Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Der „ungeratene“ Speyerer mit der unglaublichen Karriere

Heinrich Hilgard
Heinrich Hilgard

Ein besonderes Jubiläum steht am 10. April an: Auf den Tag vor 190 Jahren wurde Heinrich Hilgard geboren. Er wurde vom Verfemten zum Ehrenbürger der Stadt Speyer.

Die Hilgardstraße trägt sein Andenken bis heute im Namen. Sie ist eine symbolträchtige Verbindung: Sie verläuft zwischen der Diakonissenanstalt und der Gedächtniskirche, die beide von Heinrich Hilgard mitfinanziert wurden. Der 1835 geborene Speyerer hatte es in den USA zu Ruhm und Reichtum gebracht. Dort hatte er seinen Namen geändert: „Henry Villard, ein Bürger zweier Welten, der sich aus eigener Kraft zu Bedeutung und Ansehen emporgeschwungen, war ein Mann, der mit gleichem Patriotismus das Vaterland seiner Geburt wie das Land seiner Wahl liebte und nach Kräften das Wohl beider zu fördern suchte“, ist seiner Biografie vorangestellt.

Hilgard selbst hatte sein Leben zu Papier gebracht – die letzten Kapitel ziemlich eilig vor seinem Tod 1900 im Staat New York. Sechs Jahre später erschien das Buch auch auf Deutsch. Bei den Passagen, in denen er den Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) beschreibt, haben die Herausgeber nach eigenem Bekunden gestrafft: So interessant wären die Details dann doch nicht für den europäischen Markt. Hilgard/Villard hatte als Kriegsberichterstatter Anerkennung erfahren und Netzwerke geknüpft. Für sein Buch bleiben dennoch gut 500 Seiten, davon mehr als 100 über die Zeit vor seiner Auswanderung.

Weg aus Speyer und wieder zurück

In der pfälzischen Zeit war Hilgard indes weit entfernt davon, so gefeiert zu werden wie später in seiner neuen Heimat. Sein Vater wechselte aus Speyer als hoher Beamter an das Gericht in Zweibrücken, wo der Filius von der Schule flog, als er bei einem Gebet die Fürbitte für den bayerischen Monarchen weggelassen haben soll. Er kam nach Speyer zurück, wo er das Gymnasium erfolgreich abschloss. Die Domstadt kannte er bestens, weil er dort immer wieder seine Großeltern besucht hatte. Diese lebten im damaligen Eckhaus Ludwigstraße/Königsplatz, wo der Enkel auch geboren worden war. Es bestand bis 1966, wurde dann aber nach einem Dachstuhlbrand abgetragen.

2015: Karl Erhard Schuhmacher und Steinmetz Tobias Uhrig bringen eine Gedenktafel an, wo einst Hilgards Geburtshaus stand.
2015: Karl Erhard Schuhmacher und Steinmetz Tobias Uhrig bringen eine Gedenktafel an, wo einst Hilgards Geburtshaus stand.

Am heutigen Wohn- und Gewerbekomplex, der dem Geburtshaus nachfolgte, wurde eine Erinnerungstafel für Hilgard angebracht. „Als Auswanderer wurde er in den USA zu einem Pionier des Eisenbahnbaus. Er machte sich durch viele Stiftungen in Speyer und anderen Städten der Pfalz verdient“, steht auf dem Schild. War die Zeit am Rand der Schlachtfelder des Bürgerkriegs schon schillernd genug, folgte für Hilgard eine Erfolgsstory als Präsident mehrerer Eisenbahngesellschaften. Sie erschlossen das riesige Land, das er als Journalist, aber auch als Barmann, Hausierer, Eisenbahnarbeiter, Erntehelfer und Anwaltsgehilfe kennen gelernt hatte. Zu Reichtum gelangt, dachte er an seine zwei Heimaten: Auch in den USA trat er als Mäzen und Investor auf, unterstützte zum Beispiel Projekte von Glühlampen-Erfinder Thomas Alva Edison.

Große Ehre in der alten Heimat

Am 6. August 1895 wurde der damals 60-Jährige zu Speyers elftem Ehrenbürger ernannt. Nach vielen bayerischen Politikern war er der erste, der in der Domstadt geboren worden war. Heute erinnert bei „seinem“ Diakonissen-Mutterhaus eine Büste an den Wohltäter und seine heute kaum noch vorstellbare Geschichte. Der „ungeratene Sohn, der ohne Wissen und Willen des Vaters nach Amerika gekommen ist“ – so die Formulierung in einem Briefwechsel Hilgards – war zum Speyerer Erfolgsexport geworden. Sein Leben ist gut erforscht – seine pfälzischen Jahre etwa im Aufsatz „Zwischen konservativem Vater und liberaler Großfamilie“ des Römerbergers Karl Erhard Schuhmacher.

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