Speyer
Führerscheinprüfung auf dem Fahrrad
Reportage: 20 Fahrradstraßen bis 2020 – das ist die prägnanteste Forderung des „Bündnisses Verkehrswende“, das einen „Radentscheid“ anstrebt. Die Aktiven wollen die Bürger über ihre Ziele zur Verbesserung des Radverkehrs in Speyer abstimmen lassen. Drei der Initiatoren erklären der RHEINPFALZ ihren Antrieb – passenderweise auf einer Radtour.
Verbesserungsmöglichkeiten gibt’s fast überall. Auch in der Vincentiusstraße vor dem Friedrich-Magnus-Schwerd-Gymnasium: Für „noch mehr Fahrradständer“ plädiert Tom Kemmer, Lehrer am Gymnasium und Aktiver im Bündnis. Dass die Stadt im August auf dieser Seite der Schule Speyers erste Fahrradstraße ausgewiesen hat, erkennen Kemmer, Bernd Webel und Hans Wels lobend an. Schon bei ihrer gemeinsamen Fahrt weiter zur Uni zeigt sich aber, dass sich auch die angrenzende Otto-Mayer-Straße als Fahrradstraße eignen würde: Wie die Radtour-Aktiven wünschten sich auch viele Schüler die Möglichkeit, legal nebeneinander radeln zu können. Mehr als die Hälfte der 2500 Schüler in diesem Bereich strampeln zur Schule, schätzt Kemmer: „Zu Schulstart und -ende kommt hier der Autoverkehr eh fast zum Erliegen.“
Nächste Kreuzung. Die Freiherr-vom-Stein- mündet in die Dudenhofer Straße. Hier wechseln zahlreiche Schüler, die in Richtung Dudenhofen radeln, die Straßenseite, bringen sich dann aber auf dem Radweg auf der linken, falschen Seite in Gefahr, scheuen das Ampelgrün-Anfordern und Über-die-Straße-Schieben. „Die Beschilderung stimmt“, wendet Webel ein. „Trotzdem lebensgefährlich“, sagt Wels. Aus Dudenhofen kommend müsse der Radweg über die Vom-Stein-Straße gezogen werden, fordert er. Bei einem weiteren Vorschlag für das Viertel sind sich die Männer einig: Der Feldweg nach Dudenhofen in Verlängerung der Holzstraße müsste ausgebaut und komfortabel beleuchtet werden. „Dann könnten Eltern ihre Kinder auch im Dunkeln guten Gewissens übers Feld radeln lassen.“
Wechselhaftes in West
Entlang der Theodor-Heuss-Straße geht es durch Speyer-West. In der Friedrich-Ebert-Straße oberhalb des Woogbachtals teilen sich Radler einen Weg mit Fußgängern – einen Weg in sehr unterschiedlicher Qualität, was Belag, Breite und Benutzerfreundlichkeit angeht. Wels leitet die Gruppe zum Bahnübergang in der Karl-Spindler-Straße, wo der Radweg aus mehreren Richtungen ohne Vorankündigung endet. An einer Kette, an einem hohen Randstein, an einer viel befahrenen Straße. „Typisch“, kritisiert er. Ein paar Meter weiter: die Kreuzung „Rauschendes Wasser“, die bei vielen Radlern unbeliebt sei, vor allem wegen der langen Wartezeiten beim Queren der vielen Äste. „Ein seltener Glücksfall“, kommentiert Kemmer das jetzige Grünlicht, bevor Wels ein weiteres Problem benennt: den mehrfachen Wechsel von Zebrastreifen und Furten mit Ampeln. Einmal müsse der Drahtesel geschoben, einmal dürfe geradelt werden.
