Speyer Deutsche können von Weißrussen lernen

Empfangen in Weißrussland: die Reisegruppe aus Römerberg mit Kindern, die schon einmal in Berghausen waren. Als Dank gab es für
Empfangen in Weißrussland: die Reisegruppe aus Römerberg mit Kindern, die schon einmal in Berghausen waren. Als Dank gab es für die Kinder Geschenke wie Kleidung, Spielsachen und Schokolade.

Acht Römerberger vom Tschernobyl-Kreis Berghausen waren in der vergangenen Woche in Weißrussland und haben Kinder besucht, die Ende Juli bis Mitte August drei Wochen in Berghausen verbringen werden oder bereits in dem Römerberger Ortsteil waren. Die Römerberger sind beeindruckt von dem Land und der Gastfreundschaft der Menschen und finden, dass sich die Deutschen einiges von den Weißrussen abschauen können.

Die Römerberger Reisegruppe mit dem Tschernobyl-Kreis-Vorsitzenden Paul Neumann, Ralf und Carola Liesert, Monika Wiesemann, Hildegard und Siegfried Ettel sowie Michael und Gunda Lindler verbrachten vier Tage in der Kleinstadt Luninez – rund 250 Kilometer südlich der Hauptstadt Minsk – und danach noch drei Tage in Minsk. In Luninez leben die 34 Kinder, die in knapp zwei Monaten nach Berghausen reisen werden, um sich dort zu erholen. Luninez gehört laut Neumann zum Gebiet, das bei der Tschernobyl-Katastrophe radioaktiv verstrahlt wurde. Der Tschernobyl-Kreis bietet seit 28 Jahren Kindern aus dem verstrahlten Gebiet einen Erholungsaufenthalt in Berghausen an. Weißrussland hat bei der Reisegruppe einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ralf Liesert hat vor allem die Gastfreundschaft der Familien, die sie in Luninez besucht haben, sehr imponiert: „Was sie aufgetischt haben, hätte für 30 Personen gereicht, aber es ist ganz normal, dass in solchem Ausmaß aufgetischt wird, wenn Gäste kommen“, sagt er. Monika Wiesemann, die bereits zum dritten Mal in Weißrussland war, bezeichnet die Gastfreundschaft als nicht vergleichbar mit unserer Kultur. „Alle verstehen sich und halten zusammen. Das ist ein großes Miteinander“, beschreibt sie. Die Familie, deren beide Söhne während des Erholungsaufenthalts bei Wiesemann wohnen, lebt in Luninez in ärmlichen Verhältnissen. „Sie haben Smartphones, so ist es nicht, und die Häuser sind auch sehr schön, aber dahinter stecken hohe Schulden“, erzählt Wiesemann. In der Hauptstadt Minsk seien die zwei Welten – arm und reich – noch deutlicher zu sehen. Paul Neumann, der schon mehr als zehn Mal in Weißrussland war und auch russisch spricht, sagt, dass sich die Hauptstadt unheimlich entwickelt habe, es viel mehr Hochhäuser als früher gebe und man den Fortschritt merke. Investieren würden vor allem Chinesen und Russen. Die Kinder, die nach Berghausen kommen, tragen auch nicht mehr wie früher zerrissene, sondern Kleidung mit den Markenzeichen berühmter Sportartikelhersteller. Nur seien diese Plagiate, die in Weißrussland spottbillig seien. Die Gehälter seien in Weißrussland sehr niedrig, sagt Neumann und nennt als Beispiel einen Monatslohn eines Lehrers von umgerechnet 200 bis 250 Euro. Geistliche Berufe seien in dem Land generell schlecht bezahlt. Menschen, die etwas produzieren, verdienen laut Neumann besser. Der Reisegruppe kam das niedrige Lohnniveau zugute: „Gefrühstückt haben wir mit zwei Personen für nur zwei Euro“, erzählt Ralf Liesert. Und auch die Hotelaufenthalte seien sehr günstig gewesen. Gunda Lindler war von dem Land „angenehm überrascht“ und fasziniert, dass wegen der vielen Wälder alles so grün sei. Ein Erlebnis der etwas anderen Art hatte sie dann in der Dusche. Warmes Wasser gab es nicht, stattdessen hätte sie es sich mit dem Wasserkocher aufwärmen müssen. Grund ist, dass an verschiedenen Orten im Land für zwei Wochen das warme Wasser abgestellt werde. Warum das gemacht wird, können die Römerberger nur vermuten: „Um Wasser zu sparen.“ Von offizieller Seite hieße es, dass das mit Reparaturen an den Leitungen zu tun habe, erzählen die Mitglieder des Tschernobyl-Kreises. Die Kinder, die sie in Luninez besucht haben und die schon einmal in Berghausen waren, haben sich laut Gunda Lindler an alles erinnert. „Die Eltern waren sehr dankbar, dass wir ihren Kindern einen solchen Erholungsaufenthalt ermöglichen“, sagt Lindler. Ihren Mann Michael Lindler hat vor allem die Einfachheit beeindruckt, in der die Menschen auf dem Land leben. „Alles, was auf dem Tisch steht, haben sie aus dem eigenen Garten“, erzählt er. Mit den Eltern der Kinder, die nach Berghausen kommen, hat die Gruppe auch über politische Themen gesprochen – mithilfe von Neumann, der als Übersetzer fungierte. „Sie können nicht verstehen, dass wir so viele Flüchtlinge aufgenommen haben“, sagt Lindler über die Weißrussen. In den Medien werde über dieses Thema sehr negativ berichtet. Abschauen können sich die Deutschen von den Weißrussen laut der Reisegruppe die Sauberkeit und der gegenseitige Respekt. Minsk sei sehr sauber gewesen, erzählt Michael Lindler, was man von deutschen Städten nicht unbedingt sagen könne. Wiesemann ist der Respekt positiv aufgefallen. Sie arbeite als Betreuerin in einer Schule und vermisse ihn bei jungen Schülern sehr häufig. Neumann sagt dazu, dass die weißrussischen Kinder in Berghausen immer durch ihre Disziplin auffallen. Michael Lindler hat sich an seine eigene Jugend erinnert, als er das Zusammenleben in den weißrussischen Familien erlebt hat: „In den Großfamilien hilft jeder mit“, sagt er.

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