Speyer „Es hieß, für Deutschland bestehe keine Gefahr“

Paul Neumann
Paul Neumann
Herr Neumann, welche Erinnerungen haben Sie an den Tag der Tschernobyl-Katastrophe?

Es gab damals viele Gerüchte, aber richtig haben wir erst ein paar Tage später erfahren, was passiert ist. Im Radio wurde gemeldet, dass in Schweden erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen wurden. Der Westen hat zunächst einen Atomwaffentest der Sowjetunion vermutet. Als Übersetzer von Patenten hatte ich damals Kontakt zu Geschäftspartnern in Moskau. Die wussten auch von nichts. Schließlich ist doch publik geworden, dass es einen Reaktorunfall gab. Was war Ihre erste Reaktion? Vom Innenministerium hieß es zunächst, für Deutschland bestehe überhaupt keine Gefahr. Am 1. Mai, einem wunderbar sonnigen Tag, waren wir dann mit den Kindern draußen unterwegs. Als wir nach Hause kamen, habe ich den Fernseher eingeschaltet. Da hieß es dann, dass die radioaktive Wolke an jenem Tag über Deutschland gezogen sei, man nicht rausgehen solle und die Kinder nicht im Sandkasten spielen sollen. Wir haben dann erstmal richtig geduscht. Das Ausmaß der Katastrophe ist einem erst nach und nach richtig bewusst geworden. Hat sich Ihre Einstellung zur Kernkraft durch die Tschernobyl-Katastrophe nachhaltig verändert? Ja. Es gab zwar schon vorher Vorfälle, wie im amerikanischen Harrisburg 1979, aber das hatte ich noch nicht richtig wahrgenommen. Tschernobyl hat dann meine Meinung gewaltig geändert. Vorher hatte ich die Kernkraft eher als Segen betrachtet. Naturkatastrophen und Kriege sind so alt wie die Menschheit. Tschernobyl war eine neue und heimtückische Art der Katastrophe, weil man die Strahlung weder sieht noch riecht. Was war es für ein Gefühl, mit dem Reaktor in Phillipsburg ein Kernkraftwerk direkt vor der Haustür zu haben? Das hat auch noch für Unbehagen gesorgt. Ich habe mich zwar relativ sicher gefühlt, weil ich gedacht habe, dass die deutsche Technik besser ist als die sowjetische. Aber meiner Frau hat das damals schon schlaflose Nächte bereitet. Hatten Sie Sorgen um ihre Gesundheit durch das nahe Kernkraftwerk? Ich habe darauf vertraut, dass dort nichts entweicht und das Thema auch etwas verdrängt. Meine Frau war da empfindlicher. Wann und warum haben Sie dann begonnen, sich für Kinder aus der Region Tschernobyl zu engagieren? Von der Pfarrei aus hatten wir Kontakte nach Oppeln in Polen. Als wir 1990 dort waren, hat uns der Dompfarrer ein Video und Presseberichte gezeigt von Tschernobyl-geschädigten Kindern, die – finanziert von der Speyerer Caritas – Zeit in Annaberg in Oberschlesien verbracht haben. Ich sollte dem Caritas-Direktor eine Karte mit Dankesworten und Unterschriften der Kinder überbringen. Bei der Gelegenheit habe ich dann vorgeschlagen, dass wir so etwas auch in Berghausen machen. Da ich Russisch spreche, hat die Caritas mich gebeten, das zu organisieren. Wann sind die ersten Kinder nach Berghausen gekommen? In Abstimmung mit dem damaligen Ortspfarrer Alois Zorn, dem Pfarrgemeinderat, der Caritas und weiteren Helferinnen und Helfern konnten wir den Erholungsaufenthalt für die erste Kindergruppe vorbereiten. Im Jahr 1991 ist die erste Gruppe in die Pfalz gekommen, die wir damals noch in der Jugendherberge in Bad Bergzabern untergebracht haben. Ein Jahr später waren die Kinder dann zum ersten Mal in Berghausen untergebracht. Die Bundeswehr hat uns Betten geliehen und später geschenkt. In diesem Jahr kommen schon zum 28. Mal Kinder zu uns. Wir sind eine der ältesten Initiativen in ganz Deutschland, die Erholungsaufenthalte von Tschernobyl-Kindern organisiert. Mittlerweile verblasst die Erinnerung an die Tschernobyl-Katastrophe immer mehr. Wie wirkt sich das aus? Wir merken das finanziell, was Spenden angeht, aber auch dadurch, dass es schwieriger wird, Gasteltern zu finden. Hat der Reaktorunfall im japanischen Fukushima das Thema wieder stärker ins Bewusstsein gebracht? Ja, dadurch ist die Unterstützung für uns noch einmal aufgeflammt. Das ist mittlerweile aber auch wieder abgeflacht. Mitte der 1990er-Jahre hat es mehr als 60 Tschernobyl-Initiativen in Rheinland-Pfalz gegeben. Mittlerweile sind es noch zehn. Und die beteiligten Personen sind in die Jahre gekommen. Den von der Bundesregierung beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie befürworten Sie wahrscheinlich. Sind Sie mit der Umsetzung zufrieden? Ich befürworte den Ausstieg. Natürlich könnte es schneller gehen. Aber man muss realistisch sein, was technisch machbar ist. Am liebsten wäre mir natürlich, die Reaktoren wären nie gebaut worden. Die Kinder, die heute kommen, sind lange nach dem Unglück geboren. Sind sie immer noch beeinträchtigt? Die Kinder kommen aus verstrahlten Gebieten. Die Strahlung wird sich dort noch Jahrhunderte halten. Die meisten Kinder haben Medikamente dabei und eine ärztliche Bescheinigung. Reden Sie mit den Kindern auch über das Reaktorunglück und die Folgen? Nur wenn wir gefragt werden. Wir wollen, dass die Kinder hier unbeschwerte Tage verbringen. Kontakt —Der Tschernobyl-Kreis sucht noch Gasteltern, die bereit sind, je zwei Kinder im Zeitraum zwischen 24. Juli und 15. August aufzunehmen. Info und Anmeldung bei Paul Neumann, Telefon 06232 82993, E-Mail Luise.Neumann@gmx.de, oder Bernhard Sowodniok, Telefon 06232 84482, E-Mail bernhard.sowodiok@t-online.de. —Ökumenischer Gedenkgottesdienst zum Tschernobyl-Jahrestag heute, Donnerstag, 19 Uhr, katholische Kirche Berghausen. —Spenden an die Katholische Kirchenstiftung Volksbank K-RP, Verwendungszweck: Spende „Tschernobyl-Kinder“, Iban: DE 62 5479 0000 0000 2744 61, BIC: GENODE 61SPE

Verstrahltes Land: Das Bild zeigt das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl im Oktober 1986, ein halbes Jahr nach der Katastroph
Verstrahltes Land: Das Bild zeigt das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl im Oktober 1986, ein halbes Jahr nach der Katastrophe.
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