Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Die Ratten härten sich ab“: Was ein Speyerer Schädlingsbekämpfer täglich erlebt

Flink, clever und fortpflanzungsfreudig: Wanderratten sind auch in Speyer unterwegs. „Der Erfolg der Schädlingsbekämpfung hängt
Flink, clever und fortpflanzungsfreudig: Wanderratten sind auch in Speyer unterwegs. »Der Erfolg der Schädlingsbekämpfung hängt immer auch vom Verhalten des Menschen ab«, sagt Experte Hansjörg Hess.

Wanderratten sollen mit daran schuld sein, dass eine wichtige Ampelkreuzung in Speyer ausgefallen ist, weil sie an den Kabeln nagten. Hansjörg Hess überrascht das nicht. Der Schädlingsbekämpfer hat alle Hände voll zu tun. Im Gespräch mit Martin Schmitt verrät er, wer ihm die Arbeit entscheidend erleichtern könnte.

Herr Hess, Ratten haben wohl dazu beigetragen, dass an der Ampelanlage an der Kreuzung „Rauschendes Wasser“ für Wochen die Lichter ausgingen. Haben wir in Speyer ein Problem mit den Nagern?
Wanderratten, und mit denen haben wir es überwiegend zu tun, lieben Wasser. Daher treiben sich die Tiere gern an Gewässern herum. Insofern könnten sie durchaus die Stromkabel an der Ampelkreuzung angebissen haben. So etwas passiert immer mal wieder. Deshalb kontrollieren wir regelmäßig Trafostationen, ob sich Ratten oder Mäuse dort eingenistet haben, eben damit es nicht zu Stromausfällen kommt. Aber von einem massiven Problem mit Nagern in Speyer würde ich nicht sprechen. Wenn es in der Stadt irgendwo eine Rattenplage gibt, ist sie in aller Regel hausgemacht.

Inwiefern?
Das fängt bei Mülltonnen an, die so aufgestellt werden, dass Ratten leicht rankommen. Oder bei Verpackungen, die Nahrungsmittel enthalten und trotzdem im Wertstoffsack im Hof landen. Das lockt Ratten geradezu an. Die nagen sich durch alles durch, die kennen da nichts. Besonders unschön wird es, wenn Essensreste auf dem Kompost entsorgt werden. Das ist ein Paradies für Ratten: Im Haufen ist es mollig warm, darin bauen sie ohnehin gern ihr Nest. Und dann wird die Brut auch noch gefüttert. Besser geht’s nicht. Wir merken uns: Speisereste gehören nicht auf den Kompost!

Experte für Schädlingsbekämpfung mit jahrzehntelanger Erfahrung: Hansjörg Hess.
Experte für Schädlingsbekämpfung mit jahrzehntelanger Erfahrung: Hansjörg Hess.

Dann ab damit ins Klo.
Bloß nicht! Bitte in die Biotonne. Sonst landet das Zeug in der Kanalisation und wird zum gefundenen Fressen für die Ratten. Die sind nicht wählerisch. Zum Beispiel mögen sie Vogelfutter. Wer also jetzt eifrig Vögel füttert, mästet die Ratten gleich mit, weil ja immer eine Menge Körner auf den Boden fallen. Auch, wer Obst oder Nüsse nicht aufsammelt, sondern im Garten liegen lässt, kann sich seine eigene Rattenpopulation vom Feinsten züchten. Ratten lieben reife Feigen, und in fast jedem Nest, das wir ausräumen, finden wir Schalen von Walnüssen.

Aber man kann die Tiere doch mit Gift bekämpfen, oder?
Das kann man schon. Aber erstens will und soll man nicht an jedem beliebigen Ort mit Gift hantieren. Und zweitens werden Nagetiere von Laien oft falsch beködert.

