Speyer „Die Mechtersheimer hatten es besser“
«Römerberg.»Sie kennen sich seit 50, 60 oder 70 Jahren: Zahlreiche Schülerjahrgänge treffen sich bis heute regelmäßig. Was hält sie nach so langer Zeit noch zusammen? Sind es die Kindheitserinnerungen? Haben sich die Träume von damals erfüllt? Heute: der Jahrgang 1959/60 aus Römerberg.
Eine illustre Runde hat sich in Petra Freis Küche in Heiligenstein versammelt. Die Sechs bereiten das nächste Treffen für rund 60 Schüler des Jahrgangs 1959/60 in zwei Jahren vor. „Das ist nur ein Vorwand“, erklärt Frei. „Um das zu organisieren, treffen wir uns mindestens zehn Mal“, erklärt sie lachend. In ihrem Backofen dampfen Pizza-Stücke, der Sekt ist kalt gestellt. Die Protagonisten kommen aus Berghausen und Heiligenstein. „Die Mechtersheimer können nicht“, sagt Hans Stehl zu den frei gebliebenen Plätzen. Erst ab der sechsten Klasse seien sie gemeinsam zur Schule gegangen, berichtet Stehl vom Wechsel von ihren Grundschulen in die Hauptschule Römerberg-Berghausen. „Begonnen haben wir mit einem Kurzschuljahr“, erzählt Frei vom ab 1967 von Ostern in den Herbst verlegten Schuljahresbeginn. Ihr Jahrgang war der erste in der neuen Hauptschule. „Wir waren schon kaputt, wenn wir morgens mit dem Fahrrad ankamen“, sagt Gerhard Schweigert. „Die Mechtersheimer hatten es besser. Sie kamen mit dem Bus.“ Auch einen öffentlichen Partykeller habe es für sie gegeben, sagt der Heiligensteiner nicht ohne Neid. „Alle frühreifen Mädchen kamen aus Mechtersheim“, ist Frei bis heute überzeugt. „Sie waren Revoluzzer.“ Steffi Diehlmann stimmt ihr zur. „Wir Mädchen aus Berghausen und Heiligenstein waren brav.“ Sie hätten sich keine Watte in ihre BHs gesteckt wie die Mechtersheimerinnen. Die Männer in der Runde können den Moralvorstellungen ihrer Schulkameradinnen nichts abgewinnen. „Wir haben auf dem Fußballplatz und bei der katholischen Jugend gelebt“, sagt Stehl. Besser kann er sich an die Einteilung in A- und B-Kurse erinnern. „Die Guten waren im Leistungskurs.“ Dabei fällt Ilse Kroker der Sexualkundeunterricht ein. „Dafür wurden wir von den Jungen getrennt.“ Schweigert gibt zu, dass er einem Mitschüler die Zeitschrift „Praline“ als „Geburtstagsgeschenk“ in den Schulranzen gesteckt hat. „Die Bravo hat bei uns die Runde gemacht“, weiß Kroker noch. Der Betreiber des Kinos im Marxweidenweg habe seine Hand bei jeder Nacktszene über die Linse gelegt, erzählt Stehl. Frei öffnet die erste Sektflasche und singt Michael Holms Hit „Mendocino“. Diehlmann hält mit dem Lieblingslied von Schwester Friedgard dagegen: „In dem Schneegebirge“. David-Cassidy-Poster hätten an Kinderzimmertüren geklebt, die „Bee Gees“ auf Plattentellern des Jahrgangs gelegen. Er habe seine Zimmerdecke mit Fußballstars tapeziert, sagt Stehl. Einige ihrer Lehrer seien „richtig locker flockig drauf“ gewesen, erzählt Kroker. Cornelia Etzkorn schwärmt vom Pfarrer Zorn, der sie in der Berghäuser Grundschule gefragt habe, wo sie geboren sei. Ihre Antwort: „Im Krankenhaus.“ Der eine oder andere Lehrer habe auch in ihrer Schulzeit noch den Rohrstock eingesetzt, relativiert Frei die Lobeshymnen auf die Berghausener Pädagogen. Frei hätte nach ihrem Abschluss gerne die Handelsschule besucht. „Unsere Direktorin hat mir das nicht zugetraut.“ Das erzürnt sie heute noch. Grafikerin oder Erzieherin habe sie werden wollen. Den Ausbildungsvertrag zur Bürokauffrau hätten ihre Eltern unterschrieben. „Ich wollte das nicht“, betont Frei. Viele hätten auf ihren Traumberuf verzichten müssen, sagt Kroker. Großhandelskaufmann statt Schriftsetzer ist Schweigert geworden. Stehl arbeitet seit 44 Jahren bei der BASF. Dahin hat es auch Kroker verschlagen. Diehlmann musste auf die Erzieherlaufbahn verzichten. „Die Schule war in Mainz. Das war eine Weltreise.“ „Wir hatten eine schöne Schulzeit und reden gerne drüber“, erklärt Frei die häufigen Zusammenkünfte. Partner seien nicht zugelassen. „Das ist sehr wichtig“, sagt Etzkorn. Ausgehen sei zu ihrer Jugendzeit schwierig gewesen, weil der letzte Zug von Speyer nach Römerberg um 21.30 Uhr gefahren sei, so Frei. Ans Sirtaki-Tanzen in der Schulturnhalle kann sie sich so gut erinnern, dass sie eine Kostprobe quer durch die Küche gibt. Die zweite Sektflasche ist angebrochen ...