SPEYER Der Stammtisch lebt: Wie sich eine gesellige Tradition in Corona-Zeiten fortführen lässt
Es ist kurz nach 20 Uhr und ich sitze alleine am Schreibtisch im häuslichen Schlaf- und Arbeitszimmer in Ludwigshafen-Rheingönheim. Vor mir ist ein Tablet aufgebaut, das Videochat-Programm Facetime ist geöffnet. Dann kommt der Anruf. Ich gehe ran – und da sind sie tatsächlich live und in Farbe: drei der Stammtischbrüder, einer in Speyer, einer in Herxheim und einer in München. So weit, so gut, aber kann das tatsächlich funktionieren, ein Online-Stammtisch? Zu Beginn läuft’s noch ein wenig schleppend, doch mit der Zeit wird’s gemütlicher: Es wird über Stress bei der Arbeit, über Bad-Renovierungen oder über die Folgen von Corona für die Tourismusbranche geplauscht.
Hier ist Gelegenheit, auf einen großen Pluspunkt des Online-Stammtischs zu verweisen: Niemand muss noch Auto fahren. Ein jeder hat ein leckeres Getränk vor sich stehen. Kredenzt wird heute neben Bier (Corona Extra!) Riesling, St. Laurent, Gin Tonic und Whisky vom Schliersee – natürlich nicht alles bei einem und gleichzeitig, sondern verteilt auf die Stammtischgesellschaft und den Abend. Ein Nachteil dieser Art der Zusammenkunft zeigt sich auch recht früh. Wie gut die anderen zu sehen und zu hören sind, hat nämlich weniger etwas mit dem Promille-Pegel, als vielmehr mit der Qualität der Internetverbindung zu tun – und die ist bedauerlicherweise sehr wechselhaft. Doch das ist nur ein kleiner Wermutstropfen. Ein weiterer: Zwar sind die Getränke preisgünstiger als im Bistro, doch der Service lässt zu wünschen übrig und die Küche hat auch schon zu. Auf das traditionelle Stammtisch-Schnitzel muss deshalb heute verzichtet werden. Konservativ geschätzt sind übrigens deutlich über 1000 der Fleischgerichte von den Stammtischbrüdern und -schwestern über die Jahre im „Detox“ in der Landauer Filmwelt verzehrt worden (Pizzen und anderes nicht mitgerechnet), die Rechnungen der unzähligen Treffen addieren sich auf einen mittleren fünfstelligen Betrag.
Doch zurück zum Online-Stammtisch: Als überraschend unterhaltsam entpuppt sich ein kleines Ratespiel, das wir uns überlegt haben, um den Abend zu bereichern: eine Art Wer-bin-ich mit auf Post-its aufgemalten Fragezeichen auf der Stirn. Alleine die Auswahl der Personen, die es zu erraten gilt, sorgt für gute Laune: von der früheren Geschichtslehrerin über Boris Johnson, Christiano Ronaldo und einen weiteren, heute abwesenden Stammtischbruder bis hin zur ehemaligen SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles. Und dann ist es plötzlich schon halb eins durch – so lange hat der reale Stammtisch wohl noch nie gedauert. Die Online-Version des Stammtischs darf als voller Erfolg gewertet werden. Aber irgendwann möchte ich dann doch wieder das Klirren der Gläser beim Zuprosten hören.