Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Die Riesenscheren werden häufiger: Hirschkäfer um Speyer im Aufwind

Eindrucksvolles Tier: männliches Exemplar eines Hirschkäfers.
Eindrucksvolles Tier: männliches Exemplar eines Hirschkäfers.

Der Raum Speyer gehört für Käferexperten zu den spannendsten in ganz Deutschland. Der Biologe Jonas Köhler forscht in den hiesigen Wäldern. Was kreucht und fleucht dort?

Wenn ein Forscher etwas zur Wissensmehrung auf seinem Fachgebiet beitragen will, dann ist die Käferkunde (Koleopterologie) nicht die schlechteste Wahl. Denn auf keinem anderen Feld der Natur gilt es noch so viele Arten zu entdecken wie hier. „Weltweit sind bisher 380.000 Käferarten bekannt“, so Jonas Köhler bei einem Vortrag in Speyer auf Einladung des Fördervereins der Rucksackschule im Forstamt Pfälzer Rheinauen. Doch Schätzungen ihrer Gesamtzahl, also inklusive der bisher noch nicht beschriebenen Arten, bewegen sich um die 1,5 Millionen Spezies, fügt er hinzu.

Die meisten Arten kommen zwar in den Tropen vor, doch in Deutschland wurden bisher immerhin fast 6900 Käferarten nachgewiesen, berichtet Köhler. Eine Übersichtskarte zeigt, dass die meisten von diesen im Süden und Westen Deutschlands leben. In Rheinland-Pfalz finden sich genau 5048 Arten. Wobei in der Bundesrepublik zwischen 1998 und 2023 die fast unglaubliche Anzahl von 751 Käferarten neu hinzugekommen ist.

Neue Art im Wald bei Neuhofen gefunden

Im Jahr 2023 war es Jonas Köhler, dem in einem Wald mit alten Eichen bei Neuhofen, also vor Speyers Toren, nach eigenem Bericht ein Erstfund für Deutschland geglückt ist. „Ich hatte diesen Käfer noch nie gesehen und eine Weile gebraucht, bis ich ihn bestimmt hatte“, blickt er zurück. Er untersuchte das nur fünf bis sechs Millimeter lange Tier im Labor unter dem Mikroskop. „Ich hatte nicht damit gerechnet, einen Erstfund gemacht zu haben. Doch dann stand genau das fest: Es handelte sich um die hierzulande noch nicht nachgewiesene Art Farsus dubius. Das war eine absolute Sensation“, erklärt der Biologe.

Köhler hat einen Artikel zu dem Neufund veröffentlicht, von dem es bis dato keinen deutschen Namen gibt. Immerhin hat die Käferfamilie, zu der Farsus dubius gehört, auf lateinisch Eucnemidae, die deutsche Bezeichnung Kammkäfer. Farsus dubius lebt übrigens in abgestorbenem oder totem Holz, kurz Totholz. Denn dort, im Totholz, tobt das Leben, so Köhler.

Die meisten deutschen Käfer sind sehr klein

„Von den 1673 Käferarten, die in deutschen Wäldern vorkommen, leben allein 986 im Totholz“, informiert der Experte, der im Raum Köln-Bonn wohnt. Zum Vergleich: Nur 351 Arten sind auf Pflanzen („auf der Vegetation“) zu beobachten. Von den Totholz-Bewohnern sind übrigens die meisten, aber eben durchaus nicht alle, „Zwerge“, wie es Köhler formuliert. Nach seinen Angaben sind mehr als 90 Prozent der in Deutschland vorkommenden Käferarten kleiner als ein Zentimeter. Nur zwei heimische Käfer werden größer als fünf Zentimeter. Doch beide sind im Raum Speyer vertreten.

Der größte Käfer nicht nur Deutschlands, sondern Mitteleuropas ist der Hirschkäfer (Lucanus cervus). Die Männchen werden 3,5 bis acht Zentimeter lang. Bei den Weibchen bewegt sich die Größe zwischen 3,5 und fünf Zentimeter. „Die Männchen können mit ihrem Geweih, den vergrößerten Mandibeln, einen allerdings kaum in den Finger zwicken. Die Weibchen jedoch beißen schon mal so fest zu, dass man blutet“, sagt Köhler.

Hirschkäfer-Larven haben genug zu essen

Die Larven des Hirschkäfers ernähren sich von morschem, also schon abgestorbenem Holz von Laubbäumen. „Das können Eichen, aber auch andere Bäume sein“, sagt der Fachmann. Nach drei bis acht Jahren verpuppen sich die Larven und die Käfer fliegen dann im folgenden Frühjahr aus, um sich fortzupflanzen.

„Der Hirschkäfer findet am Oberrhein ideale Bedingungen vor, auch weil so viele Wälder inzwischen viel Totholz haben, aber auch Privatpersonen und Städte wie Speyer Totholz im urbanen Raum belassen. Von daher kann man von einer klaren Bestandszunahme in den letzten Jahrzehnten am Oberrhein sprechen. Auf dem Fußweg zum Vortrag habe ich sogar einen mitten in der Innenstadt gefunden. Die Art ist glücklicherweise wirklich häufig in der Region“, sagt Köhler.

Der andere besonders große Käfer ist der Heldbock (Cerambyx cerdo), auch Großer Eichenbock oder Riesenbock genannt. Er wird ungefähr 2,5 bis 5,3 Zentimeter lang. Während sich die Larven des Hirschkäfers meist im Wurzelbereich oder im bodennahen Stamm entwickeln, frisst sich der Nachwuchs des Heldbocks binnen drei bis vier Jahren durch den Stamm von vorzugsweise Eichen. Zuvor bereits kranke Bäume – neben Eichen kann es sich auch um Buchen oder Ulmen handeln –, die der Heldbock befallen hat, erkennt man nach dem Ausfliegen der Käfer an daumendicken Löchern im Stamm. Dieses typische Anzeichen haben Naturfreunde in der Region in den vergangenen Jahren immer öfter bemerkt.

In der Pfalz häufig, sonst stark gefährdet

Nach Einschätzung von Köhler nimmt die Heldbock-Population am gesamten Oberrhein, „auch in der Umgebung von Speyer“ deutlich zu. Anders als Hirschkäfer fliegen Riesenböcke jedoch nicht weit. Die Art gilt in Deutschland nach wie vor als vom Aussterben bedroht (Kategorie eins der Roten Liste, Stand 2021). Dem Hirschkäfer geht es bundesweit nicht viel besser, denn er gilt laut Roter Liste noch immer als stark gefährdet (Kategorie zwei).

Seltener Käfer, der Baumrinde schädigen kann: Heldbock.
Seltener Käfer, der Baumrinde schädigen kann: Heldbock.
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