Speyer
Der neue Orgelbausachverständige der Landeskirche im Gespräch
Herr Schmidt, die Landesmusikräte haben 2021 zum Jahr der Orgel ernannt. Ist der Titel verdient?
Absolut. Die Orgel ist in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches und ausgefallenes Instrument. Einerseits aufgrund der schieren Größe. Ich kann mein Instrument nirgendwo mit hinnehmen zum Üben. Andererseits hat die Orgel eine wesentliche Eigenschaft, die sie von anderen Instrumenten unterscheidet: Sie kann einen ewigen Ton spielen, wenn ich eine Taste drücke, weil sie einen „mechanisierten“ Atem hat. Das gibt es bei Blas- und Streichinstrumenten zum Beispiel nicht. Die Orgel kann eine besondere Feierlichkeit herstellen, das kennen wir vor allem aus dem kirchlichen Kontext. Das war schon im alten Rom bei besonderen Anlässen so. Dieser eigentlich statische Klang hat eine Ewigkeit. Und das macht die Faszination aus. Außerhalb der Kirche gibt es Orgeln zum Beispiel in Konzertsälen, oder früher im Kino.
Die Kinoorgel ist auch eine sehr interessante Gattung. Warum hat man sie früher bei Filmvorführungen eingesetzt?
Weil ich mit einer Person im Wesentlichen ein ganzes Orchester ersetzen und eine sehr breite Palette an Klängen und Effekten erzielen kann – damit kann man wunderbar einen Film untermalen. Was man heute aus Filmen und auch der Rock- und Popmusik des 20. Jahrhunderts kennt, sind Klänge, die früher oft mit der Kinoorgel erzeugt worden wären, heute aber einfacher mit elektronischen Instrumenten gehen. Das ist auch erstmal nicht negativ gemeint, sondern ein faszinierendes, stilbildendes Mittel in dem Genre, wenn ich da etwa an Pink Floyd oder Mike Oldfield denke. Die beiden größten Orgeln der Welt kommen übrigens aus einem weltlichen Kontext: Die Wanamaker-Orgel in Philadelphia steht in einem Kaufhaus, damals als Attraktion und Werbung gedacht, und in Atlantic City steht ein Instrument in einer riesigen Mehrzweckhalle, die damals einfach nicht anders zu beschallen gewesen wäre. Beide sind darauf angelegt, ein ganzes Orchester abzubilden – und das funktioniert verblüffend gut. Es gibt fantastische Aufnahmen aus Philadelphia mit Transkriptionen von Orchesterwerken.
Sie haben die elektronischen Orgeln angesprochen. Die gibt es auch schon in einigen Pfälzer Kirchen. Werden die elektrischen Varianten die Pfeifenorgeln einmal ablösen?
Ich glaube, beide Varianten werden weiterhin ihren Platz und ihre Bestimmung haben. Die elektronischen Instrumente können heute vordergründig erstmal unglaublich viel. Klänge erzeugen oder sampeln und wiederzugeben, das beherrscht man heute technisch wirklich sehr gut. Und über den Kopfhörer beim Üben klingt das auch überzeugend. Bei einer Orgel gehört aber der Raum zum Instrument – und genau an der Stelle wird es schwierig: Der Schwachpunkt solcher Anlagen liegt in der Regel in der Frage, wie viel Luft sie bewegen und wie viel Klang sie in den Raum ausstrahlen können. Das schlägt sich im Aufwand nieder, den man für Lautsprecher betreiben muss, und für die Anpassung des Klangs an den jeweiligen Raum. Der scheinbare Preisvorteil einer elektronischen Anlage schmilzt dann schnell zusammen – gerade, wenn man 30 Jahre oder 300 Jahre „Haltbarkeit“ mit betrachtet. Trotzdem: Ist eine mittelmäßige Pfeifenorgel, die auch nicht im besten Zustand ist und für den Raum nicht passt, besser als eine elektronische Orgel, die vielleicht für den nebenamtlichen Organisten einfacher zu spielen ist? Es gibt Fälle, in denen die elektrische Orgel gerechtfertigt ist, zum Beispiel in klimatisch schwierigen Räumen. Kritisch sehe ich eher das Angebot an elektronischen Orgeln an sich.
