Judo
Final Four in Wuppertal: Frauen des JSV Speyer sind deutscher Vizemeister
Nadine Lautenschläger, Teamchefin des entthronten deutschen Frauen-Mannschaftsmeisters JSV Speyer wirkt im letzten Kampf, die drohende Niederlage gegen den neuen Champion TSG Backnang im Final Four von Wuppertal vor Augen, etwas konsterniert, um Sekunden später Corinna Bayer wieder entschlossen anzufeuern. Dann ist alles aus. Auf Speyerer Seite schlagen sie die Hände vors Gesicht, kauern nieder, stützen die Köpfe auf, nehmen einen tiefen Schluck aus der Pulle, tröstende Umarmungen. Das Judo-Leben geht weiter, Aufstellen zum Abgrüßen. Die Ersten lachen schon wieder. Die Umarmungen mit den Backnangerinnen fallen äußerst innig aus. „Das ist Judo“, sagt Speyers Teamchefin Nadine Lautenschläger für gewöhnlich in solchen Fällen.
Es muss was Besonderes los sein in Wuppertal, oder warum verdoppelt sich der Hotelpreis auf Sonntag vorübergehend? Die weltberühmte Schwebebahn kündigt sich unverdrossen leicht knatternd über der Stadt an und richtig: Die besten Judomannschaften Deutschlands ermitteln in der Unihalle ihre Champions, verdrängen die etwas abgestürzten Regionalliga-Fußballer des SV mit ihrem legendären Stadion Zoo etwas aus dem Blickfeld, und als einziger doppelt vertreten? Die Frauen und Männer des JSV Speyer.
„Wir sind im ...“, verrät JSV-Macher Michael Görgen-Sprau auf Anfrage unserer Zeitung die Unterkunft der Kämpfer aus der Domstadt in einem der ersten Häuser am Platz an. Dann quartieren wir uns doch auch mal hier ein, gewusst wie, am besten im Bahnhof nach oben steigen und nicht beim Weg über die Straße scheitern. An der Rezeption zeugen die Taschen mit Vereinsemblem von Sportlern. Es scheinen aber noch keine Judoka zu sein.
Rekordchampion Abensberg
Der Aufzug in den sechsten Stock macht Mut: „Voraussichtlicher Beginn der Befreiung spätestens 30 Minuten nach Notruf“, steht angeschlagen. Wieder unten, munden die Fusilli Bolognese. Trinkgeld bei Kartenzahlung erweist sich als etwas langwierig. Die Judoka und ihr Tross trudeln ein. Beim Frühstück sitzen die Speyerer, das sind die Roten, am Tisch neben Rekordchampion TSV Abensberg, also den Schwarzen. In diesem Fall die Lady in White vertritt Hertha Walheim. Das ist Judo.
Michel Adam, JSV Eigengewächs, deutscher Einzelmeister, kommt an Krücken. Früh endete seine mit großen Olympiahoffnungen gestartete Laufbahn. Heute macht er sich auch als Coach der Domstädter verdient. Im Bahnhof kommen die Blauen entgegen, Fans des Turnvereins, Männertitelverteidiger und Ausrichter aus dem nahen Remscheid.
Sieben Stationen sind’s im Bus bis zur Unihalle, wo der Spaß erst richtig losgeht. Das Bergische Land macht seinem Namen alle Ehre. Hoch über der Stadt angekommen, wartet noch etwas Fußmarsch durch Wind und Wetter. Ein Autofahrer (Kennzeichen SP), lässt die Seitenscheibe herunter und fragt einen Ordner nach einer Parkmöglichkeit. Gerlinde Görgen, Geschäftsführerin der Domstädter, kommt entgegen: „Ich suche unseren Busfahrer.“ Drinnen platzieren sich die Roten unterm Hallendach, mit Fahne, Trommeln, Rasseln, zahlen- und lautstärkemäßig mit die lautesten.
