Pfalz
Der wuchernde Dialekt: das Pennsylvania-Deutsche
Das Pfälzische wächst. Oder es wuchert unkontrolliert und die Hacke hilft da auch nicht mehr, kommt ein wenig auf die Perspektive an. Es legt jedenfalls zu, in seiner nordamerikanischen Variante, dem „Pennsylvania Dutch“, das Auswanderer über die Pfalz ab dem frühen 18. Jahrhundert in die neue Welt gebracht haben. „Die am schnellsten wachsende Sprache in Nordamerika“ noch vor Spanisch sei das Pennsylvanische, so der Sprachwissenschaftler Michael Werner, und der muss es schließlich wissen: Seit um die 30 Jahren beschäftigt sich Werner mit der Sprache, die in ihrem Kern ein oft altertümliches Pfälzisch bewahrt, ist Herausgeber der Zeitschrift „Hiwwe wie Driwwe“, die den Kontakt zwischen der Alten und der Neuen Welt hält. Und gerade ist sein Buch erschienen, Reiseführer ins Land des Pfälzischen, wie’s vor langer Zeit mal war, ebenfalls „Hiwwe wie Driwwe“ betitelt. Einen Teil der Auflage hat er durch Crowdfunding finanziert, also durch Zahlungen vieler Unterstützer (wir berichteten am 31. Januar).
Bei den Amischen quasi Umgangssprache
Das mit dem explosionsartigen Auswuchern des Pfälzischen in Nordamerika hat viel mit dessen verwickelter Migrationsgeschichte zu tun: Religiöse Gruppen wie die Amischen oder Teile der Methodisten bedienen sich des Pennsylvania Dutch, als Sprache des Gottesdienstes und im Alltag. Und jene Gruppen legten in den USA deutlich zu, meint Werner. Die Vorfahren der heutigen amischen Sprecher seien in der frühen Neuzeit häufig als Glaubensflüchtlinge aus der Schweiz gekommen – und hätten in der Pfalz nur Zwischenstation gemacht, vielleicht für ein, zwei Generationen. Unter anderem die französische Reunionspolitik vertrieb um 1700 viele zugewanderte Protestanten wieder aus der Kurpfalz. Wenigstens den Dialekt hat man in jener kurzen Zeit übernommen und weitergetragen. Das Pfälzische wächst und wuchert eben, wenn keiner was dagegen unternimmt.
Fernseher heißt „Guckbox“
Werners Reiseführer ist insofern auch eine Reise in die eigene Vergangenheit, in eine Sprache, die alte Eigenheiten bewahrt hat, Eigenheiten, die in der Pfalz inzwischen oft verloren gegangen sind. „Wenn Sie verstehen wollen, was wir als Pfälzer sind, müssen Sie nach Pennsylvania“, sagt er, „um die eigene Identität wiederzufinden.“ Ins Land also, in dem die Scheune immer noch „Scheier“ heißt und die Werkstatt „Schaffhaus“, ins Land, in dem man bei der notwendigen Neuschöpfung von Worten durchaus erfinderisch ist. „Fernseher“ heißt dort „Guckbox“.
Die Wiederentdeckung der eigenen Wurzeln ist nicht nur auf die heutigen Pfälzer beschränkt: In Nordamerika hat man ebenfalls erst vor einigen Jahrzehnten begonnen, sich eigener pfälzisch-schweizerisch-deutscher Wurzeln zu besinnen. Im Pennsylvanischen Kutztown gibt es inzwischen ein „Heritage Center“, an der dortigen Universität kann man Sprache und Kultur im Nebenfach studieren. Hat in der Vergangenheit eben auch nicht immer unter günstigen Vorzeichen gestanden, die Pflege des Deutschen in Nordamerika, während des Ersten und Zweiten Weltkriegs beispielsweise. Insofern ist die Beschäftigung mit der Sprache, die das Alte im Neuen bewahrt, auch für Nordamerikaner mit „Dutchen Wurzeln“ wohl ein Akt der Selbstfindung.
Der Film „Hiwwe wie Driwwe“ von Christian Schega und Benjamin Wagener hat 2019 unter anderem eine Tour durch die eigene Geschichte begleitet: Die des in Pennsylvania geborenen Lehrers, Autors und Musikers Douglas „Doug“ Madenford, der sich erst in den USA und dann in der Pfalz auf die Spurensuche gemacht hat. Eine Fortsetzung ist geplant, in der Doppelbrechung: „Es wird alles spiegelverkehrt wie im ersten Teil“, kündigt Filmemacher Wagener an.
Filmischer Gegenbesuch
Die Neuauflage wird sozusagen einen Gegenbesuch zum Gegenstand haben: Monji El Beji, Sänger der Pfalzrock-Band „Fine R.I.P.“, soll sich demnach auf Tour in die USA begeben, um dort der Pennsylvanisch-Deutschen Kultur nachzuspüren. El Beji, 100-prozentiger Pfälzer mit nordafrikanischen Wurzeln, tritt unter anderem als „Woifeschd-Keenig“ auf – und soll in Nordamerika in den Genuss eines Pennsylvania-Dutch-Sprachkurses kommen. Doppelbrechung trifft es vielleicht nicht ganz. Wir addieren ein bis zwei Ebenen.
„Wir fliegen nächstes Jahr im Sommer“, sagt Wagener, eigentlich wollte man schon dieses Jahr, und dann kam die Sie-wissen-schon-was-Krise dazwischen. Ähnlich wie Werners Buch soll auch der zweite Film von einer Crowdfunding-Kampagne begleitet werden, die wird wohl im September starten.
Den US-Amerikaner Madenford hat man in Pirmasens übrigens mal gefragt, wie der Pennsylvania-Deutsche eigentlich sagt, wenn er mal muss. „Seiche“, hat Madenford ganz unbefangen geantwortet, „oder brunze“. Pfälzisch wächst. Und das habt ihr nun davon.