Speyer
Festival „Chai“: Israelisch-Iranische Völkerverständigung
Die als Open Air angekündigte Veranstaltung des Speyerer Verkehrsvereins, organisiert von Matthias Nowack, ist buchstäblich ins Wasser gefallen. Als das Wetter den Soundcheck im ursprünglich vorgesehenen Judenhof unmittelbar neben der historischen Mikwe unmöglich machte, haben die Verantwortlichen das Konzert kurzerhand in den benachbarten Alten Stadtsaal verlegt. Der neue Standort wurde zum Glücksfall.
Draußen vor der Tür wachen Polizeikräfte über die Sicherheit der Protagonisten, die zwar in Berlin leben, aber aus Israel und dem Iran stammen. Ihre Herkunftsländer führen Krieg, im Alten Stadtsaal verbindet Folkadu sich nicht nur musikalisch. Respekt, Toleranz und Zusammenhalt bauen auf der Bühne Brücken.
Eigene Stücke und Volkslieder
Unter der Leitung von Sängerin und Trompeterin Yael Gat wenden sich drei Instrumentalisten Volksliedern, eigenen Stücken und Melodien bekannter jüdischer und persischer Komponisten zu. Gemeinsam mit dem iranischen Multiinstrumentalisten Yaser Bayat, dem Akkordeonisten Ira Shiran und dem kurzfristig angetretenen Oud-Spieler berührt Gat Herzen und Seelen der Zuhörer. Ihr mit wunderbar warmer Stimme auf jiddisch gesungenes Wiegenlied ist zum Weinen schön, leidenschaftliche Friedens-Botschaften erklären, dass eine Welt ohne Krieg und Gewalt möglich ist.
Folkadu erzählt in Jiddisch, Hebräisch, Ladino oder Persisch Geschichten von Liebe und Hoffnung, Sehnsucht, Menschlichkeit und Schönheit der Natur. Gats Trompetenklänge gleiten über endlosen Sand, ihre Melodien fangen Wasser und Sonne ein. Absolute Harmonien erfüllen den Alten Stadtsaal, führen in Gassen und Gärten der Länder, die im eigentlichen Sinn eng miteinander verbunden sind. Einem 130 Zentimeter langen auf D gestimmten Horn der Antilope entlockt Gat Töne, die sonst nur in jüdischen Fest-Gottesdiensten zu Neujahr und Jom Kippur zu hören sind.
Lieder der zwei Rosen
Gat und Bayat besingen alte Traditionen in ihren Muttersprachen zunächst im Wechsel, am Ende gemeinsam. Den vier Folkadu-Musikern gelingt es großartig, zugleich wie ein großes Orchester zu klingen und intime Atmosphäre zu atmen. Mit dem auf Hebräisch gesungenen Lied der zwei Rosen wird der Choral zum Chor. „So bleibt eine Rose nicht alleine“, betont Yael Gat ihre Hoffnung, die nach Angaben der Sängerin mit dem gemeinsamen Gesang von einer kleinen zur großen Hoffnung geworden ist.
Yaser Bayats grandioses Percussion-Solo auf einem seiner traditionellen persischen Instrumente reißt die Zuschauer für einen spontanen Zwischenapplaus von ihren Stühlen. Voller Hoffnung und Mut zu einer Zukunft in einer friedlichen Welt singt und spielt die Band das Lied „Kinder bringen Glück“, bevor sie ihr Programm mit einem musikalischen Licht beendet.
Ohne Zugabe lassen die begeisterten Besucher Folkadu indes nicht gehen. Mit einer eindrucksvollen letzten jüdisch-iranischen Begegnung verabschieden sich vier Ausnahme-Musiker vom Chai-Festival. Zurück lassen sie das Gefühl, dass Menschlichkeit verbindet und Musik so viel Optimismus auszustrahlen vermag, dass sie Perspektiven verändert.