Murphy wartet
Unten bauen die Helfer noch auf, die große Tafel zur deutschen Meisterschaft, die kleinere mit den Partnern. Silberware in Groß, Mittel und Klein für alle, Medaillen in den olympischen Tönen harren ihres Einsatzes. Bertille Murphy vom JSV und Miriam Butkereit von Halbfinalgegner JC Bottrop warten schon ewig, dann: „Mattentausch“. Die Kollegin klopfen einander ab, um sich warm zu halten. Selbst einer der Abensberger Betreuer spricht einem der Speyerer Ballhaus-Zwillinge noch Mut zu. Das ist Judo.
Männerteamchef Michael Görgen-Sprau schaut beim Kampfgericht vorbei: „Wir kämpfen da“, weist er den Weg zur Matte: „Sicher?“, scherzt der Pressevertreter: „Sicher“, kommt es zurück. In der Runde der besten vier wartet das internationale Topensemble UJKC Potsdam, das am Ende den Titel einheimst. Fünf Trommler aus dem Team heizen direkt am gelb-blauen Matteneck ein. Der obligatorische Kreis der Brandenburger fällt martialisch aus. Mit sportlich-aggressivem Gesichtsausdruck interagieren die auf der Kampffläche mit denen hinter der Bande.
Die 4:3 führenden Frauen machen sich schon wieder warm für Durchgang zwei. Längst klappt’s auch mit der Mattenvergabe. Helfer verbinden die leicht verrutschten Mattenquadrate wieder. Die Kämpfe gehen bis zum 8:6 für den JSV schneller aus: Finale. Nun gibt’s nur noch eine Kampffläche. Die gehört zunächst den Cheerleadern des 1. FC Köln, die auf die tollen Tage einstimmen. Das tröstet Görgen-Sprau, bekennender Eff-Ceh-Fan, über die Last-Minute-Niederlage in Dortmund hinweg. Rücken an Rücken lockern sich Speyer und Backnang auf. Das ist Judo. Ob in der Pause vor dem Endkampf oder jetzt beim Ansetzen von Griffen und Antäuschen der Fußtechniken: Seija und Mascha Ballhaus ein Herz und eine Seele.
Lautenschläger kommunikativ
Lautenschläger spricht mit allen aus ihrem Großaufgebot, verinnerlicht Techniken. Die junge Geraldine singt die Nationalhymne. Wieder hat’s Murphy eilig und übt sich in Geduld. Die Gefechte verlaufen enger. Strafen kommen ins Spiel, auch der Golden Score, die Verlängerung bis zur nächsten, dann entscheidend Wertung.
Der Bereich der Sportler ist nun abgetrennt durch die herübertransportierten Tafeln für die Siegerehrung, versperrt dem sich aufwärmendem UJKC die Sicht auf die Dinge. Im Backnanger Siegerteam gibt die Grande Dame des deutschen Judo, die zweifache Weltmeisterin, Olympiamedaillengewinnerin und Fahnenträgerin von Paris mit Basketball-Superstar Dennis Schröder, Anna-Maria Wagner, ihren Abschied.
„Anna, Anna, Anna“, brüllt der Hallensprecher. Die verdrückt mehr als eine Träne, liest lieber ab, kann kaum sprechen, nachdem ihre riesigen Erfolge über Leinwand flimmern, lobt Zuschauer und Fans für die immerwährende Begleitung, die Stimmung. „Ich bin unendlich dankbar für jede einzelne Erfahrung, jeden Rückschlag, jedes Hochgefühl.“ Harte Arbeit, Teamgeist, Vertrauen machten sie zur Persönlichkeit: „Meine Judozeit ist vorbei. Ich sage tschüss.“ Auch im Judomaxx gab Wagner schon ihr Wissen an den Nachwuchs weiter. Das ist Judo. Die jungen Speyerer Trommler ziehen von dannen. „Das war höchstes Niveau, deutsche Meister, Weltmeister“, sagt ein Mann zum anderen und schließt das Auto auf, Kennzeichen AB. Das steht nicht für Altmeister TSV Abensberg, den Halbfinalisten, sondern für Aschaffenburg. Das war Judo.
