Dudenhofen Ein Leben für den Blues: Abi Wallenstein im Gespräch

Macht auch Straßenmusik: Abi Wallenstein.
Macht auch Straßenmusik: Abi Wallenstein.

Abi Wallenstein kommt mit Bluesharp-Virtuose Chris Kramer am 12. Oktober in die Festhalle Dudenhofen zum Kulturverein. Christian Plötz sprach mit ihm.

Wie wird man denn eigentlich „Vater der Hamburger Bluesszene“?
Eigentlich durch Zufall. Ich habe sehr früh mit dem Blues angefangen und ich kam zu einer Zeit nach Hamburg, in der Musik überall war. 1965 gab es eine tolle, aufstrebende Szene. Ich habe mit unglaublich vielen Musikern zusammengespielt und jeder hat von jedem gelernt. Vor allem gab es einige Clubs und Kneipen, wo man sich nach seinen Konzerten noch nachts zum jammen getroffen hat. Zum Beispiel der Blaue Hahn. Nach Hamburg kam ich zum Studieren, aber bald gemerkt, dass mir praktische Sachen besser liegen und dann Siebdrucker gelernt. Bis ich mich dann 1980 mit meinem Chef unterhalten habe, weil ich von da an mich voll auf die Musikkonzentrieren wollte.

Du bist sehr stark gebucht, wir hatten es nicht leicht, den neuen Termin in Dudenhofen zu machen. Da fällt es auf, dass Du Deine Straßenmusik in deiner Biografie betonst. Wie kommt das?
Wenn das Wetter stimmt, dann mache ich immer noch gerne Straßenmusik. Zurzeit ist es etwas kalt und feucht und ich muss meine Stimme schonen, daher bin ich im Moment nicht mehr viel draußen. Aber für mich ist das extrem wichtig. Einerseits muss man die Passanten zum Stehenbleiben bewegen. Da musst Du Sie mit Musik überzeugen und eine Attraktion bieten ganz ohne Licht oder Verstärker oder „Bühnenzauber“. Das ist schwieriger, als in einem Club, wo das Publikum ohnehin wegen Dir da ist. Da habe ich gelernt, mit dem Publikum zu reden und die Menschen mitzunehmen. Das mache ich seit 1986, seit mich ein Kollege quasi „auf die Straße gezogen“ hat. Und zum anderen ist das auch der Urform des Blues sehr nahe. Die Musik basiert auf afrikanischer Dorfmusik, das Call-and-response bringt Musiker und Publikum zusammen und bildet eine Einheit. Der Kontakt zu den Menschen ist mir extrem wichtig.

Wir müssen nicht über Politik sprechen, aber vor dem Hintergrund deiner Lebensgeschichte stellt sich die Frage: Wie fühlst Du Dich in Deutschland im Jahr 2024?
Es ist eigentlich zu komplex, um es kurz zu beantworten. Aber die Bewegung nach rechts in ganz Europa ist besorgniserregend. In Sachsen, Thüringen hat eine rechte Partei 30 Prozent, in Ungarn hat Orban schon eine illiberale Demokratie aufgebaut, Italien wird von einer Rechtspartei regiert und die rechten Parteien suchen sich Sündenböcke. Das sind seit dem Mittelalter leider oft die Juden gewesen. Andererseits zerstört die Politelite in Israel den Gedanken, der hinter der Gründung des Staates Israel eigentlich stand. Korrupte Politiker klammern sich an die Macht und zündeln an Konflikten, um von sich abzulenken und einem Prozess zu entgehen. Gleichzeitig haben die Gewalttaten der Hamas die Situation noch mehr angeheizt. Ich habe sehr gute Kontakte zu Palästinensern und unterstütze seit Jahren ein Projekt in Haifa, in dem israelische und palästinensische Kinder gemeinsam auf die Schule gehen und das Projekt funktioniert. Es zeigt, dass es einen friedlichen, gemeinsamen Weg geben kann, und ich will dort die Knospen einer Verständigung fördern.

Zurück zur musikalischen Verständigung. In Dudenhofen trittst Du mit dem Bluesharp-Meister Chris Kramer auf. Er nannte Euer Zusammentreffen „magisch“, daher auch der Konzerttitel „A Magical Blues Night“. Wann habt ihr angefangen?
Das ist noch nicht lange her, etwa zwei Jahre. An das erste gemeinsame Konzert kann ich mich gar nicht erinnern, Chris weiß das sicher noch. Aber eine „magische Bluesnacht“ ist ein schöner Begriff, der mir sehr gut gefällt. Leider haben wir nur wenig Möglichkeit, gemeinsam zu proben, aber wir haben wieder drei bis vier neue Lieder in Dudenhofen dabei.

Ihr habt in euren Kategorien die deutschen Blues-Awards in den letzten Jahren öfter gewonnen als der FC Bayern die deutsche Meisterschaft. Du meist als Solo/Duo und für die neue CD „Spirit of the Blues“ und Chris in der Kategorie Bluesharp. Die letzten zwei Jahre aber nicht. Ist die Serie gerissen?
Es ist ein schönes Fundament, aber ich will ja kein Monopolist sein (lacht). Ich weiß gar nicht so genau, wie die Abstimmung funktioniert, aber es freut mich natürlich. Die „Spirit of the Blues“ ist ja noch während Corona entstanden, da mussten wir alle in getrennten Studioräumen sitzen und spielen. Das war nicht einfach, aber es freut mich, dass das Album so gut angekommen ist.

Zur Person

Das Leben von Abi Wallenstein, den „Vater der Hamburger Blues Szene“ auf einer Seite unterzubringen, ist eigentlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Geboren 1945 in Jerusalem, aufgewachsen ab 1960 im Nachkriegsdeutschland, zuerst in Düsseldorf, dann zum Studium nach Hamburg übersiedelt. Und mindestens ebenso ungewöhnlich und facettenreich wie sein Lebenslauf ist auch seine Karriere. Neben Gigs in ausverkauften Clubs spielt er nach wie regelmäßig auch in Fußgängerzonen als Straßenmusiker.

Termin

Konzert ist in der Festhalle Dudenhofen am Samstag, 12. Oktober, 20 Uhr (Einlass 19 Uhr). Karten-Vorbestellung über 06232 651079.

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