Speyer
Durch Speyers Verkehrschaos mit Wein zum Bischof
Für den Postplatz wären die Folgen großartig, für andere Bereiche verkraftbar – mit dieser Überzeugung will die Stadt die Durchfahrt in der Achse Gilgen-/Bahnhofstraße unterbrechen. Andere sagen: Das beschert unter anderem der Schützenstraße den Verkehrskollaps oder eben das Chaos. Da kommt Michael Rödelsperger mit einem Spiel ins Spiel. Er bringt selbiges vorbei in der RHEINPFALZ-Redaktion und grinst schelmisch: Genau aus jenem Speyer-typischen Verkehrswirrwarr sei im Jahr 1990 ein Gesellschaftsspiel entstanden. „Chaos 2000“ heißt es. Untertitel: „Das Mensch-Ärger-Dich-Nicht für gestresste Speyerer Autofahrer“.
Rödelsperger legt nahe: Das könnte man heute noch mit gleicher Aktualität und gleichem Lustgewinn spielen.
Das Hin und Her bei der Regelung des Speyerer Innenstadt-Verkehrs muss es gewesen sein, das einst Autor Wolfgang Häberle zu dem Brettspiel inspiriert hat. Im Speyerer Cogito-Verlag ist es dann erschienen und unter anderem in Buchhandlungen verkauft worden. 1990 war die Zeit, als die Maximilianstraße vor dem Stadtjubiläum gerade neugestaltet, aber noch nicht zur Fußgängerzone geworden war. Die Debatte darüber tobte ebenso wie über die Anordnung der Poller am Domplatz. Es sei auch um die Preise des neuen Pflasters und der Poller gegangen, erinnert sich Rödelsperger, der das Spiel damals erworben und seiner Erinnerung nach immer wieder mit den Kindern gespielt hat. „Damals stand so viel über Speyerer Verkehrsprobleme in der Zeitung wie heute über Corona“, erinnert er sich.
Speyers Straßen als Vorbild
Schon das Spielfeld sieht ein bisschen wild aus. Es ist dem Speyerer Innenstadt-Straßennetz nachempfunden und reicht von der Hilgardstraße bis zur Petschengasse. Die Aufgabe besteht darin, dass die Spieler sich an ein Ziel würfeln, das sie vorher gezogen haben. Die Aufgabe lautet zum Beispiel: „Dem Bischof ist der Wein ausgegangen. Helfen Sie ihm mit einer guten Flasche aus Ihrem Keller aus.“ Der Weg an den Domplatz ist natürlich mit Hürden – dargestellt in Form versetzbarer Dom-Poller – gespickt. Zwölf davon sind im gut erhaltenen Rödelsperger-Spiel. Dazu kommen kaum durchschaubare Verkehrsregeln: „Der Einfachheit wegen“ habe er sich auf die Einbahnstraßen beschränkt, so der Erfinder. Immer wieder ist die Durchfahrt verboten.
Es gibt noch ein paar Sonderregeln, die Spiele-Fans erfreuen mögen, die aus der Metaperspektive aber natürlich ironisch verstanden werden müssen. So kann mit Ereigniskarten zum Beispiel die Fahrtrichtung umgedreht werden, und es sind jede Menge Ordnungshüter unterwegs, die Knöllchen verteilen. „Wie konnten Sie nur auf die Idee kommen, mit dem Auto am langen Samstag in die Speyerer Innenstadt zu fahren! Setzen Sie einmal aus“, lautet so eine Schikane auf einer Karte. Es gibt aber auch die positive Variante: „Polizei und Ordnungsamt haben Betriebsausflug! Würfeln Sie ohne Gefahr noch einmal.“ Profis können sich in Spielstufe zwei für „das gesteigerte Chaos“ oder in Stufe drei für „das absolute Chaos“ entscheiden.
Schimpfen über Städteplaner
Die Spiele-Schöpfer erläutern in der Anleitung von 1990 selbst: „Ein Chaos, das mit uns spielt und mit dem wir nun spielen können. Ein Spiel, in dem wir das Chaos der Stadtväter und Verantwortlichen zum Spiel machen, um wenigstens auf diese Weise unseren Spaß und Anteil daran zu haben. Bedenken Sie jedoch auch dabei, dass unsere Politessen und Polizei nur ihren (auch sinnvollen) Job machen und dass unsere Städteplaner die Verantwortlichen sind.“ Käufer Rödelsperger kommentiert auch das mit einem Schmunzeln. Der Ur-Speyerer äußert sich gar nicht im Detail zu den aktuellen städtischen Plänen für die Gilgenstraße. Er gibt nur eine Einschätzung ab: Die Aufregungen von damals könnten eine Neuauflage erfahren.