Der Markt für elektrische Orgeln gibt also kaum etwas Brauchbares her?
Leider ist es in vielen Fällen so, dass man sich fragt, ob der zuständige Entwickler in den vergangenen 20 Jahren eine schöne echte Orgel gesehen, gehört und gespielt hat. Oft sind Dinge nicht gut gemacht, die eigentlich nicht viel kosten würden, etwa, die Abmessungen am Spieltisch. Die meisten elektronische Orgeln „von der Stange“ zeugen leider auch nicht von besonderem künstlerischen Verständnis, wenn man das klangliche Material anschaut. Mit der Technik könnte man wesentlich mehr machen. Aber das setzt voraus, dass sich die Hersteller mehr mit den Klängen auseinandersetzen, die sie erzeugen wollen, und der Händler bei Aufstellung und Anpassung an den Raum auch die nötige Zeit zur Intonation investiert. Leider habe ich da selten etwas Gutes erlebt.
Gibt es keine positiven Beispiele für elektrische Orgeln?
Es gibt wenige gute Beispiele, bei denen das gelungen ist: Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche etwa. Die Orgel dort wurde vor einigen Jahren elektronisch ergänzt, weil man zu Recht den denkmalwerten Kern des Instruments nicht verändern wollte. Dort wurde aber viel Geld in Lautsprecher und noch mehr Zeit und Sachverstand in die klangliche Anpassung an den Raum investiert. Das Gegenbeispiel ist, wenn aus falsch verstandenem Innovationsgeist eine Gemeinde unbedingt eine Hybridorgel haben will und dann zu einem mittelgroßen Elektronium noch ein oder zwei Alibi-Pfeifenreihen dazustellt. Die verschlingen zwar zwei Drittel der Bausumme, sind aber musikalisch-ästhetisch oft nahezu wertlos. Das Gesamtprojekt kostet dann auch 100.000 Euro – wofür man auch gerade schon eine kleine und sogar zweimanualige Pfeifenorgel hätte bauen können. Das wäre sicher auf Dauer wesentlich befriedigender gewesen. Es ist einfach ein vielschichtiges Thema. Von Kirchenmusikern wird es oft pauschal abgelehnt, was auch nicht immer gerechtfertigt ist. Das Ergebnis steht und fällt mit dem Intonateur, wie bei der Pfeifenorgel auch, nur eben im Grenzbereich zwischen akustischer und elektronischer Klangerzeugung. Als Physiker und Organist finde ich das spannend. Wenn man aber die elektronische Orgel gemäß „ist doch viel billiger, den Unterschied hört eh keiner“ angeht, führt das fast immer zu unbefriedigenden Lösungen. Das Angebot der Hersteller hilft hier leider kaum.
Orgeln sind nicht billig und Kirchengemeinden knapp bei Kasse. Wie können sie diesen Spagat meistern?
Eine Orgel ist sicher eine der teuersten Anschaffungen für eine Kirchengemeinde. Wir sprechen da von Zahlen deutlich im sechsstelligen Bereich. Heizen und Lüften sind wichtige Themen. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Probleme mit Schimmel wegen des Raumklimas. Regelmäßiges Lüften, das hat früher immer der Kirchen- oder Gemeindediener im Griff gehabt. Heute sind oft mehrere Ehrenamtliche in der Kirche tätig, die Aufgaben sind auf viele Schultern verteilt. Wichtig ist, die Luftfeuchtigkeit zu messen. Wann ist es wie feucht? Gibt es kalte Außenwände? Das muss man im Auge behalten. Die Heizung schnell hochheizen ist schlecht für jedes Holz. Man muss sie regeln, sie sollte nicht mehr als ein Grad pro Stunde hochheizen und abkühlen. Es geht also um Aufmerksamkeit, jemand muss sich zuständig fühlen. Wenn das gegeben ist, kann ein solide gebautes Instrument im Prinzip ewig halten.
