Speyer „Ein Knall – und plötzlich sind alle aufgespritzt“

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Dudenhofen

/München. Es sollte ein gemütliches Wochenende mit Freunden in München werden. Seit über zehn Jahren reist Dudenhofens Ortsbürgermeister Peter Eberhard (CDU) mit seiner Frau und drei befreundeten Ehepaaren Ende Juli/Anfang August für drei Tage in die bayrische Landeshauptstadt. Doch im vergangenen Jahr hatte das Wochenende noch nicht einmal richtig angefangen, da lag einer der Freunde im Krankenhaus, und der Rest der Gruppe saß sechs Stunden im Keller einer Markthalle fest. Gegen 18 Uhr feuert ein 18-jähriger Deutsch-Iraner am 22. Juli im Münchener Olympia-Einkaufszentrum um sich, erschießt neun Menschen und verletzt vier weitere, ehe er die Waffe gegen sich selbst richtet. Lange ist die Lage im Einkaufszentrum undurchsichtig, wird über einen Terroranschlag spekuliert. Gerüchte über Schüsse in etlichen Teilen der Stadt machen vor allem über soziale Netzwerke die Runde. An mehreren Stellen im Stadtgebiet bricht Panik aus. So auch am Viktualienmarkt und der benachbarten Schrannenhalle. Auch wenn fast sieben Kilometer zwischen der Markthalle und dem Einkaufszentrum liegen: Ein unbedachtes Geräusch reicht aus, und Panik bricht aus. „Plötzlich sind alle aufgespritzt“, erinnert sich Eberhard. Erst am Mittag ist die Gruppe mit dem Zug in München angekommen. Nach einem Bummel wollte sie eigentlich im Hofbräuhaus zu Abend essen. „Zufällig haben wir dabei die Schrannenhalle entdeckt“, erzählt der 61-Jährige. Auf drei Ebenen werden dort italienische Köstlichkeiten feilgeboten. Im Erdgeschoss finden die sechs Freunde gegen 18 Uhr in einem Lokal einen Tisch an der Glasfront zur Straße hin. Sie sitzen noch nicht lange, da erhält einer der Männer über sein Smartphone eine Eilmeldung: Am Olympia-Zentrum sind Schüsse gefallen. „Zu dem Zeitpunkt war noch völlig unklar, was passiert ist. Die Sprache war von drei Tätern“, erinnert sich Eberhard. Die Stimmung ist nach dieser Nachricht erst einmal gedämpft. 20 Minuten später eine weitere Eilmeldung: Am Stachus seien Schüsse gefallen – eine Falschmeldung, wie sich später herausstellen wird. „Das war absolut nicht wahr. Da hat einfach jemand irgendwelche Dinge ins Netz gestellt“, sagt Eberhard und schüttelt den Kopf. Er kann heute noch nicht nachvollziehen, welche Konsequenzen diese und weitere Falschnachrichten nach sich gezogen haben. Nun geht es Schlag auf Schlag. Eine weitere Nachricht kommt: Am Marienplatz, unweit der Schrannenhalle, sei es zu Tumulten gekommen. „Da wird einem dann schon anders. In so einem Moment geht einem viel durch den Kopf“, sagt der 61-Jährige. Der Gedanke an die Anschläge von Paris im November 2015 nah: „Da waren ja auch viele Stellen in der Stadt betroffen.“ Die Freunde tauschen sich gerade aus, was sie machen sollen – bleiben oder gehen? Da wird es auf einmal laut. Menschen schreien, ein Knall wie ein Schuss ertönt, panikartig rennen auf der Straße Hunderte an der Halle vorbei. Auch im Lokal selbst knallt es, die Gäste springen von ihren Stühlen auf, rennen wild durcheinander. Noch heute weiß Eberhard nicht, was es mit dem knallenden Geräusch auf sich hatte. „Vielleicht nur ein Luftballon, der geplatzt ist, vielleicht ist irgendwo in der Halle ein Verkaufsstand umgefallen.“ Ein Schuss war es jedenfalls nicht. Trotzdem versuchen alle, sich in Sicherheit zu bringen. Jeder hat nur das eigene Wohl im Kopf – die Erinnerung an diese Situation ist Eberhard fast unangenehm: „Ich habe auf niemanden geachtet. Das war keine Heldentat.“ Gemeinsam mit einem Freund rennt er hinter eine verstellbare Wand in der Mitte des Lokals. Im Laufen sieht der 61-Jährige aus den Augenwinkeln, wie jemand stürzt, rennt trotzdem weiter. „Ich dachte: War das jetzt ein Schuss, ist er deshalb umgefallen?