Speyer Es kommt nicht immer nur auf den Standpunkt an
„Der Reporter scheint ein anderes Konzert gesehen zu haben.“ Den Satz kennt jeder, der beruflich über Musik schreibt. Er fällt gerne mal, wenn Leser in veröffentlichten Konzertberichten eine andere Sichtweise als ihre eigene wiederfinden und das nicht akzeptieren wollen. Zwar nicht genau so, aber auch nicht unähnlich war es nach dem Auftritt des früheren Scorpions-Gitarristen Uli Jon Roth am 12. November 2005 in der Speyerer Halle 101.
Ulrich Roth, geboren 1954 in Düsseldorf, ist ein vielseitiger Künstler, der neben der Musik auch malt und schreibt. Von 1973 bis 1978 spielte er Gitarre bei den Scorpions. Anschließend war er sieben Jahre lang in der selbst gegründeten Gruppe Electric Sun aktiv, bevor er seine Sololaufbahn einschlug. Dabei kombinierte der Multi-Instrumentalist meist Rock mit Elementen klassischer Musik. Zur Zeit seines Speyerer Konzerts, im Herbst 2005, trat Roth zudem in einigen Ländern zusammen mit seiner früheren Band, den Scorpions, auf. Der Konzertbericht „Himmelsrocker auf Erden“ stand über einem Artikel auf der Seite „Kultur regional“ der „Speyerer Rundschau“ vom 14. November 2005. Darin informierte die Redaktion über Uli Jon Roths Konzert in der Halle 101 zwei Abende zuvor. Von knapp 500 begeisterten Zuschauern war die Rede. In den folgenden rund 75 Zeilen des Artikels konnte der Leser zunächst erfahren, dass das Konzert „Leute aus dem ganzen Südwesten der Republik nach Speyer“ gelockt habe. Anschließend zeichnete der Autor ausführlich Roths bisherige Karriere nach, bezeichnete ihn unter anderem als „Rocksau“ und attestierte dem damals 50-Jährigen, der „vielerorts als einer der besten deutschen Gitarristen“ gelte, dass „Qualität vor Quantität“ dessen Motto sei. Weiter ging es mit einer Aufzählung von Roths Begleitmusikern samt ihren früheren Bands. Daran schlossen sich Beobachtungen zum Publikum im Allgemeinen und zu dessen Lederkleidung tragendem Teil im Besonderen an. Zu guter Letzt nannte der Verfasser Jimi Hendrix, Beethoven und Vivaldi als Roths musikalische Referenzgrößen und erinnerte an die von dem Musiker entwickelte Sky-Guitar. Sein Fazit: Wer kein Roth-Fan sei, werde sich nach dem Konzert nicht unbedingt dessen Namen auf den Arm tätowieren lassen, aber beim nächsten Scorpions-Hören vielleicht denken: „Mit dem Roth wär’ das besser.“ Die Leserkritik Überhaupt nicht einverstanden mit dieser Darstellung war der Speyerer Gitarrist und Sänger Thomas Sraka. In einem anschließenden Leserbrief, den die „Speyerer Rundschau“ veröffentlichte, kritisierte er diverse Aspekte der vorangegangenen Berichterstattung – darunter die folgenden: •Nicht 500 Zuschauer seien in der Halle gewesen, sondern nur 250. •Der Begriff „Rocksau“ sei unverständlich – zumal Uli Jon Roth seit Jahren klassisches Material bearbeite. An diesem Abend habe er allerdings – im Gegensatz zu einer Behauptung im Artikel – kein einziges Klassikstück gespielt. •Die im Bericht erwähnte Sängerin Liz Vandall sei nicht unter den Musikern auf der Bühne gewesen. •Die Konzertdauer von 150 Minuten werde im Text nicht genannt. •Auf dem mit dem Artikel veröffentlichten Foto sei neben Roth nicht, wie unter dem Bild geschrieben, Bassist Francis Buchholz zu sehen, sondern ein anderer Musiker. Die andere Perspektive Im Gegensatz zu vielen anderen Konzerten finden sich zu Uli Jon Roths Speyerer Auftritt kaum Erfahrungsberichte