Kann eine Orgel auch mehr Leute in die Kirche locken?
Eine Orgel ist definitiv auch gemeindebildend. Fundraising-Projekte etwa, mit dem Ziel, den Orgelkauf oder eine Sanierung zu finanzieren, geben oft einen enormen Schub für die Gemeindearbeit und die Identifikation mit dem Instrument. Auch für die Leute, die sonst eher wenig Berührungspunkte mit der Kirche haben. Mich persönlich hat die Orgel jedenfalls zur Kirchenmusik gebracht, und ich weiß nicht, ob ich ohne die anfängliche Faszination für das Instrument heute noch viel mit der Kirche zu tun hätte – als moderner, aufgeklärter Mensch mit naturwissenschaftlichem Hintergrund. Für mich spielt die Kirchenmusik eine große Rolle. Durch die Orgel wurde für mich Johann Sebastian Bach zum „Anfang und Ende aller Musik“, wie Max Reger so treffend formuliert hat. Und nicht zuletzt habe ich in der Evangelischen Jugendkantorei der Pfalz meine Frau kennengelernt. Und selbst wenn man als kleine Gemeinde weder Kantor noch Kirchenchor zur Verfügung hat: Wenn man eine gewartete Orgel hat und einen guten Organisten, der den Gemeindegesang begleiten kann, dann gibt auch das allein schon die Feierlichkeit, die ich persönlich mit dem Kern der Kirche verbinde.
Ist die Orgel also nur ein Instrument für klassische Kirchenmusik?
Nein, das sind eher meine persönlichen Vorlieben, die da „klassisch“ um Bach, Mendelssohn und Reger kreisen. Die Orgel kann im Jazz aber unheimlich tolle Dinge bewirken und gerade auch im Bereich des Neuen Geistlichen Lieds gewinnbringend sein und eine Brücke schlagen. Daneben habe ich auch eine große Begeisterung für den Progressive Rock des 20. Jahrhunderts: Rick Wakeman setzt mit allen anderen erdenklichen Tasteninstrumenten auch die Pfeifenorgel ein. Oder auf Youtube gibt es eine sehr schöne Transkription von „Bohemian Rhapsody“ von Queen für die Orgel. Wenn man das Instrument also nur auf den kirchlichen Kontext beschränkt, übersieht man sehr, sehr viel, das unheimlich reich ist.
Können Sie sich Kirche ohne Orgel vorstellen?
Für das, was ich an der Kirche mag, gehört die Orgel dazu. Synthetisch gedacht – Kirchengemeinden sollen zuerst Gottesdienste feiern, und dafür sollte man eine Kirche bauen. Für einen erbaulichen Gemeindegesang braucht man dann als Nächstes eine Orgel, um den Gottesdienst noch schöner zu machen – noch bevor man ein Gemeindehaus baut. Aber das ist natürlich meine persönliche Sicht auf die Prioritäten von Kirche, die so nicht unbedingt von allen geteilt werden.
Und wo steht Ihre Lieblingsorgel?
Genau eine Lieblingsorgel gibt es nicht, weil das Phänomen Orgel so vielfältig ist. In Rohrbach steht ein einmanualiges Barockinstrument aus den 1770er-Jahren, das vor einigen Jahren toll restauriert wurde. Das ist ein Traum von einer kleinen barocken Orgel. In Steinweiler steht eine romantische Walcker-Orgel von 1899, pneumatisch, 20 Register, absolut original erhalten und natürlich ganz anders als die in Rohrbach. Ein weiterer Orgeltyp, der mich immer mehr fasziniert, sind die elektropneumatischen Instrumente der Firma Steinmeyer, wie sie in den Apostelkirchen in Ludwigshafen und Kaiserslautern stehen oder auch in St. Maria in Landau.