Speyer freistoss:

„Und jetzt sitzt er hier oder steht im Wasser und hat goar nix“: So oder ähnlich kommentierte die Sportreporter-Legende Harry Valérien 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles das Missgeschick des deutschen Schwimmstars Thomas Fahrner. Denn der Unglücksrabe brachte es doch tatsächlich fertig, über 400 Meter Freistil schneller zu kraulen als der US-amerikanische Goldmedaillengewinner George Di Carlo und am Ende als Neunter doch oben ohne Edelmetall um den Hals dazustehen und -zusitzen. Fahrnbach badete sich zuvor mit seiner Vorlaufzeit aus dem Finale und bestritt nach dem A-Endkampf, in dem es um Gold, Silber und Bronze ging, nur die B-Entscheidung um die Ehre, schwamm sich dann aber seine ganze Wut aus den Armen und Beinen. Der Weltverband Fina griff ein und schaffte später die B-Finals ab. Doch es gibt sie immer noch, die B-Finals, wenn auch in andere Sportarten. Die Leichtathleten des ASV Harthausen kennen sie genauso gut wie die Ruderer der RG Speyer. Doch nicht alle wissen, was das eigentlich bedeutet. Ein junger Sportler aus Speyer, Namen, Verein und Disziplin lassen wir hier mal außen vor, startete jüngst bei einer Disziplin mit A- und B-Endlauf. Selbstverständlich qualifizierte er sich im Gegensatz zum unglücklichen Fahrner fürs A-Finale und belegte dort Platz drei. Doch ausgerechnet die Mama des Talents, die uns ab und zu über die Ergebnisse des Sohnemanns in Kenntnis stellt oder setzt, verblüffte uns dann mit den korrekten Zeiten, aber mit einem angeblichen schlechteren Rang fünf für den Filius. Ein Abgleichen der offiziellen Ergebnislisten im Internet gab aber uns Recht: Position drei im A-Finale. Eine Umfrage unter den Kollegen in Ludwigshafen wollte zwar nichts für unmöglich halten. Manchmal bestreiten die Leichtathleten schließlich Zeitläufe, sprich, zum Beispiel 20 treten in vier Gruppen à fünf gegeneinander an. Am Ende gewinnt der Schnellste von allen. Im Großen und Ganzen schlossen sich die Kollegen aber unserer Meinung an: Bronze für den Speyerer Bub’. Mitten in die Verwunderung hinein untermauert plötzlich auch eine E-Mail des Vereins unseres Sportlers unsere These. Seine Mutter hatte ganz einfach bei ihrer Rechnung die Resultate des B-Finals berücksichtigt, und da lagen zwei Nachwuchshoffnungen mit ihren Zeiten vor dem eigenen drittplatzierten Sprössling – also ihrer Überlegung nach fünfte Stelle Wenn das Thomas Fahrner wüsste. Ach ja! Wer erinnert sich nicht an die gute alte Sportschau der ARD samstags in den 80er Jahren, als die Spieltage noch nicht zerstückelt daherkamen, der Anstoß meist um 15.30 Uhr erfolgte. Dann begrüßte uns am Bildschirm ein freundlicher Fachmann im besten Alter, ob der nun Ernst Huberty, Hajo Rauschenbach oder Adi Furler hieß. Dann gab’s drei Spiele. Die Bayern waren fast immer dabei, dann ein Spitzenspiel, Abstiegskampf oder ein Derby, und die Macher achteten auch darauf, dass jeder Verein mal drankam. Wer sich die Spannung erhalten wollte, ließ damals das Radio aus, drückte einfach auf den Knopf und schaute Sportschau. Das war in Zeiten ohne Handy, Smartphone, Newsletter, Apps, Live-Ticker, plötzliche Ergebnismeldung im Radio und Internet noch möglich. Kaum ein Nachbar deutete angesichts der Live-Übertragung auf Sky mit einem Jubel- oder Entsetzensschrei eine Überraschung an. Kaum ein Kind rannte plötzlich fahneschwenkend über die Straße. Und doch gibt es ihn heute noch, den Fan der guten alten Sportschau, der sich von allen Zwischenergebnissen fernhält, um sich die Spannung für die Sportschau zu erhalten. Er heißt Ralf Gimmy und ist ganz nebenbei der erfolgreichste Fußballtrainer der Region. Vor ein paar Tagen betreute er seinen FC Speyer bei einem Vorbereitungsspiel beim Ludwigshafener SC. Schon ging am Rande des Geschehens das Getuschel über die aktuellen Zwischenstände der Bundesliga los. Coach Gimmy bat die App- und Smartphonenutzer um ein wenig Zurückhaltung, um sich die Sportschau-Spannung zu erhalten. Wenig später machte sich Gimmy auf den Heimweg – Sie wissen, die Sportschau –, aber nicht, ohne der Presse nochmal Rede und Antwort zu stehen. „Ist sonst noch etwas Besonderes passiert, wie zum Beispiel vorhin die Rote Karte für Boateng bei Bayern gegen Schalke?“, fragt der Pressemann unbedarft. „Nein“, entgegnet Gimmy und: „Jetzt aber nicht mehr über die Bundesliga. Ich will die Sportschau sehen.“ Die gute alte Sportschau in ihrer Form der 80er Jahre, sie ist ausgestorben. Den guten alten Sportschau-Fan, den gibt es noch.