Speyer
Dudenhofen: Rebecca Nachtigall engagiert sich bei Fridays for Future
Der einsame Schulstreik der Schwedin Greta Thunberg für nachhaltige Klimapolitik hat sich zur weltweiten Bewegung „Fridays for Future“ (FFF) entwickelt. Die Dudenhofenerin Rebecca Nachtigall hat sich der Speyerer Gruppe angeschlossen. Für „Klimasünder“ auf dem Land bringt sie Verständnis auf.
„Ich bin zum ersten Mal mit Greta und ihrer Botschaft in Berührung gekommen, als sie noch alleine gestreikt hat“, sagt Rebecca Nachtigall. Seit drei Monaten ist sie aktives Mitglied der Speyerer-FFF-Gruppe. Zuvor sei sie auch schon durch ihre Mutter für Umweltthemen sensibilisiert gewesen. „Bei uns zu Hause war beispielsweise immer klar, dass keine Plastiktüten benutzt werden“, erzählt die 21-Jährige. Rebecca Nachtigall ist mit 13 Jahren Vegetarierin geworden, inzwischen bevorzugt sie vegane Ernährung.
Gretas Mission habe ihren Alltag beeinflusst, betont sie. „Super stolz“ sei sie auf die Schwedin. Besonders darauf, „dass sie es mit Leuten wie Donald Trump aufnimmt“. Greta verteidige ihren Standpunkt. „Das ist einfach nur bewundernswert“, meint die fünf Jahre ältere Dudenhofenerin. Inspiriert von der heute 16-Jährigen habe sie ihr Konsumverhalten gründlich überdacht, berichtet Nachtigall. Inzwischen lege sie viel Wert auf unverpackte Produkte, verwende keine Plastikflaschen, kaufe ihre Kleidung aus zweiter Hand, fair gehandelt und überhaupt wenig davon.
Auf dem Schulhof heiß diskutiert
Gestört habe sie seit Greta, dass Supermarkt und Bäckerei um die Ecke des Speyerer Friedrich-Magnus-Schwerd-Gymnasiums (FMSG) jedes Gebäck einzeln verpackt hätten. „Ich habe meinen eigenen Beutel dafür mitgebracht. Jede Verkäuferin kannte mich“, sagt Nachtigall und lacht. Einige ihrer Oberstufen-Mitschüler des FMSG hätten sich wie sie mehr für den täglichen Beitrag zum Klimaschutz interessiert, berichtet sie vom heiß diskutierten Thema im Unterricht und auf dem Schulhof.
Die kommenden vier Monate verbringt die Klima-Aktivistin nach bestandenem Abitur in Österreich als Gastronomie-Saisonarbeiterin. Mit dem verdienten Geld will sie auf Reisen gehen. „Auch wenn das kein unbedingt klimafreundlicher Plan ist“, räumt Nachtigall ein. Fliegen will sie nur im Notfall und wenn, dann für persönlichen CO2-Ausgleich sorgen. „Ich möchte mich mit meinen Entscheidungen nicht unglücklich machen“, erklärt Rebecca Nachtigall ihre Philosophie. „Am Anfang litt ich am ständigen schlechten Gewissen.“ Daran habe sie gearbeitet, sagt sie.
Auf das eigene Auto will sie so schnell wie möglich verzichten. „Auf dem Dorf ist es einfach notwendig“, schildert sie mühsame und gefährliche Radtouren im Dunklen durch den Wald. „Ich würde liebend gerne Bus fahren, wenn es abends einen gäbe“, sagt Nachtigall. Dennoch bereitet sie sich auf ein Leben ohne Auto vor. „In Berlin ist das sicher kein Problem.“ Für öffentlichen Nahverkehr zahle sie da innerstädtisch 2,60 Euro, für vergleichbare Strecken in der Pfalz um die 20 Euro, weist sie auf die Attraktivität von Bus und Bahn in der Hauptstadt hin. „Solange sich hier auch preislich nichts ändert, gibt es für die meisten keinen Grund für Verzicht aufs Auto“, sagt sie.
Zurück nach Berlin
Rebecca Nachtigall will zurück in ihre Geburtsstadt Berlin, hat sich zur Rettungssanitäter-Ausbildung angemeldet. „Danach möchte ich Psychologie studieren“, erzählt sie von Plänen für die nächsten Jahre. „Mein nachhaltiges Leben nehme ich überall hin mit“, betont sie. So bald wie möglich werde sie Kontakt zu dortigen FFF-Gruppen aufnehmen, kündigt sie an. Die Speyerer Gruppe will Rebecca Nachtigall weiterhin unterstützen, so gut es geht. „Ich bin froh, dass es hier jetzt auch einen Unverpackt-Laden gibt“, sagt sie. Gleich am Eröffnungstag hat sie sich diesen angeschaut.
„Schade, dass es so viel Kritik an der FFF-Jugendbewegung gibt“, bedauert sie Gegenwehr in Schule, Politik und Bevölkerung. „Die Argumente der Gegner gehen mir nicht in den Kopf“, sagt Rebecca Nachtigall. „Die Auswirkungen sind doch schon jetzt überall zu spüren.“ Einige Lehrer hätten sich für FFF eingesetzt, aber kein Gehör gefunden, berichtet sie von kontroversen Meinungen der Pädagogen. Dabei gehöre das Thema auch in die Schule. „Wofür sollen Kinder lernen, wenn es keine Zukunft für sie gibt?“
Erwachsene schwer zu überzeugen
Ihrer Ansicht nach werden „Klimasündern“ zu wenige Alternativen geboten. Nachtigall erklärt, warum Eltern ihre Kinder per Auto zur Schule bringen: „Vereiste Radwege und überfüllte Busse sind gute Argumente dafür.“ Erwachsene in Sachen Klimaschutz zu bilden, sei schwierig, berichtet sie aus Erfahrung: „Ab 30 sind die meisten raus.“ Deshalb freut sie sich über Eltern und Großeltern, die sich der FFF-Bewegung mittlerweile angeschlossen haben. Sie höre gerne zu, wenn die Oma über früher übliche Kleidungsreparaturen oder gehäkelte Einkaufsnetze berichte. „Keiner muss perfekt sein“, betont die Aktivistin. „Aber jeder kann dazu beitragen, unseren Planeten zu retten“, ist sie überzeugt. Ihr Lebensziel: „Ein sehr kleiner ökologischer Fußabdruck.“