“ Erst nach ein paar Metern hält er inne, denkt: „Ich muss zurück.“ Er sieht seinen Freund auf dem Boden liegen, er ist auf einer nassen Stelle ausgerutscht. Später stellt sich heraus, dass er sich dabei den Oberarm gebrochen hat; er muss operiert werden. Gemeinsam verstecken sie sich in einer Nische, in der Lebensmittel gelagert sind, setzen sich dort auf den Boden. Was mit ihren Frauen, den beiden anderen Ehepaaren ist, wissen sie nicht. Die Handys haben sie im Durcheinander am Tisch zurückgelassen. Rund 20 Minuten verbringen sie in ihrem Versteck, während von draußen weiter Schreie und vorbeirennende Menschen zu hören sind. Dann wird es langsam ruhiger, und die beiden Freunde machen sich auf die Suche nach den anderen. Sie haben sich unter und hinter dem Tisch versteckt, an dem die Gruppe gemeinsam hatte essen wollen. In der Halle ertönt eine Durchsage: Alle Gäste sollen drinnen bleiben und in den Keller gehen, so die Empfehlung der Polizei. „Da hat man schon Bauchweh“, berichtet Eberhard. „Aus einem Keller kann man ja nicht so leicht flüchten.“ Rund 200 bis 300 Menschen drängen sich kurz darauf in einem Verkaufsraum im Untergeschoss, werden mit Essen und Getränken versorgt. Ein Freund Eberhards ruft seine Tochter, eine Polizistin an, und fragt, was die Gruppe am besten tun solle. Die Antwort: nicht nach draußen gehen. Drinnen sei es am sichersten. Die Stadt ist sowieso lahmgelegt, Busse, U-Bahnen und Taxis fahren nicht – und auch keine Krankenwagen. Dabei werden die Schmerzen von Eberhards Freund nach der ersten Schockstarre unerträglich. Ein Mitarbeiter des Lokals fährt ihn schließlich gegen 22.30 Uhr mit seinem Privatwagen ins Krankenhaus. Die anderen aus der Gruppe harren weiter im Keller aus, sitzen auf dem Boden und einer Treppe, rufen Kinder, Eltern, Verwandte an und sagen, dass alles in Ordnung ist, unterhalten sich über die Situation, fragen: „Muss man in Zukunft jetzt immer Angst haben?“ Die Leitung der Schrannenhalle informiert regelmäßig über Lautsprecher, immer wieder heißt es: Die Lage ist unklar, bitte drinnen bleiben. Erst gegen 0.30 Uhr kommt die erlösende Durchsage: Die Gäste können nach Hause. Doch die Stadt steht still, noch immer fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel. Gegen 1.30 Uhr bietet der Gruppe schließlich eine junge Kellnerin an, sie in ihrem Privatauto ins Hotel zu fahren. Die Frauen gehen zuerst, dann kommt die Kellnerin zurück und holt auch die Männer ab. An Schlaf ist allerdings nicht zu denken, erzählt Eberhard, zu viele Gedanken schießen ihm durch den Kopf, er unterhält sich lange mit seiner Frau. Die Zeit bis zur Rückfahrt am Sonntag verbringt die Gruppe größtenteils im Krankenhaus. Eberhard belastet vor allem der Gedanke an die Hinterbliebenen des Amoklaufs: „Für die Familien der Opfer wird das Leben nie mehr so sein, wie es war.“ Er empfinde Hilflosigkeit, wenn er an die Tat denke: „Die Menschen haben vielleicht gelacht, sich über etwas gefreut – und dann kommt da jemand und zerstört ohne besonderen Grund Leben.“ Angst habe er nach den Ereignissen nicht. „Aber man ist nicht mehr so unbedarft wie vorher. Vor Weihnachten war ich auf dem Weihnachtsmarkt in Speyer, es war ein großes Geschiebe. In solchen Situationen denkt man natürlich daran – so weit ist München oder jetzt Berlin ja nicht weg.“ Er hält das geplante Gesetz, das im Kampf gegen Falschnachrichten helfen soll, für sinnvoll und hofft, dass es realisiert wird. Die Situation in München hätte damit entschärft werden können, „es wäre keine ganze Stadt lahmgelegt worden“. Eberhard hat einen Wunsch: „Dass aus dieser ganzen Terrorbewegung irgendwann wieder Frieden wird.“

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