Speyer
Eltern bauen Entlüftungsanlagen
Heimwerker und Handwerker teilen oft dieselben Sorgen. „Wir hatten Probleme, an Material zu kommen“, sagt Stefan Deibel bedauernd. Der Vorsitzende des Schulelternbeirats am Friedrich-Magnus-Schwerd-Gymnasium (FMSG) wäre gern schon viel weiter mit seinem Plan, alle 42 Klassenzimmer mit selbst gebauten Entlüftungsanlagen auszustatten. Im März hatten Deibel und seine Mitstreiter losgelegt, inzwischen sind elf Unterrichtsräume nahezu fertig umgerüstet. Der große Rest soll bis zum Ende der Sommerferien folgen.
Schulstart in Sälen, die nicht mehr über das regelmäßige Aufreißen der Fenster, sondern automatisch belüftet werden, das ist das große Ziel der Elternvertreter. Denn erste Stimmen warnen bereits vor einer vierten Corona-Welle, die mit der sogenannten Delta-Variante von Sars-CoV 2 im Herbst in die Schulen gespült werden könnte. Die müssten dann vermutlich ihre Pforten wieder schließen. Dem gelte es vorzubeugen, sagt Deibel.
Keime werden abgesaugt
Damit es in den Schulräumen erst gar nicht zu Übertragungen kommen kann, soll in jedem Raum eine Abluftanlage eventuell mit Krankheitserregern belastete Luft beständig ins Freie pusten. Abgeschaut hat sich die Elterntruppe des FMSG das Konzept bei Forschern des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie. Die hatten eine Konstruktion ersonnen, die sich einfach, schnell und günstig aus Baumarktmaterial zusammenbosseln lässt – wohlwissend, dass für technisch anspruchsvollere Lösungen weder in Mainz noch sonst wo übermäßig viel Zeit und Geld vorhanden ist.
Die Wirkungsweise beruht auf dem physikalischen Prinzip, dass verbrauchte Luft aufsteigt. Der Muff wabert dann unter der Decke, wo er mit Hilfe eines Ventilators angesaugt und über ein Rohrsystem nach draußen geleitet wird. Frische Luft strömt über Türen oder Öffnungen in der Gebäudehülle nach. Auf diese Weise, so die Hoffnung, werden die rund 200 Kubikmeter Luft in einem Klassenzimmer dreimal pro Stunde komplett ausgetauscht, was es jeglichem Keim erschweren würde, sich dort in bedenklichem Ausmaß anzureichern.
In den vergangenen Wochen des Probierens haben Deibel und der Dudenhofener Architekt Jürgen Strebel das „Mainzer Modell“ weiterentwickelt. Beispielsweise ersetzten sie den zuvor verwendeten Kunststoff durch metallenes Wickelfalzrohr, was die Dauerhaftigkeit der Anlage gewährleisten soll. Auch die anfangs verbauten Kunststoffschirme, welche die aufstrebende Luft einfangen sollten und die Ufos gleich über den Schülerköpfen schwebten, sind aus dem Plan gestrichen. Deren Aufgabe übernehmen nun Ansaugventile, von denen jeweils eines über jeder Schulbank positioniert ist: „16 Stück pro Raum plus eines über dem Lehrertisch“, sagt Deibel. Der große Vorteil: Jedes Ventil lässt sich einzeln so einstellen, dass über den ganzen Raum verteilt eine gleichmäßige Absaugleistung erreicht wird.
Trichter weg, Ventile her
„Die erste Anlage hat ihren Zweck erfüllt, keine Frage“, sagt der Römerberger Bauphysiker Dieter Rieger, der das neue Konzept maßgeblich ausgetüftelt hat: „Aber mit der neuen Konstruktion sind wir noch besser.“
Stundenlang hat der Ingenieur alle möglichen Werte gemessen, hat die Luftströmungen verfolgt und schließlich einen Klassenraum mit Theater-Nebel gefüllt, um eine hohe Aerosol-Belastung zu simulieren. „Nach 20 Minuten waren im Prinzip alle Partikel wieder draußen“, zeigt sich Rieger mit den Testergebnissen sehr zufrieden. Eine weitere Erkenntnis: Das Schwerd-Gymnasium sei baubedingt „undicht wie ein Kartoffelsack“ – was aber den großen Vorteil biete, dass stets mehr als genug Luft nachströmt, um die alte zu ersetzen.
Anders ausgedrückt: Läuft die Anlage auf Hochtouren, „baden die Schüler in Frischluft“, glaubt Rieger. Kohlendioxid-geschwängerte Luft im Klassenraum wäre künftig kein Thema mehr, und auch die aufgeheizte Luft eines Sommertages würde sich über Nacht austauschen lassen. Wirtschaftlich sei das „Speyerer Modell“ ohnehin, ist der Bauphysiker überzeugt: „Mit einem Budget von 1000 Euro pro Klassenraum für das Material kommen wir hin. Gewartet werden muss das System kaum, es ist langlebig, die Stromkosten liegen bei vier Cent pro Unterrichtsstunde und gut aussehen tut es auch noch.“ Erste Schulen und Kommunen aus der Nachbarschaft hätten sich bereits nach der Anlage erkundigt.
Bleibt dennoch die Frage der Finanzierung. Die Stadt Speyer hatte schon früh signalisiert, das Geld nicht locker machen zu können. Eine Online-Spendenkampagne brachte bisher immerhin so viel, dass weitere 20 Klassenzimmer umgebaut werden können. „Aber mehr als 10.000 Euro fehlen noch“, sagt Stefan Götting, Vorsitzender des FMSG-Fördervereins, und hofft auf Unterstützung: „Wir Eltern müssen uns selbst helfen, wenn uns der Staat im Stich lässt.“
Spendenkampagne
www.betterplace.org/p91686