Speyer
Der Speyerer an Abraham Lincolns Seite
In den USA war Hilgard als Eisenbahn-König („Railroad Tycoon“) Henry Villard bekannt. Eine Tafel an dem Anwesen Ecke Johannesstraße/Schulergasse 1 erinnert in Speyer daran. In dem durch ein Geschäfts- und Wohngebäude ersetzten Haus seiner Eltern war er am 10. April 1835 geboren worden. Der 1895 wegen seiner Stiftungen für Gedächtniskirche, Diakonissenhaus und das heutige Gymnasium am Kaiserdom zum Speyerer Ehrenbürger ernannte Hilgard-Villard – Zweibrücken zog wegen ähnlicher Stiftungen nach – ist in Nordamerika auch als Journalist ein Begriff.
Hilgards Vater war königlicher Staatsanwalt in der bayerisch-pfälzischen Kreishauptstadt Speyer. 1839 wurde er an das Oberlandesgericht Zweibrücken versetzt. Dort kam Hilgard junior in die Volksschule, wechselte 1849 auf ein Kolleg im elsässischen Pfalzburg und kehrte zwischen 1850 und 1852 zum Besuch des Gymnasiums am Kaiserdom nach Speyer zurück. Danach sollte er in Würzburg Jura studieren, als das nicht klappte, in München Ingenieurwissenschaften. Auch daraus wurde nichts. Nach einem Streit mit seinem Vater emigrierte er zu Verwandten in die USA und nannte sich Henry Villard.
Als Journalist auf Schlachtfeldern
Als 18-Jähriger zunächst kaum des Englischen mächtig, lernte er diese Sprache so schnell, dass er bald für Zeitungen schreiben konnte. Für die „Cincinatti Daily Commercial“ begab sich Hilgard zunächst nach Denver, um über den Gold-Rausch am Colorado zu berichten. Nach seiner Rückkehr schrieb er darüber ein Buch. Als der Republikaner Abraham Lincoln 1860 zum Präsidenten gewählt worden war, konnte Villard beim „New York Herald“ einsteigen. Dessen Herausgeber James G. Bennett übertrug ihm die Aufgabe, „Abe“ Lincoln von November 1860 bis zu dessen Amtseinführung im März 1861 täglich zu begleiten und in 90 Artikeln darüber zu berichten. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs (1861 bis 1865) erwarb sich Villard als Feldberichterstatter beim Militär Respekt. Dazu kam das Wohlwollen des Präsidenten: Zweimal lud ihn Lincoln ins Weiße Haus ein.
Nach dem Bürgerkrieg, beruflichen Abstechern nach Europa und der Heirat mit Fanny Garrison wurde er in Boston zunächst Sekretär der renommierten „American Social Science Association“ und Herausgeber von deren Journal. Daneben lenkte er das Engagement europäischen Kapitals in amerikanische Eisenbahnwerte in eigene Unternehmen um. Er vermittelte vorwiegend deutsches Geld in US-Firmen wie Oregon Central Railroad, Oregon Steamship, Kansas Pacific Railway, Oregon Railway & Navigation Company. 1880/81 erlangte Hilgard die Kontrolle über die Northern Pacific und gründete zur Entwicklung des pazifischen Nordwestens der USA die Oregon Improvement Company.
Zukäufe in schneller Abfolge
In einer allgemeinen Krise und als Folge von Überspekulation trat Hilgard von seinen Führungsposten zurück. Zwischen 1884 und 1886 lebte er in Berlin, kehrte dann jedoch im Auftrag der Deutschen Bank und des Frankfurter Bankhauses Jacob S. H. Stern in die USA zurück und war bald wieder dick im Eisenbahngeschäft. Er erkannte zudem früh die industriellen Möglichkeiten der Elektrizität. So gewann Hilgard 1889 ein deutsches Konsortium für die Bildung der Edison General Electric Company, deren Präsident er wurde. Parallel kaufte er die New Yorker „Evening Post“, später die Wochenschrift „Nation“. Nach geschäftlichen Misserfolgen zog er sich 1893 ins Privatleben zurück.