Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Es bleibt bei Kritik an der Obrigkeit

Der Erbauer der Wagen: Dieter Wenger.
Der Erbauer der Wagen: Dieter Wenger.

Gott Jokus wird 2020 zwar ein Mundschutz verpasst, aber die Narretei lässt er sich und seinen Anhängern nicht verbieten. So tüftelt auch der Speyerer Dieter Wenger, seit bald 60 Jahren Motivwagenbauer für den Mainzer Rosenmontagszug, selbst im Corona-Jahr an Objekten mit Aussagekraft. Die sollen zwar nicht rollen, aber auf andere Weise wirken.

„Als Narr lässt man sich nicht unterkriegen“, betont Wenger beim Einstieg ins Gespräch mit der RHEINPFALZ. Irgendwie ist es dem Speyerer dennoch anzuhören, dass die Absage der Fastnachtskampagne ihn traurig stimmt. „Natürlich ist es eine Riesenumstellung, aber wir können es nicht ändern“, versucht sich der 80-Jährige in einer nüchternen Betrachtung der Situation, die keine andere Wahl zulässt.

Dennoch beschäftigt den sympathischen Domstädter die Pandemie und sie macht ihn vor allem wegen seiner Mitarbeiter betroffen. „Es tut wirklich weh zu sehen, in welcher Lage diese aufgrund der fehlenden Arbeit im Moment sind“, hebt Wenger hervor. Die meisten der rund 30 Leute, die der Wagenbauer normalerweise beschäftigt, seien selbstständig und säßen derzeit zuhause.

Mond trägt Mundschutz

Bei allen Vereinen sei momentan Schmalhans Küchenmeister, sagt Wenger. Entsprechend ist die allgemeine Auftragslage, abgesehen von der wegfallenden Herausforderung der Motivwagen-Gestaltung. „Wir müssen uns mit der Situation abfinden“, bekräftigt Wenger.

Das bedeutet keineswegs, dass er den Kopf in den Sand steckt und die Füße hochlegt. Am Sonntag wurde der Mond, ein Symbol aus dem Wappen des Mainzer Carnevalvereins, mithilfe eines Krans wie alle Jahre aufgestellt – diesmal allerdings mit Mundschutz, wie es sich in Corona-Zeiten ziemt. Bis Aschermittwoch soll der lächelnde Gesell an seinem Platz verweilen. Doch es gibt noch eine weitere Idee.

„Gerade im Moment laufen Gespräche mit dem Hintergrund, ein paar Motivmonumente aufzustellen“, informiert Wenger. Diese sollen in der Landeshauptstadt verteilt werden, wenn es nach den Mainzer Narren geht. „Wir wollen zeigen: Auch 2020 gibt es die Karnevalsaison“, untermauert Wenger.

Dass Corona eine Rolle spielen muss in den Darstellungen, lässt der Profigestalter nicht lange in Frage gestellt. „Wir müssen uns in dem Zusammenhang auch selbst auf die Schippe nehmen und deutlich machen, dass wir als Narren ausgebremst worden sind“, sagt er. Dominant sei das Virus in jedem Fall, ergänzt Wenger in Bezug auf die vorgesehenen Motive.

Ideensuche online

Die werden selbstverständlich auch sozial- und gesellschaftskritisch ausfallen, wie es die Fastnachter von Wenger gewohnt sind. „Wir sind im Kreativkreis gerade auf Ideensuche“, erklärt er. Anders als sonst finden die Treffen aktuell der Situation entsprechend online statt. Eine Sache, die Wenger nicht außen vor lassen will, ist die noch ganz frische Präsidentenwahl in den USA. Das grundsätzliche Anliegen des Kreativen: „Als Narren wollen wir zeigen, dass wir auch im Corona-Jahr die Kritik an der Obrigkeit wahrnehmen, wie es unsere Aufgabe ist.“

Auf Hochtouren laufen die Vorbereitungen eigentlich regelmäßig ab dem 1. November. Die große Narrenproklamation, die jährlich am 11. November auf dem Mainzer Schillerplatz stattfindet: Pfeifendeckel. „Wir werden heute wohl alle zuhause sitzen“, nennt Wenger die ungewollte Alternative. Der motorbetriebenen Zug-Ente, dem heimlichen Star des Rosenmontagszugs, ist zwischenzeitlich auch eine Maske verpasst worden. Wenger hofft nun darauf, nächstes Jahr wieder richtig Narrenluft schnuppern zu können. Auch im Sinne seiner Mitarbeiter.

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