Speyer
Fürs „Stift“ gibt’s noch keine Lösung
Kurzfristig Corona
2004 wurde das städtische „Stift“ mit dem Diakonissen-Krankenhaus fusioniert. Die Diakonissen nutzten den alten Standort in der Spitalgasse weiter, zogen nach der Erweiterung des Haupthauses in der Paul-Egell-Straße aber nach und nach dorthin um. 2021 waren sie in der Spitalgasse draußen. Seit die Corona-Pandemie tobt, konnten die leerstehenden Räume zeitweise als Corona-Ambulanz, Impfstelle und Testzentrum in verschiedenen Trägerschaften genutzt werden. „Ein Glücksfall“, sagt Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD). Dass das ebenfalls schon vorbereitete „Notkrankenhaus“ nicht aktiviert werden musste, kam allen zupass.
Die Impfstelle wurde im November 2021 eingerichtet, als die Booster-Kampagne beschleunigt werden sollte. Fünf bis sechs städtische Mitarbeiter plus Kräfte des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sind dort tätig, aber die Räume sind nicht groß genug, um so viele Menschen zu impfen wie erwünscht. Deshalb ist der dafür ausgewählte Gebäudetrakt im Erdgeschoss nur noch bis 14. Januar in Betrieb. Ab 19. Januar zieht die Impfstelle in die Stadthalle um. Seiler erwartet wieder eine steigende Nachfrage und fordert von Bund sowie Land eine Perspektive für die Finanzierung von Impfzentren bis mindestens ins Frühjahr 2023.
Mittelfristig Verwaltung
Im November 2021 ist auch die Zensusstelle der Stadtverwaltung in einen Teil der Immobilie eingezogen und soll dort bleiben, bis ihre Aufgaben für die Volkszählung abgeschlossen sind. Noch in der ersten Jahreshälfte 2022 soll die städtische EDV-Abteilung mit ihren 18 Mitarbeitern hinzukommen, die bisher auf drei Gebäude aufgeteilt ist, unter anderem schlecht zugängliche Dach-Räume des Hohenfeldschen Hauses in der Maximilianstraße 99 belegt. Für sie wird in begrenztem Maß investiert, etwa in Vernetzung und Beleuchtung.
Größere bauliche Mängel werden jedoch nicht behoben, weil erst die längerfristige Zukunft der Immobilie geklärt werden müsse, sagt die städtische Architektin Ilona Bast auf Anfrage. Nicht alle Dächer und Leitungen im 1980 und 1985 fertiggestellten Gebäudekomplex seien dicht, auch an der Betonsubstanz gebe es Schäden. Das zweite Obergeschoss werde kurz- wie mittelfristig nicht genutzt, „weil hier das Wasser vom Dach aufgefangen wird“. Für die EDV-Abteilung handele es sich um eine Zwischenlösung. „Wie lange diese dauern wird, können wir im Moment noch nicht sagen. Wir suchen intern nach einer anderen Lösung für die EDV“, teilt die Stadt dazu mit.
Langfristig ungeklärt
Die Stadt hat einen Planungs- und Beteiligungsprozess zur Zukunft des Stift-Areals angekündigt. Corona habe vieles verzögert, betont Oberbürgermeisterin Seiler. Das Gebäude gehöre der städtischen Bürgerhospitalstiftung und müsse dem Zweck – Versorgung älterer Personen – gemäß genutzt werden. Die Stadt wolle 2022 intern vorbereiten, wie der Entscheidungsprozess strukturiert werden könne, so Seiler. Dazu gehöre die Auswertung der Informationen zu dem „hochinteressanten Baukörper mit phänomenaler Lage“. Im vierten Quartal 2022 sollten dann Politik und Öffentlichkeit einbezogen werden.
Insgesamt werde der Prozess mehrere Jahre umfassen, so die OB. 2023 könnte die eigentliche Bürgerbeteiligung anstehen, danach müssten umfangreiche Planungen eingeleitet werden. Eine Grundsatzfrage sei, ob es zu einem Abriss oder einer kompletten Entkernung des Gebäudes komme. Letztere hält Abteilungsleiterin Bast für möglich. Auch die Waschbetonplatten an der Fassade, die die Optik des verschachtelten Gebäudes prägen, wären verzichtbar. Es werde auch geprüft, was mit dem Park am Haus, mit der diesen umgebenden historischen Mauer sowie mit der Tiefgarage und ihren 51 Plätzen geschehen könnte. Wenn es eine Baugrube gäbe, wäre die Archäologie einzubeziehen.
Seiler will die Planungen für das „Stift“ mit denen für die Zukunft des Königsplatzes verbinden: „Hier sind eng verbundene Prozesse denkbar.“ Der Ideenwettbewerb, den der Verein Bürgerforum ausgerufen hat, kommt laut Stadt zu früh. Pläne, auf dem Gelände Wohnbau-Investoren zum Zug kommen zu lassen, siehe man kritisch. Denkbar wäre aber altersgerechtes Wohnen, verknüpft mit passenden Dienstleistungen. Einen ebenfalls schon eingebrachten Vorschlag schließt Seiler aus: die Ansiedlung der kompletten Stadtverwaltung auf dem Grundstück.
Stichwort: Das ehemalige „Stift“
Die 1799 errichtete Bürgerhospitalstiftung fördert und unterstützt alte Menschen in Speyer sowie Einrichtungen für Alte und Bedürftige. Dazu gehörte der Krankenhaus-Betrieb in der Spitalgasse. Diese Fachklinik für Innere Medizin ging im Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus auf. Das jetzige Gebäude entstand 1980 im ersten und 1985 im zweiten Bauabschnitt. Das Gelände zwischen Ludwigstraße und Mönchsgasse umfasst 12.735 Quadratmeter.
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler
Nicht zu lange warten
Tritt aufs Gas oder auf die Bremse – die wichtige Frage beim „Stift“.
Im Ressourcen bindenden Kampf gegen die Corona-Pandemie ist die Stadt auf Räume im ehemaligen Stiftungskrankenhaus angewiesen. Daher ist es verkraftbar, dass auch ein Jahr nach dem Auszug der Diakonissen noch keine Weichen für eine längerfristige neue Nutzung gestellt sind.
Dennoch sollte die Stadt nicht zu lange damit warten und nicht „nur“ ein Ausweichquartier für Verwaltungseinheiten betreiben. Die Planungen werden Zeit benötigen, da an dem zentralen Standort so viel denkbar ist. Und: Es darf nicht abgewartet werden, bis das Gebäude völlig marode ist.