er. „Wir haben es zunächst gar nicht gesehen, weil alles zugemüllt war. Am zweiten Tag habe ich es dann freigeräumt“, so der 43-Jährige.
Der Auftrag klang zunächst nach einem von vielen. An die 50 Haushalte löse er im Jahr auf, sagt Bauer. In der Altstadt sei es um das Haus einer mit 97 Jahren an Corona verstorbenen Speyererin gegangen, die zu Lebzeiten zwar regen Anteil am Leben auf der Straße genommen, in ihr Haus aber keinen hineingelassen habe. Ihr Haus Nummer 5, das laut Denkmaltopographie als Teil eines Ensembles „das historische Stadtbild prägt“, sei verkauft worden und werde für den Umbau vorbereitet.
Staub über die Sache gewachsen
Die Familie der Verstorbenen hat nach Bauers Recherchen bis in die 1960er-Jahre den Friseursalon Beutelspacher geführt. Danach sei zwar kein Gras, aber Staub und Müll über den Betrieb gewachsen. Zwei Frisierplätze in edler Holzoptik – möglicherweise mit Jugendstil-Einflüssen – und drei Plätze zum Haarewaschen im Raum nebenan stehen zur Verfügung. In den Zimmern im Erdgeschoss haben Bauer und Kollegen weitere Überreste gefunden: Trockenhauben aus mehreren Jahrzehnten, Lockenwickler und Klammern in großer Anzahl, sogar gut erhaltene historische Preislisten.
„Mehr als 50 Jahre unberührt“, sagt der Unternehmer und blättert in den vergilbten Dokumenten. 30 Reichspfennig hat eine Rasur demnach im Jahr 1940 gekostet, 35 Pfennig, wenn Kölnisch Wasser dazu geordert wurde. Eine neue Liste gab’s nach der Währungsreform 1949, als etwa für das Ondulieren genau eine D-Mark fällig wurde. 1962 wurde dann für einen normalen Haarschnitt je nach Aufwand 1,80 bis 2 Mark verlangt. Eine Dauerwelle kostete zwischen 15 und 18 Mark.
Hoffnung auf Ausstellung
Er schaue gern die ZDF-Sendung „Bares für Rares“ und habe deshalb den Wert solcher Kleinode schätzen gelernt, sagt Bauer. Er deutet auf zwei Biedermeier-Stühle, die noch älter als der Salon seien, und taxiert den Wert des Ganzen auf eine mittlere vierstellige Summe. „Das soll erhalten bleiben, wegwerfen ist keine Option für mich“, betont Bauer und sieht sich mit dem neuen Hausbesitzer, dem Speyerer Architekten Michael Neugebauer, auf einer Wellenlänge. Das Mobiliar solle „angemessen ausgestellt“ werden, hofft dieser. Er habe Bauer gebeten, sich umzuhören. Neugebauer arbeitet derweil am Bauantrag für den Umbau des historischen Wohn- und Geschäftsanwesens, das – den Hinterhof hinzugenommen – etwa fünf Wohnungen umfassen könnte.
Der „Superbauer“ hat in den vergangenen Tagen schon vielen neugierigen Passanten stolz seine Fundstücke gezeigt und ist unter Telefon 0151 11561278 für Interessenten erreichbar. „Ich hoffe, dass sich jemand meldet, der dafür in Speyer einen passenden Raum hat“, sagt er.