Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Flugblatt zum Impfen sorgt für Kopfschütteln bei der Lebenshilfe

Gehört zu jeder Impfung: seriöse medizinische Aufklärung; hier: in einem Impfzentrum.
Gehört zu jeder Impfung: seriöse medizinische Aufklärung; hier: in einem Impfzentrum.

Seit Monaten gehören auch sie zu den Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie: Flugblätter, auf denen entweder die Gefahren des Virus geleugnet oder vermeintliche Gefahren des Impfens behauptet werden. In Speyer waren sie vergangene Woche wieder in etlichen Briefkästen zu finden. Betroffene sind alarmiert.

„Retter Impfung“ steht auf dem Papier, das in einem Briefkasten in der Innenstadt lag. Darüber: ein Teddybär mit Spritze. Darunter: ein paar Zeilen, nach der eine junge Frau einst im Anschluss an eine Impfung unheilbar erkrankt sei. Der Hintergrund der Druckschrift ist wohl, dass Zweifel gesät werden sollen an der Impfkampagne, mit der seit einigen Wochen die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt wird. Unterschrieben und mit einem QR-Code versehen ist das Ganze von angeblichen „Freiheitsboten“. „Mir macht es Angst, dass so ein Querdenker-Brief verbreitet wird“, betont Hendrik Fehr. Das Schreiben ist im Haushalt seines gehörlosen Sohnes gelandet, der in einer Wohngruppe der Lebenshilfe in Speyer lebt. Eingeworfen von Unbekannten.

„In einer Einrichtung wie der Lebenshilfe finde ich eine solche Desinformation nochmals schwerwiegender“, so Fehr. Sein Sohn lebe mit einer jungen Frau zusammen, die das Flugblatt schon ins Zweifeln gebracht habe. Ob sie sich impfen lasse, habe er sie gefragt, berichtet der Vater des Mitbewohners. Die Frau habe ihren Kopf geschüttelt. „Davon stirbt man doch“, habe sie entgegnet. Sein Sohn sehe das zum Glück anders, berichtet Fehr, der sich dazu auch mit der Lebenshilfe-Leitung ausgetauscht hat. Geschäftsführer Martin Zimmer ist sich mit ihm völlig einig in der Bewertung der Wurfsendung, er glaubt aber nicht, dass sie mit Absicht in der Wohnung der Behinderteneinrichtung gelandet sei, denn diese sei von außen nicht erkennbar. Es sei der erste Fall dieser Art bei der Lebenshilfe, sagt Zimmer.

Breite Akzeptanz erwartet

Die Impfung sei für Lebenshilfe-Bewohner wichtig und stoße bei ihnen auf breite Akzeptanz, so Zimmers Eindruck. Sie gehörten zur Gruppe mit zweiter Priorität, die wohl im Frühjahr geimpft werde, falls Interesse besteht. Zimmer erwartet eine hohe Impfquote in den Einrichtungen in Speyer und Schifferstadt, das legten die ersten Rückmeldungen nahe. „Wir sind schon in den Vorbereitungen, holen die Einverständniserklärungen ein, klären in leichter Sprache auf“, berichtet Zimmer. Er hoffe sehr, dass unseriöse Flugblätter dies nicht noch zusätzlich erschwerten.

Immer wieder sind in den vergangenen Monaten in Speyer Flugblätter aufgetaucht, die Inhalte von Kritikern der Corona-Maßnahmen vertreten. Mal liegen sie etwa an Bushaltestellen aus, mal werden sie eingeworfen, wie vergangene Woche unter anderem im Neuland. „Der Stadtverwaltung ist die Verteilung solcher Zettel bekannt“, berichtet auf Anfrage Pressesprecherin Annika Siebert nach Rücksprache mit dem Ordnungsamt. Mit einer Bürgerin, die sich darüber beschwerte, habe sie selbst telefoniert. Ansonsten hielten sich die Rückmeldungen aus der Bevölkerung dazu in Grenzen. Der Verwaltung seien auch mehr oder weniger die Hände gebunden, weil mit der Verteilung keine Straftat vorliege. Diskussionswürdig sei allenfalls, ob das Impressum, das beim zuletzt gemeldeten Fall nur aus einer Internetadresse bestanden habe, den rechtlichen Vorgaben genügt. Das müsste aber gegebenenfalls die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion des Landes sanktionieren, so Siebert.

RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler

Argumentativ dagegenhalten

Falschinformationen in der Pandemie sind doppelt gefährlich.

Es ist schwer nachzuvollziehen, was Menschen zum Verfassen und Verteilen von Flugblättern mit Falschinformationen über Corona oder die Impfkampagne bewegt. Da es angesichts fehlender Faktentreue keine ernst gemeinte Warnung sein kann, ist davon auszugehen, dass eine Spaltung der Gesellschaft provoziert werden soll. Womöglich geht es auch darum, extremistische Parteien zu stärken. Bei der Bekämpfung der Pandemie ist das jedenfalls kontraproduktiv. Was hilft, ist aufzuklären, argumentativ dagegenzuhalten, das fragwürdige Druckwerk in die Papiertonne zu werfen. Und sich dann für die Impfung anzumelden, sobald man an der Reihe ist.

Auffällig groß: das Fragezeichen auf dem Flugblatt.
Auffällig groß: das Fragezeichen auf dem Flugblatt.
x