Wie meinen Sie das?
Viele frei verkäufliche Mittel enthalten mittlerweile zu wenig Wirkstoff. Der Gesetzgeber will vermeiden, dass die Tiere qualvoll krepieren. Das ist an sich richtig. Aber jetzt fressen die Ratten die niedriger dosierten Köder zwar, sterben jedoch häufig nicht daran. Ganz im Gegenteil: Sie bilden Resistenzen. Gerade dort, wo viel mit Chemie gearbeitet wird, ist das zu beobachten.

Die Ratten härten sich ab wie der antike König Mithridates? Über ihn heißt es, dass er kleine Dosen Gift zu sich nahm, um immun zu werden.
So könnte man es beschreiben. Dann wundern sich die Leute, dass sie beködern und beködern, aber die Ratten nicht loswerden. Wenn wir selbst beködern, machen wir das mit Kumarin-Derivaten. Sie verhindern die Blutgerinnung, das Vitamin K1 wird nicht mehr produziert, und die Blutgefäße werden geschädigt. In der Folge bluten die Tiere in den Körper ein, und der Sauerstoff wird nicht mehr transportiert. Die Ratten verenden nach etwa drei bis vier Tagen schmerzfrei. Aber auch diese Methode hat einen Haken.

Der wäre?
Haben Sie Ratten im Haus, und die haben das Zeug gefressen, verkriechen sie sich zum Sterben. Hinter Küchenzeilen, in Zwischenwänden, wo auch immer. Die kommen ja überall hin. Und dann fängt es irgendwann an zu müffeln. Daher arbeiten wir in Wohngebäuden lieber mit Schlag- oder Lebendfallen. Aber so weit muss es nicht kommen. Jeder kann selbst etwas gegen Rattenbefall tun. Und sei es nur, dass er sein nicht verzehrtes Fastfood in den Mülleimer steckt, anstatt es einfach irgendwohin zu werfen.

Wo es sich dann auch die Ratten der Lüfte holen könnten, wie man Tauben oft nennt.
Das stimmt, die gibt es auch. Doch auch da sehe ich keine Plage in Speyer. Hier gibt es nicht so viele Tauben, außer vielleicht in der Innenstadt. Natürlich können die Tiere punktuell zum Problem werden, wenn sie sich in und auf Gebäuden niederlassen und alles vollkoten. Taubendreck ist ziemlich aggressiv, er greift die Bausubstanz an. Daher arbeiten wir viel in Kirchen und spannen dort Taubennetze oder stellen Geräte auf, um die Vögel mit Ultraschall zu vergrämen.

Ich sehe immer wieder, dass Menschen Tauben füttern.
Das macht mich wütend, echt. Taubendreck ist Sondermüll. Wenn wir einen Dachstuhl reinigen, in dem Jahre lang Tauben gelebt haben, dann tun wir das im Schutzanzug und mit Atemgerät. Wer Tauben füttert, sollte auch mal ihren Dreck wegmachen müssen, dann würde er sich das überlegen. In meinen Augen hat das Füttern mit Tierschutz nichts zu tun. Stadttauben kommen sehr gut ohne unsere Hilfe zurecht.

Speyer ist eine Stadt voll historischer Gebäude. Da müssten sich doch eine Menge Schädlingsarten wohlfühlen.
Es ist ein Irrtum, dass vor allem Altbauten von Ungeziefer heimgesucht werden. Den Holzbock findet man nur in altem Gebälk, das stimmt. Aber nehmen wir mal Silberfische. Die sind ein großes Thema gerade in Neubauten, weil diese meist schnell hochgezogen werden und beim Einzug noch feucht sind. Oder die Pharao-Ameise. An der hat man richtig Spaß. Die werden oft mit Erdaushub von A nach B transportiert.

Diese Tierchen sind winzig. Was soll an denen so furchterregend sein?
Dass sie ihre Nester im Mauerwerk bauen. Sie breiten sich darin überall aus und durchziehen mit Ameisenstraßen die Wände. Davon bekommt der stolze Neubaubewohner lange gar nichts mit, weil die Tiere von der Feuchtigkeit in den Wänden leben können. Bis sie eines Tages aus Steckdosen, Duschen oder Türzargen krabbeln. Sie können sich vorstellen, wie lange es dauert, so einen Befall in den Griff zu bekommen.

