Speyer „Ein völlig untaugliches Instrument“

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Kassenpatienten erhalten kostenlose Hilfe, wenn sie dringend einen Termin bei einem niedergelassenen Facharzt benötigen: Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz hat seit Montag in Neustadt eine landesweite telefonische Terminservicestelle eingerichtet. Damit setzt sie eine neue Bundesvorschrift um. Anja Stahler hat sich mit Dr. Clemens Spiekermann, Initiator des Speyerer Praxisnetzes Vorderpfalz (Pravo) mit 100 Ärzten aus 48 Fachbereichen und Geschäftsführer von dessen Service-GmbH, über Sinn und Unsinn der Neuerung unterhalten.

Herr Spiekermann, ist es denn wirklich wahr, dass Kassenpatienten oft länger auf Facharzttermine warten müssen als privat Versicherte?

Nein, das kann ich nicht bestätigen. Wenn natürlich ein Versicherter zum dritten Orthopäden und zum vierten Internisten geht, weil er die Zweit-, Dritt-, Viert- und Fünftmeinung hören will, kann er in solche Schleifen kommen. Aber im täglichen Umgang mit Fachärzten, wenn ich einen dringenden Termin brauche, kriege ich den. Egal, ob es sich um einen Kassen- oder einen Privatpatienten handelt. Das ist völlig losgelöst vom Versichertenstatus. Da sind Sie offenbar ganz einer Meinung mit dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen. Er hat gesagt: Die Wartezeiten entstünden nicht etwa durch Facharztmangel, sondern weil es zu viele Patienten gebe, die wegen derselben Beschwerden zu zwei, drei oder sogar noch mehr Fachärzten gingen … Es gibt eine Statistik der AOK Rheinland-Pfalz, dass der durchschnittliche Versicherte über 60 zweieinhalb Hausärzte hat. Und noch eine Zahl: Deutschland ist Weltmeister in Arztbesuchen. Der durchschnittliche Deutsche konsultiert 18 Mal im Jahr den Arzt. An zweiter Stelle liegt Japan mit 13 Mal. Da sollte aus meiner Sicht die Politik mal mit vernünftigen Instrumenten ran. Und was könnte so ein Instrument sein? Sie können ja nicht zu den Leuten sagen, sie dürfen wegen einer Grippe nicht mehr zum Arzt gehen… Natürlich sollen sie zum Arzt gehen. Aber inzwischen ist die Medizin zum Konsumgut geworden, und das ist eine schlechte Entwicklung. Wir dürfen Medizin nicht verkonsumieren, weil es nichts kostet, sondern Bürger müssen verantwortungsvoll mit dem Angebot umgehen. Wie dem auch sei, die Änderung ist Fakt. Und das bedeutet, die Fachärzte müssen jetzt ihre freien Termine an die Terminservicestelle der KV melden. Ärgern sich Ihre Facharzt-Kollegen von Pravo denn über den zusätzlichen Verwaltungsaufwand? Sie regen sich nicht auf, sie schütteln nur immer wieder die gleichen Köpfe. A haben wir das Thema Terminvergabe in Speyer schon immer gut gehandhabt und B versteht niemand, wie das geregelt werden soll. Wird sich hier durch die Neuerung denn gar nicht wirklich was ändern? Das ist ja mit eins der Dinge, die sich Pravo vor 15 Jahren schon auf die Fahne geschrieben hat, dass Hausärzte und Fachärzte ganz eng kooperieren. Und das, was jetzt gewünscht wird, ist in Speyer eigentlich schon Gepflogenheit. Ist die Neuerung überflüssig? Aus meiner Sicht ist das ein völlig untaugliches Instrument. Wie will man von Neustadt aus Facharzttermine in Speyer koordinieren? Das ist uns Ärzten völlig unklar. Und das wird so nicht funktionieren. Wir haben nur eine Mitteilung von der KV bekommen, dass das jetzt per Gesetz in Kraft getreten ist. Und jeder Vertragsarzt hat 100 Aufkleber bekommen für die Überweisungen, und damit ist das für die KV zunächst mal durch. Was passiert normalerweise, wenn Sie für einen Patienten einen Facharzttermin für dringlich erachten? Ich überblicke 36 Jahre als Hausarzt und habe es nie erlebt, dass ein Facharzttermin, den ich für wichtig erachte, in eine Warteschleife kam. Ich hab den Kollegen angerufen und direkt den Termin bekommen. Wir Hausärzte haben das jetzt übergestülpt bekommen. Und wir sollen das jetzt mit irgendwelchen Markierungen auf der Überweisung als dringlich kennzeichnen und der arme Patient rennt durch die Gegend und weiß nicht, wo er landet. Die freie Arztwahl ist damit ja ausgehebelt … Einerseits schreiben sie sich die freie Arztwahl auf die Fahnen, andererseits kommt es dann zu solchen untauglichen Verwaltungsdingen.

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