Speyer Die Kunst des Überlebens

Zwar hat Robert Seethaler mit seinem Roman „Das Feld“ in den Speyerer Bestsellerlisten weiterhin die Nase vorn, aber spannend sind die aktuellen Entwicklungen dennoch: Neu dabei ist der Roman „Ein unvergänglicher Sommer“ der Chilenin Isabel Allende.
Diesmal erzählt die international erfolgreiche Schriftstellerin die Geschichte der alternden Wissenschaftlerin Lucia, des attraktiven Professors Richard und der lateinamerikanischen Kinderfrau Evelyn. Durch einen harmlosen Auffahrunfall im verschneiten New Yorker Stadtteil Brooklyn werden sie zu einer Schicksalsgemeinschaft. Allende gelingt es, ihre Lebensgeschichten kunstvoll erzählerisch miteinander zu verknüpfen. Mit Michael Ondaatje („Der englische Patient“) ist ein weiterer Autor von internationalem Ruf in den Bestenlisten vertreten. In „Kriegslicht“ geht es um dunkle Geheimnisse der Nachkriegsjahre, mit denen die Hauptfigur Nathaniel Jahrzehnte später bei der Suche nach seiner Familiengeschichte konfrontiert wird. Als er sich mit der Vergangenheit seiner Eltern auseinandersetzt, führen ihn die Spuren durch Europa in die Zwischenwelt der Agenten und Spione, in deren moralischer Grauzone sich auch seine Mutter Viola bewegte. Anstatt sich zu lüften, verdichten sich die dunklen Gassen und Schattengestalten beim Nachforschen, um Sohn wie Lesern die unsichtbaren Netzwerke und untergründigen Nachbeben des Krieges vor Augen zu führen. Auch an weiteren empfehlenswerten Leseanregungen mangelt es nicht: So zeigt etwa Alex Capus mit seinem doppelbödigen historischen Liebesroman „Königskinder“ die Bedeutung einer Liebesgeschichte fürs menschliche Überleben. Derweil schreibt Christoph Hein in „Verwirrnis“ über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten homosexueller Liebe im Nachkriegsdeutschland – Ost und West. Erich Hackl schließlich erzählt in „Am Seil“, wie der Bergsteiger Reinhold Duschka zum Helden wurde: Er rettete Regine Steiniger mit ihrer Tochter Lucia vor der Verfolgung als Personen mit jüdischer Abstammung und dem Tod im Konzentrationslager. Eine außergewöhnliche Heldin, die ums Überleben kämpft, präsentiert auch der italienische Autor Niccoló Ammantini in seinem Roman „Anna“. Die Titelfigur ist eine Überlebende einer Epidemie, die sich von Belgien bis in Annas Heimat Sizilien verbreitete. Für alle Erwachsenen, einschließlich ihrer Eltern, endete die Krankheit mit dem Tod. Seitdem beherrschen hungrige Hundemeuten und tyrannische Kindertruppen die Straßen Siziliens, während in den Häusern Lebensmittel und die Leichen der Besitzer verrotten. Seit dem Tod ihrer Mutter muss Anna ihren kleinen Bruder Astor und sich selbst versorgen. Geleitet von den letzten Aufzeichnungen ihrer Mutter, bahnt sie sich mutig und mit Lebenswillen ihren Weg durch eine schwer vorhersehbare neue Wirklichkeit. Darin ist der Sehnsuchtsort Sizilien zu einer verödeten Todeszone geworden. Ammantini erweist sich als wunderbarer Erzähler dieser anrührenden Geschichte voller Bilder, Leben, emotionaler Konflikte und lokaler Nuancen. „Anna“ ist ein schrecklich-schönes, lebensbejahendes Märchen übers Erwachsenwerden und Glücklichsein. Zugleich ist die Erzählung aber auch ein Sizilien-Roman, der dem Publikum die Zerbrechlichkeit der alten Zivilisation literarisch vor Augen führt. Dieser post-apokalyptische Roman setzt neue Maßstäbe und stellt die „Hunger Games“ in den Schatten.