im Internet – mit einer Ausnahme: Unter der Adresse www.crossover-netzwerk.de gibt der Mannheimer Georg Lögler, nach eigenen Angaben „Musikliebhaber und Fan von Borussia Mönchengladbach“, seine damaligen Eindrücke wieder. Sie sind von unverhohlener Bewunderung für den Musiker geprägt, wie die Verwendung von Begriffen wie „Maestro“ und „wunderschön“ sowie des Vornamens „Uli“ im Text verdeutlicht. Gleichwohl ermöglichen es die von einem offenkundigen Fan verfassten Zeilen, eventuell fehlende Mosaiksteine zu einem vollständigeren Gesamtbild des Konzerts zu ergänzen. So werden aus der Setliste diverse Stücke aufgezählt: „Sky Overture“, „We’ll Burn The Sky“, „Virgin Killer“, „Sails Of Charon“, „Fly To The Rainbow“, „Pictured Life“, „Catch Your Train“ und „All Along The Watchtower“. Daneben schildert der Autor eine Episode um eine gerissene Gitarrensaite und beschreibt im Tonfall der Verehrung, in welcher Form die Sängerin Liz Vandall Teil des Konzerts gewesen sei: Die Schwedin, zugleich Roths Lebenspartnerin und Mutter einer gemeinsamen Tochter, sei in einem auf Leinwand gezeigten Film und dem vom Band eingespielten Intro zu „Hiroshima“ vertreten gewesen. Die heutige Bewertung Mit „Himmelsrocker auf Erden“ hat die „Speyerer Rundschau“ vor 13 Jahren ein Leseangebot veröffentlicht, das den journalistischen Qualitätskriterien der RHEINPFALZ nicht standhalten kann. Deshalb erscheint die Kritik daran in wesentlichen Punkten auch im Rückblick weitgehend gerechtfertigt. So zählt es zum journalistischen Handwerkszeug, sich bei der Nennung einer Zuschauerzahl auf die Quelle zu berufen, von der diese Information stammt – gerade um bei eventuellen Übertreibungen abgesichert zu sein. Das ist nicht geschehen. Die Konzertdauer muss nicht zwingend genannt werden. Zu einem guten Konzertbericht gehören solche grundlegenden Informationen jedoch dazu. Auch das ist in diesem Fall unterblieben. Andere Kritikpunkte sind eher Fragen des Stils („Rocksau“) oder schlichtweg Fehler des Berichterstatters (Liz Vandall, falscher Name unter dem Foto). Sie und die sonstigen Inhalte des damaligen Artikels könnten die Vermutung nahelegen, der Verfasser habe das Konzert womöglich nicht allzu sorgfältig verfolgt und allgemeine Informationen zu Roths Karriere wie auch betont umgangssprachliche Formulierungen geeigneten Vorlagen entnommen – etwa Nachschlagewerken oder vorab von Konzertveranstaltern zur Verfügung gestellten Presseinformationen. Mit allen Risiken, die ein solches Vorgehen mit sich bringt, wie etwa kurzfristige und nicht bemerkte Wechsel in der Bandbesetzung. Genauer nachvollziehen lässt sich das heute nicht mehr. Der Berichterstatter von damals schlug kurze Zeit später andere berufliche Wege ein. Der Ausblick Uli Jon Roth tritt am 1. September bei der Neuauflage des „Werner Rennens“ in Hartenholm (Schleswig-Holstein) auf. Einen Tag später sticht er in Bremerhaven zur „Full Metal Cruise“ auf der „Mein Schiff 3“ Richtung Großbritannien in See. Kontakt —Jetzt sind Sie gefragt, liebe Leser: Waren Sie bei diesem Konzert dabei? Verbinden Sie eine Erinnerung mit Uli Jon Roth? Und wer sollte Ihrer Meinung nach unbedingt einmal (oder vielleicht auch noch einmal) in Speyer auftreten? —Schreiben Sie uns doch mal unter der E-Mail-Adresse redspe@rheinpfalz.de unter dem Betreff „Rock’n’Roll“ oder auf Facebook. Die spannendsten Beiträge greifen wir im Laufe unserer Serie auf.