Beim Weg durch die Bahnhofstraße meldet sich Webel mit immer neuen Einordnungen zu Wort: „totale Katastrophe“, „Harakiri“, „mehr als lebensgefährlich“, „geht gar nicht“. Der Radweg holpert. Am Ärztehaus parken zwei Autos auf dem Radweg, vor dem Bahnhof ein drittes. Vor den Lokalen beim Arbeitsamt ein Stück weiter seien Fehler von Fußgängern, ein- und ausfahrenden oder direkt angrenzend parkenden Autofahrern stets möglich. Warum an der Boardinghaus-Baustelle der rot gepflasterte Radweg plötzlich endet, versteht Kemmer nicht. Gut einsehbare, durchgängige Bereiche für Radler fordern die Aktiven. Von der Straße abgetrennt wie in der Bahnhofstraße sei nachteilig, so Webel. Seine Idee: Wormser Straße sowie Wormser Landstraße zu Fahrradstraßen machen, dazu ein Fahrradstraßen-Stich zum Bahnhof durch die Prinz-Luitpold-Straße.
Schnelle Verbindungen gesucht
Durchgehende Fahrradstraßen – das wäre ein effektives, nicht mal zu teures Instrument, werben die Aktiven. Kemmer fordert flächendeckend Tempo 30. Er lenkt an die Einmündung der Paul- in die Landauer Straße und deutet nach Westen zum neuen Bettenhaus des Vincentius-Krankenhauses. Wenn eine Fahrradstraßen-Achse aus dem Vogelgesang, vorbei am Feuerbachpark hier vorbeiführte und irgendwann mal ein S-Bahn-Halt Süd samt Unterführung käme, gäbe es die Möglichkeit einer schnellen Ost-West-Verbindung auf autoarmen Wegen. „Wir brauchen keine weiteren Konzepte, wir brauchen Umsetzung. Jetzt“, so der Lehrer. Die Mühlturmstraße zur Fahrradstraße zu machen, sei dringlich. Vieles stehe schon im städtischen Fahrradkonzept von 2016. Er sei zufrieden damit, dass nach einem Gespräch des Bündnisses im Rathaus im April erste Schritte gemacht worden seien, betont Webel. Jetzt müsse es so weitergehen. „Die Verwaltung bemüht sich wirklich.“
Die Gruppe wolle „realistisch sein“, keine überzogenen Forderungen stellen, sagt Webel. Gleichwohl seien konkrete Vorschläge auf dem Tisch. Man werde abwarten, ob Unterstützung aus dem neuen städtischen Beirat für Mobilität kommt. Im Hintergrund werde das Bürgerbegehren vorbereitet, das der Verwaltung bei einem Erfolg weitere Schritte verordnen würde. „Lieber wäre uns, die Forderungen würden umgesetzt und wir könnten uns all die Vorarbeiten sparen“, sagt Kemmer. Bis zum Jahreswechsel werde man mehr wissen. Wels zieht ein Fazit der Radtour: Nicht nur den zehnjährigen Radlern, die Kemmer vor Augen führt, seien die Regeln an vielen Kreuzungen unklar. „Beim Verkehr von heute bräuchte es eigentlich Führerscheine für Radfahrer.“
Zur Sache: Was das Bündnis will
Das „Bündnis Verkehrswende“ ist aus dem Verein Inspeyered hervorgegangen. Weitere Mitstreiter kamen hinzu. Ein Bürgerentscheid käme zustande, wenn sechs Prozent der wahlberechtigten Speyerer ein Bürgerbegehren unterschrieben. Die zentralen Forderungen der Gruppe: 1. Fuß- und Radverkehr haben Vorrang; 2. Mehr Fahrradstraßen für mehr Sicherheit; 3. Sichere und attraktive Radwege; 4. Fahrradfreundliche Ampeln; 5. 5000 neue Fahrradstellplätze bis 2025; 6. Kampagnen zur besseren Rad-Akzeptanz.
RHEINPFALZ-Einwurf von Patrick Seiler
Nur die Praxis zählt
Man muss aufs Fahrrad steigen, um zu verstehen, was die Interessenvertreter für besseren Radverkehr in Speyer wollen. Nur die Nutzer-Praxis zeigt all die Gefahren und fraglichen Stellen. Dasselbe gilt übrigens für Bus und Bahn: Politiker müssen auf diese warten, einsteigen, umsteigen, bevor sie Konzepte entwickeln.