Radsport
Der Tag nach dem schweren Unfall beim RV 08 Dudenhofen
Der Schock sitzt tief bei den Verantwortlichen, Sportlern, Augenzeugen des Unfalls bei der deutschen Bahnmeisterschaft in Dudenhofen, und alle versuchen zu verarbeiten, was passiert ist. Auch Frank Ziegler, Bahnradtrainer des Olympiastützpunktes Rheinland-Pfalz-Saarland, hat noch an dem zu knabbern, was er gesehen hat. Obwohl er in seiner Karriere schon so manchen Sturz miterlebt hat. „In den 40 Jahren als Trainer habe ich Tausende Keirinläufe gesehen. Das war jetzt der achte Sturz“, zählt er auf. Was passiert ist, war sehr unterschiedlich. „In Cali beim Weltcup ist es auf der Zielgeraden passiert.“ Bei Alessa-Catriona Pröpster, die mit einer Kollegin in London über die Bande gestürzt war, habe sich der Lenker verhakt. Verhindern ließen sich derlei Stürze nicht. „Da wo Alessa eingeschlagen hat, haben sie die Bande erhöht.“ Doch die Erhöhung der Bande sei auch nicht die ultimative Lösung und könne das Ganze für die Athleten umso gefährlicher machen. „Wenn die Bande vier bis sechs Meter hoch ist, die Sportler zurückprallen, zurückgeschleudert werden auf die Bahn, können sie sich das Genick brechen“, verdeutlicht er die Kräfte, die bei 60 bis 70 Stundenkilometer zu Kettenreaktionen führen.
Einfach nur tragisch
Was dann passiert sei, sei tragisch und schlimm für die Zuschauer und für alle, die bis dahin Überragendes geleistet hätten. „Die Ausrichtung war eine Herkulesaufgabe“, sagt Ziegler. Und dann kommen auch bei ihm die Bilder wieder in den Kopf. Er hat vom Innenraum durch die Pavillons aus gesehen, wie die zwei Sportler ausgehebelt wurden und kann sich den Einschlag vorstellen, wenn „sieben Kilo Rad und 80 Kilo Sportler“ mit Höchstgeschwindigkeit über die Bande fliegen. Dann sei alles schnell gegangen. Der Notruf wurde abgesetzt, die Pavillons wurden abgebaut, weil sonst der Hubschrauber alles durcheinandergewirbelt hätte. Die Sponsorenwand wurde vorgeschoben, damit die Verletzten dahinter ungestört behandelt werden konnten. Trotzdem hätten Zuschauer ihre Handys gezückt und sogar den Abtransport der Verletzten fotografiert und gefilmt.
Dass das Rennen abgebrochen wurde, hält der Trainer für die absolut richtige Entscheidung, „aus Respekt vor den verletzten Zuschauern und weil die Sportler ohnehin nicht in der Lage gewesen wären zu fahren“.
Auswertung läuft
Was ihm nicht aus dem Kopf geht ist die Frage, wie sich möglichst verhindern lässt, dass sich sowas wiederholt. Frank Ziegler führt ins Feld, dass bei internationalen Wettkämpfen nur Fahrer starten dürften, die Weltranglistenpunkte gesammelt haben. „Bei der DM darf jeder mitfahren, der eine Lizenz hat. Vielleicht kann man überlegen, ob man nur Sportler zulässt, die zumindest schon bei kleineren Rennen gefahren sind. Die Profis wie Luca Spiegel fahren solche Rennen jede Woche.“
Unter den zehn verletzten Personen, zwei Fahrer, und acht Zuschauer, sei auch eine Person, deren Behandlung nichts mit dem Unfall zu tun habe, sagte Thomas Juschus, Pressesprecher der Titelkämpfe, im Gespräch mit unserer Zeitung. Es gebe Videomaterial zum Unfallhergang: „Für eine Auswertung ist es aber noch zu früh.“
Viele Ehrenamtler
Juschus bezifferte die Anzahl der ehrenamtlichen Helfer bei den Titelkämpfen auf 95 Prozent: „Sie kommen aus Hannover und Berlin und sind dann nach Hause gefahren. Der Unfall war um 15 Uhr. Wir waren bis um 17.30 Uhr auf der Bahn. Es hat sich dann verflüchtigt. Alle waren erleichtert“ – angesichts der Meldung, dass keine Lebensgefahr bestehe.
Am Montag ging der Abbau weiter, während auch der Pressesprecher wieder in seiner Heimat Cottbus eintraf. Er berichtete von jährlicher Überprüfung der Bahn, auch die Vermessung betreffend: „Es muss ja den Kriterien entsprechen.“ Die Bahn sei im Vorfeld abgekärchert worden: „Sie war in einem guten Zustand.“
Die Vorkommnisse am Sonntag nannte der Experte „höchst, höchst selten. In über 20 Jahren habe ich das nur dreimal erlebt“. Über die Bande und den Handlauf in ein Meter entfernt sitzende Zuschauer fliegende Fahrer, das sei physikalisch fast unmöglich: „An dieser Stelle sitzen überall Zuschauer auf der ganzen Welt, ohne Netz und Plexiglas.“