Speyer Die Entdeckung der Langsamkeit

Hat laut eigener Aussage bisher nur einmal eine Zigarette geraucht: Helmut Enzlein aus Berghausen.
Hat laut eigener Aussage bisher nur einmal eine Zigarette geraucht: Helmut Enzlein aus Berghausen.

«Römerberg.»Enzlein hat vor 60 Jahren seine erste und letzte Zigarette geraucht, wie er sagt. Damals saßen er und seine Freunde Alwin Schmitt und Josef Zürker in der „Skala-Klause“ – eine Gaststätte in Berghausen, die es heute nicht mehr gibt – und tranken Bier und Wein. Enzlein kam auf die Idee mit seinen Freunden um die Wette zu rauchen. „Wessen Zigarette als erstes ausgeht, muss drei Stein Bier ausgeben“, erinnert sich der heute 80-Jährige. Er verlor die Wette damals und gewann aber gleichzeitig einen neuen Lebensinhalt hinzu. Die drei Männer gründeten anschließend mit Kurt Enzlein, Roland Gerbes, Xaver und Josef Reisinger, Herbert Borutta und Hugo Erhard den Rauchclub „Enzian“ – so lautete der erste Vereinsname. Enzlein ist seit diesem Tag der Vorsitzende des Clubs. „Bei den Generalversammlungen ist bisher niemand aufgestanden und hat gesagt, dass er es macht. Im Gegenteil: Es hieß immer, der Helmut macht’s“, sagt er. Enzlein schätzt das Miteinander im Club – sei es bei den monatlichen Treffen oder bei den gelegentlichen Besuchen bei Rauchclubs im Maintal oder im Spessart. „Es wird gelacht, gesungen und Blödsinn gemacht“, erzählt der Vorsitzende über die Treffen. Früher sind die Berghäuser durch ganz Deutschland gefahren und haben andere Clubs besucht. Auch morgen zum Jubiläum kommen befreundete Rauchclubs nach Römerberg – der benachbarte Rauchclub „Edelweiß“ Heiligenstein hat den kürzesten Weg. Der Rauch- und Schießclub Berghausen zählt derzeit 67 Mitglieder, die Hälfte sind Frauen. In den Glanzzeiten waren es 128 Mitglieder. Als Grund für die vielen Mitglieder damals nennt Enzlein die gut gehende Gaststätte in der Großen Hohl, die der Club in seinem selbst gebauten Vereinsheim betrieb. „Sie war jeden Sonntag voll besetzt, und weil es so schön war, sind auch einige Menschen in unseren Verein eingetreten“, erinnert sich der 80-Jährige. Auf die Idee, die Gaststätte selbst zu betreiben, seien sie gekommen, weil viele Mitglieder Frauen waren, die sich engagieren wollten, erzählt Enzlein. So kam es, dass die Frauen die Gäste bekocht haben. Unter den Damen war auch Enzleins Lebensgefährtin Anni Burger, die er durch den Club kennengelernt hat. Junge Menschen habe der Club mit der Küchenarbeit von morgens 8 bis abends 22 Uhr jedoch nicht begeistern können. Deshalb hat der Verein seine Gaststätte 2012 aufgegeben und die Räumlichkeiten an den Musikverein Berghausen verkauft. Das Vereinsheim mit dem Schießstand ist aber weiterhin im Besitz des Clubs. Zum Glück, wie Enzlein sagt. Denn Rauchclubs, die kein Vereinsheim hatten und sich in Gaststätten getroffen haben, mussten sich mit dem Rauchverbot neue Versammlungsstätten suchen oder sich auflösen. Enzlein hält nichts vom Rauchverbot. Er ist zwar auch kein Freund von Zigaretten, bezeichnet sich aber als 100-prozentigen Zigarrenraucher. Vor hundert Jahren seien auch schon Zigarren geraucht worden, da seien noch unbekannte Substanzen drin gewesen und die Leute seien trotzdem 80 oder sogar 100 Jahre alt geworden, argumentiert Enzlein. Er selbst rauche zwei, drei Zigarillos pro Tag, früher seien es zwei bis drei Zigarren pro Tag gewesen. „Mit dem Alter macht man aber langsamer“, sagt der 80-Jährige. Deshalb packt Enzlein eine Zigarre nur noch sonntags oder bei speziellen Anlässen wie Festen aus. Sein Hausarzt ist mit Enzleins Gesundheit zufrieden. „Er lacht immer, wenn ich komme, kloppt mir auf die Schulter und fragt: ,Wie schmecken die Zigarre und die Weißweinschorle?’ Ich antworte dann ,immer besser’ und mein Arzt sagt ,weiter so’“, erzählt Enzlein. Für eine Zigarre brauche er vorneweg eineinhalb bis zwei Stunden. Es geht in seiner Freizeit eben um die Entspannung und im Wettbewerb um den Sieg. Und den erreicht beim Zigarillolangsamrauchen nur der, der so wenig wie möglich an seinem Glimmstängel zieht und ihn somit am längsten in der Glut hält. Den Rekord hält ein Mann aus Wiesen im Spessart, der seinen Zigarillo laut Enzlein 115 Minuten geraucht hat. Enzlein bezeichnet sich selbst als Mittelmaß, weil er den Zigarillo nur 30 bis 40 Minuten in der Glut halten kann. Am Tisch beim Monatsrauchen säßen auch Männer und Frauen, die keine Raucher sind. 60 Prozent der Club-Mitglieder seien Nichtraucher, so Enzlein. Weil es eben nicht darum gehe, wer den Zigarillo am schnellsten raucht und somit am meisten Lungenzüge nimmt, sondern im Gegenteil, wer ihn am längsten anbehält. Nach dem Wettrauchen wird dann meistens gegessen. Während des Essens sind Zigarren, Zigarillos und Co. tabu. Jugendliche unter 18 Jahren dürfen nicht mitrauchen, das ist Enzlein sehr wichtig zu betonen. Am Schießstand mit dem Luftgewehr schießen, dürfen sie dagegen schon ab 16 Jahren in Begleitung der Eltern. Durch den Schießstand verdient sich der Verein etwas Geld dazu, so Enzlein. Zurzeit seien es sechs jüngere Mitglieder im Club. Dass die Mehrheit der neunköpfigen Vorstandschaft aus Personen unter 50 Jahren bestehen, lässt den Vorsitzenden positiv in die Zukunft blicken. Wie lange er noch an der Spitze des Clubs steht, kann Enzlein nicht sagen – nur eins ist sicher: „Ich will nicht, dass ich keine Zigarre mehr halten kann und wie ein Tattergreis hierher komme“, sagt er.

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