Das ist vermutlich ähnlich schwierig wie bei Kakerlaken. Die sollen sich ja auch hartnäckig halten.
Und ob! Schaben sind ein Dauerthema, immer noch. Gefühlt dürfte das Problem sogar zugenommen haben. Die Tiere sind ziemlich widerstandsfähig. Wir können befallene Räume begasen, aber das Gas kommt leider nicht überall hin. Es gibt auch Spritzmittel, aber danach muss man erst wieder dekontaminieren. Man kann mit Lockstoffen und mit Klebefallen arbeiten. Ganz gut hilft ein Fraßgel, das man punktförmig dort aufbringt, wo sich die Kakerlaken gern aufhalten.

Damit sich die Schaben daran laben und dann darben?
Das tun sie, und mit Glück erwischt man sie damit. Ein Problem ist, dass Schaben sehr mobil sind und sich rasch ausbreiten können, weil die Weibchen das Eipaket mit sich herumtragen. Daher sollte man Schaben nicht zertreten, sonst trägt man selbst deren Eier an den Schuhsohlen durch die Gegend.

Im Sommer war von einer Bettwanzen-Invasion in Frankreich zu lesen. Wie sieht es bei uns aus?
Die haben wir auch bei uns überall. Gar nicht mal so sehr in Hotels, denn deren Personal ist darauf geschult, auf Wanzen zu achten. Schleppt ein Gast das Ungeziefer ein, fällt das in der Regel sehr schnell auf.

Wenn nicht in Hotels, wo lauern die Bettwanzen dann?
Oft zu Hause, in Privatwohnungen. Rein kommen sie im Gepäck, wenn man aus südlichen Urlaubsländern wie Indien oder Thailand zurückkehrt, in denen Bettwanzen nun mal zum Alltag gehören. Dort schlüpfen die Tiere in die Koffer und Taschen. Dass man die Bettwanzen dabeihat, merkt man gar nicht. Daheim werden die Koffer im Schlafzimmer abgestellt und ungetragene Textilien gleich wieder in den Schrank gelegt.

Nicht machen?
Nicht machen! Draußen stehenlassen, sozusagen in Quarantäne. Im Freien auspacken. Dann die Klamotten in die Waschmaschine und am besten noch in den Trockner. Noch besser: Textilien einpacken und erst mal eingefrieren.

Puh, klingt anstrengend.
Ist aber die bessere Methode, glauben Sie mir. Ich mache das seit 37 Jahren. Vermutlich bin ich vorgeprägt: Meine Eltern hatten eine Reinigung. Dabei habe ich selbst zunächst Bäcker und Konditor gelernt.

Das dürfte bei einem Einsatz in der Gastronomie von Vorteil sein.
Absolut. Ich kenne mich aus in Lebensmittelbetrieben.

Die freuen sich bestimmt, wenn der Firmenwagen eines Schädlingsbekämpfers vor der Tür steht ...
Sie werden lachen: Wir bekämpfen ja nicht nur, wir betreiben auch ganz viel Prävention, damit es gar nicht erst zu einem Befall kommt. Wenn wir vor Ort sind, muss das also gar nichts Schlimmes heißen. Aber sicherheitshalber sind unsere Firmenfahrzeuge ohne Beschriftung, ganz neutral. Man weiß ja, wie die Leute denken.

Zur Person

Hansjörg Hess ist Meister für Gebäudereinigung und Schädlingsbekämpfung sowie staatlich geprüfter Desinfektor. Der 54-jährige Speyerer beschäftigt acht Mitarbeiter und befreit seit 35 Jahren öffentliche Einrichtungen, Unternehmen und Privathaushalte in der Domstadt und in der Region von Ungeziefer.

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