Speyer Friedhof als Ort der Begegnung
Keiner der 60 Zuhörer, die zu einem Diskussionsabend über Bestattungskultur am Montag nach Dudenhofen gekommen waren, wollte „anonym“ bestattet werden. Die meisten haben „ihr Grab“, einige sind auf der Suche nach Alternativen. Viele Zuhörer sagten, sie wünschten sich eine würde- und liebevolle Friedhofskultur, die Begräbnisstätte als lebendig gestalteten Ort der Begegnung mit den verstorbenen Familienangehörigen.
Für Alfons (78) und Margarethe (76) Grill war immer klar: „Wir kommen ins Grab der Eltern.“ Sie nennen es „altmodisch“, haben über eine andere Form der Bestattung aber nie nachgedacht. Am Montagabend wollten sie bei einer von Helga Schädler initiierten Diskussion zum Thema „Der alte Friedhof ist tot - Bestattungskultur im Wandel“ im evangelischen Gemeindezentrum hören, wie es mit dem Friedhof in Dudenhofen und der Anlage eines Rasengräberfeldes weitergeht. Bislang ist dort noch keiner bestattet worden. Rike Polaschek (72) möchte „zum verstorbenen Mann ins Einzelgrab“ und eine „in den kulturellen, kirchlichen Hintergrund“ ihres Lebens eingebundene Erdbestattung. Wohnen die Kinder weiter weg, findet sie das Rasengrab „in geweihter Erde eine gute Lösung“. Für Claudia John (46) kommt der traditionelle Ritus nicht in Frage. Schon weil „sich niemand verpflichtet fühlen soll, sich um die Grabstätte kümmern zu müssen“. Ein Freund ist im Friedwald begraben. Sie überlegt und wollte sich über Möglichkeiten informieren. „Herkömmlich, konventionell“, so wolle er bestattet werden, ist sich Hans-Georg Pfeifle (57) sicher. Eine 76-jährige Frau macht im Bekanntenkreis den Trend zum Friedwald und den „frühen Kauf des Baumes“ aus. Alternativ zum Rasengrab, „das auch keine Arbeit mache“. Für sich selbst, berichtet sie, habe sie „noch keine Idee“. Helga Schädler regten „die immer mehr, immer rascher zunehmenden Leerstände auf den Friedhöfen“ zu der Veranstaltung unter dem Dach der beiden Kirchengemeinden an. Friedhöfe sind für sie Heimstatt einer identitätsstiftenden Gemeinschaft, Ausdruck von Tod und Auferstehung, Zeugnisse der jeweiligen Kultur. Friedhöfe erzählen Geschichte und Geschichten. Auf dem Friedhof weilten die Toten unter den Lebenden, alternative Bestattungen – Friedwald, Ruheforst, Bremen erlaube die Urnen-Bestattung im eigenen Garten – führten zur Entfremdung und zu einer „Entsorgungskultur“, wie sie sagte. Schädler hatte sich, wie berichtet, in der Vergangenheit dafür ausgesprochen, aus der Kirche auf dem Speyerer Bistumgsgelände St. Ludwig eine Kirche für Urnenbestattungen zu machen. Madeleine Dietz, in Landau wohnende Künstlerin, fotografiert Friedhöfe. Sie beschäftigt bei ihren Gängen der Gedanke: „Was bleibt vom Menschen, wenn er geht?“ Die Toten sollten „an ihrem Lebensort bleiben können und der Erde zurückgegeben werden“, findet sie. Friedhöfe sollten Orte sein, an die man gerne geht. Heute sind 50 Prozent Feuerbestattungen. Dietz entwickelte eine ungebrannte, unglasierte Urne, die sich nicht auflöst und sich durch Nässe zu einem bleibenden „Klumpen“ formt. In den gängigen Friedhöfen sieht sie triste, öde Wüstenlandschaften, findet sie – auch den in Dudenhofen – „schrecklich“, speziell die „ungepflegte Rasenfläche“. Ein paar ihrer erläuterten Gestaltungsideen: der Friedhof als Park, Rosengrabstätte auf einer Rasenfläche, ringförmig angelegte, begehbare Gräber mit einem Baum oder einer Stehle im Mittelpunkt. Als Beispiele für eine gelungene Friedhofsgestaltung nannte sie, dass Findlinge – anstatt geschliffener Steine – mit Namen versehen werden oder dass die Einfriedungen aufgelöst werden. Es gehe darum, den Friedhof mehr als Landschaft zu betrachten und nicht nach dem Motto: ein Grabstein neben dem anderen. Für die Dudenhofener Rasengrabstätte könnte sie sich vorstellen, dass die Namen der Verstorbenen entweder auf einem Steintor oder zwei stilisierte Buchseiten-Wände geschrieben werden könnten. In der anschließenden, kurzen Diskussion beklagte eine Frau „aus der Sicht der Angehörigen“ die Konzeptionslosigkeit des Dudenhofener Friedhofs: „Es ärgert mich.“ Ortsbeigeordneter Roni Zürker (CDU) und Ortsbürgermeister Peter Eberhard (CDU) widersprachen dieser Einschätzung. Bei den täglichen Besuchen, der Zwiesprache am Grab ihres verstorbenen Sohnes würde sie und ihren Mann ein schön gestalteter Ruhe- und Sichtpunkt freuen, erwiderte die Frau. Der katholische Pfarrer Josef Metzinger konstatierte „eine abnehmende Tiefe des Abschieds“. Bei Beerdigungen quatschten die Leute weiter über alltägliche Dinge, hätten kein Bewusstsein für die Tragweite des Todes und die Trauer der Angehörigen. Der Tod sei eine Zäsur, kein Ende oder Geschäft, die Bestattung ein Abschied, keine Entsorgung. Metzinger: „Wie wir mit den Toten umgehen, verhalten wir uns auch gegenüber den Lebenden.“ Der evangelische Pfarrer Volker Glaser stellte die Vergangenheit mit einer geschlossenen und religiösen Gesellschaft der Gegenwart mit verschiedenen Glaubensgruppen und Lebensformen gegenüber: „Die Bestattung wird zum christlichen Zeugnis.“ Zur Sache Seit April 2008 sind im Friedwald Dudenhofen 1849 Menschen bestattet worden.